Interview mit Michael Schumacher (Archivversion) »Bin eher ein Harley-Fan“

Der siebenmalige deutsche Formel-1-
Weltmeister Michael Schumacher hat
sich einen Traum erfüllt und fuhr auf der Motorrad- und F1-Grand-Prix-Strecke in Mugello erstmals ein MotoGP-Motorrad. Das Ducati-Werksteam, wie Schumachers Ferrari-Truppe von Marlboro finanziert und auf Bridgestone-Reifen unterwegs, rückte dafür eine Desmosedici heraus. Schumacher nahm sich Zeit. Er fuhr zwei je 20 Runden lange Sessions, verblüffte fachkundige Beobachter mit einer Run-
denzeit, die nur 20 Sekunden über dem
Streckenrekord lag, und gab MOTORRAD Auskunft über sein Verhältnis zu Motorrädern und dem besonderen Erlebnis
mit der Desmosedici.

Herr Schumacher, als genialen Autofahrer und talentierten Fußballer kannten wir Sie ja, aber jetzt haben Sie sich außerdem noch als
sehr geschickter Motorradpilot bewiesen – bei Ihren Proberunden auf der MotoGP-Ducati in Mugello haben Sie die fachkundigen Beobachter verblüfft. Wann und wie haben Sie Motorrad fahren gelernt?
Hm, jetzt könnte ich sagen: schon als Kind. Da hatten wir so eine alte Honda Dax, und ich war bei meinen Kumpels für meine abrupten Starts berüchtigt – die sind dabei öfter mal hinten von der Sitzbank gerutscht. Aber im Ernst: Mit Motorrad fahren hatte das natürlich nicht viel zu tun.
Haben Sie in Ihrem privaten Fuhrpark ein Motorrad?
Ja, ich habe eine Harley-Davidson V-Rod, die mag ich gerne. Um ehrlich zu sein: In Sachen Motorrad bin ich ein Schönwetter-Fahrer. Wenn die Sonne scheint, bekomme ich einfach Lust herumzukurven. Ich mache dann sehr gerne mit Freunden eine Tour, weil man so die Natur ganz anders mit-
bekommt als im Auto. Wir fahren alle Harleys – da sitzt man
gemütlich drauf und hat wirklich Zeit genug, sich mit der Umgebung zu beschäftigen. Wenn wir in Amerika sind, mieten wir uns die ganz Großen – mit Radio, das ist immer extrem lustig.
Ist die V-Rod Ihr Lieblingsmotorrad?
Also, ich bin wohl schon am ehesten ein Harley-Fan.
Einen Supersportler würde ich privat nicht fahren, auf einer Harley ist es sicher einfacher, mit den Kumpels Spaß zu haben.
Kommen Sie bei Ihrem vermutlich prallvollen Terminkalender überhaupt dazu, Motorrad zu fahren?
Aber sicher. Vielleicht nicht ganz so oft, wie ich es mir wünsche, doch immer noch häufig genug. Im Sommer war ich mit ein paar Freunden in Norwegen unterwegs – in der Formel-1-Sommerpause. Abschalten und Vergnügen haben in einem – das war toll.
Was hat Sie denn an der MotoGP-Ducati in Mugello am meisten beeindruckt? Motorleistung, Bremsen, Geschwindigkeitserlebnis – oder etwas ganz anderes?
Diese Instabilität bei hohen Geschwindigkeiten. Und dann wird
das Hinterrad beim Bremsen so leicht, das macht die Sache nochmals
instabiler – das ist schon ganz anders als beim Formel-1-Fahren.
Die Rundenzeiten, die Sie gefahren sind, lassen sich ohne ordentliche Schräglage nicht realisieren – das kennen Sie aus dem Formel-1-Auto nicht. Wie kamen Sie
damit klar?
Ich musste mich logischerweise daran gewöhnen und langsam
herantasten. Und mit Randy Mamola hatte ich ja einen perfekten Lehrer an der Box, der hat mir alles erklärt. Nach den ersten Runden bin ich dann schon – glaube ich – ordentlich Schräglage gefahren. Ich wollte aber
vor allem auch nicht abfliegen, zumal ich am Tag darauf mit dem Ferrari-Dreisitzer einige Leute um den Kurs in Fiorano chauffieren wollte.
Sie kennen Mugello aus dem F1-Cockpit natürlich sehr gut – hat Ihnen das auf der Desmosedici irgendwie geholfen? Oder sind Linien und Bremspunkte vom F1 und dem MotoGP-Motorrad zu verschieden?
Mugello gut zu kennen war eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass ich von Ferrari überhaupt die Erlaubnis bekam, die MotoGP-Maschine zu fahren. Ein völlig neues Fahrzeug und dazu eine unbekannte Strecke – das wäre wohl etwas zu viel des Guten gewesen.
Loris Capirossi fährt auf der Desmosedici am Ende der Zielgeraden in Mugello schon mal 340 km/h.
Haben Sie sich getraut, das Gas ganz aufzureißen?
Die Geschwindigkeit an sich war kein Problem – ich glaube, ich hatte gleich 300 km/h drauf. Etwas anderes war es, bei diesen Geschwindigkeiten über die Kuppen zu fahren, die es in Mugello gibt. Daran musste ich mich wirklich erst gewöhnen.
Was halten Sie für schwieriger: Dass ein schneller Motorradrennfahrer auch ein schneller Autorennfahrer werden kann oder umgekehrt?
Ganz sicher bin ich nicht. Doch ich glaube, es ist schwieriger, vom Auto aufs Motorrad umzusteigen.

Die Fragen stellte MOTORRAD-Sportredakteur Andreas Schulz

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