Interview mit Pit Beirer (Archivversion) «Die zweite Stufe wird im Juni gezündet“

Noch nie standen die Chancen so gut wie heute. In dieser Saison möchte Kawasaki-Werksfahrer Pit Beirer (3) den langersehnten 250er WM-Titel holen. Derzeit liegt der 26jährige noch auf dem zweiten WM-Rang.

? Hut ab, Sie schlagen sich als Zweiter in der WM-Tabelle hervorragend. Zufrieden?Zufrieden kann man nie sein, solange man nicht ganz vorn ist. Aber sagen wir so: Es läuft wunschgemäß.? Nach der schweren Knieverletzung von Weltmeister Stefan Everts und dem Weggang von Vize Sébastien Tortelli in die USA müßten Sie, als einsamer WM-Dritter des vergangenen Jahres, die Konkurrenz aber beherrschen. Warum klappt´s denn nicht mit der Dominanz?Die anderen sind besser geworden. Frédéric Bolley hat die Nummer-eins-Position bei Honda beflügelt, Marnicq Bervoets ist seinen sportlichen Alptraum Stefan Everts losgeworden und fährt befreiter auf. Zudem war eine Dominanz von mir in den ersten fünf WM-Läufen nicht geplant.? Halten Sie sich noch zurück?Nein, das natürlich nicht. Aber mein neuer belgischer Konditionstrainer hat mein Trainingsprogramm so angelegt, daß ich erst in der zweiten Saisonhälfte zur Hochform auflaufe. Die jetzige Situation hat er mir vorhergesagt. Das Ziel ist derzeit, konstant und möglichst risikolos vorn mitzufahren. Und das gelingt mir. Ich weiß aber natürlich auch, daß ich vom Tempo her noch was bringen muß, um Weltmeister zu werden. Doch diese zweite Stufe wird im Juni gezündet.?Ihr Kontrahent Stefan Everts hat mit 15 Jahren seine erste Moto Cross-Saison bestritten. Mit 19 war er Weltmeister. Sie kämpfen als Profi schon seit 1990 in der WM. Dauert´s Ihnen mit dem Titel nicht zu lange?Ich spüre, daß ich erst jetzt das erste Mal in meinem Leben alle Elemente zusammenbringen konnte, die mir den Titel ermöglichen können. Vom Alter her, ich bin jetzt 26, muß ich diese Chance aber auch beim Schopf packen. Stefan hatte mit seinem Vater Harry, dessen Verbindungen und Erfahrungen von Beginn an schon einen Riesenvorteil. Man kann sich im Rennsport nicht alles erkaufen. Manche Mosaiksteine zum Erfolg muß die Zeit bringen. Das geht mal schneller, mal langsamer.?Auch heute feilen Sie noch gewaltig an Ihrem Fahrstil. Seit neuestem hilft Ihnen der ehemalige WM-Spitzenfahrer Dietmar Lacher dabei.Ja, Dietmar war immer ein Stilist. Wir trainieren gemeinsam, und er kann mir noch viel zeigen. Jeder Spitzen-Crosser besitzt in der WM einen persönlichen Coach. Insofern war es auch notwendig, daß ich jemanden wie Dietmar gefunden habe.?Sie beklagen oft Ihr wenig ausgeprägtes Fahrtalent. Hätten Sie es in einem anderen Sport nicht leichter zum Erfolg bringen können? Sie waren ja früher recht erfolgreicher TurnerDas war nie mein Traum. Schon als ich drei Jahre alt war, wollte ich Motorrad fahren. Mein Vater hat mich dann sieben Jahre lang vertröstet, dann war der Drang so stark, daß er bis heute gehalten hat. Davon abgesehen habe ich noch keinen Sport gefunden, den ich nur annähernd genauso gern betreiben würde wie Moto Cross. Halt, vielleicht Formel 1 oder Motorrad-Grand Prix. Da würde ich schon gern mal mein Talent ausprobieren.?Finanziell hätten Sie als Straßen-GP-Pilot auf vergleichbarem Niveau zudem ein wesentlich dickeres Bankkonto. Kommt da gelegentlich Neid auf?Eigentlich nicht. Die Entscheidung, welchen Sport man betreibt, trifft ja jeder selbst. Im Moto Cross genügt wenig Geld, um eine Karriere zu starten und sich nach oben zu kämpfen. Auf der Straße ist man viel mehr von Sponsoren und dem richtigen Material abhängig. Dieser Weg war mir zu unsicher, als daß ich da hinwollte.?Gesetzt den Fall, Sie erreichen dieses oder nächstes Jahr Ihr persönliches Limit in der 250er WM, Titel oder nicht. Ist dann die Moto Cross-Karriere von Pit Beirer beendet?Nein, ich möchte unbedingt die 500er WM fahren. Das war schon mein Traum, als ich noch als Fan die Rennen besuchte.?Haben Sie sich schon mal überlegt, was Sie nach Ihrer Karriere beruflich unternehmen möchten?Das ist eine schwierige Frage, die ich im Moment nicht klar beantworten kann. Dietmar ist als Importeur von Fox-Bekleidung ein Beispiel, wie man den Sport, den man so geliebt hat, mit dem beruflichen Leben kombinieren kann. Sowas könnte ich mir auch vorstellen. Aber das ist nicht genau zu planen. Man muß eben manchmal zur richtigen Zeit am richtigen Platz sein.?Und damit umzugehen lernen, daß sich nicht mehr alles um Pit Beirer, den Moto Cross-Star, dreht. Ein Leben als Spitzenathlet ist doch letztlich unerhört egozentrisch.Das weiß ich selbst, und ich bin auch bereit, mein Bewußtsein umzustellen, wenn dieser Zeitpunkt kommt. Auf der anderen Seite muß man sehen, daß sich zwar viele um mich kümmern, daß ich am Sonntag nachmittag hinterm Startgitter aber nach wie vor auf mich allein gestellt bin. Ich muß den Druck aushalten, ich gehe die Risiken ein, ich muß mich schinden. Dafür erntet man all die Bewunderung, wenn´s klappt, aber auch alle Konsequenzen eines Mißerfolgs. Diese Extremsituation kann man nicht ewig aushalten. Ich denke, irgendwann bevorzugt man ganz bewußt das normale Leben. Das hat ja nicht nur Nachteile. Einen festen Wohnsitz, Familienleben, Urlaub, all das gibt ein Profi ja weitgehend auf. Für mich gilt das, seit ich 15 Jahre alt bin.?Würden Sie manche Dinge Ihrer Karriere in der Retrospektive nicht dennoch anders anpacken?Ich hätte meine erste Chance, in ein Werksteam zu wechseln - das war das Angebot von Kawasaki Ende 1994 - nutzen sollen. Doch damals war ich noch nicht bereit, mein damaliges Umfeld zu verlassen.?Sie kennen aber auch die Nachteile eines Werksfahrer-Daseins.Ganz klar. Wenn´s nicht läuft, tröstet dich keiner nach dem Rennen. In einem Werksteam bist du allein. Du wirst bezahlt für Leistung. Nichts anderes zählt.?Sie trainieren nahezu besessen. Muß man als Moto Cross-Profi Masochist sein?Jeder Profi-Sportler muß bereit sein, gegen sich selbst zu kämpfen. Für Radfahrer oder Leichtathleten ist das normal. Nur im Motorsport denken viele, mit ein bißchen Fahren ist alles getan. Nur funktioniert das eben nicht.?Wann haben Sie Ihr letztes Bier getrunken?Am Abend nach dem WM-Laufsieg in Venezuela vor vier Wochen.Und davor?Hmm, das war das einzige in diesem Jahr.?Was geschieht, wenn Sie den WM-Titel nicht gewinnen?Wenn einer besser war wie ich, muß und kann ich damit leben. Wenn ich durch eigene Fehler den Titel verpasse...nein, das wird nicht passieren. Darüber brauchen wir nicht zu diskutieren.?Ist der WM-Titel ohne Everts und Tortelli in diesem Jahr weniger wert?Ich möchte nicht übertreiben, aber ich denke, ich hätte den Anschluß an die beiden hergestellt. Es wäre gelogen zu behaupten, ohne Everts sei die WM genauso schwer wie vorher. Sagen wir mal, sie wäre mit Everts noch interessanter geworden.?Was geschieht, wenn Sie den WM-Titel in diesem Jahr gewinnen?Da ich die Party-Qualitäten meiner Kumpels und meiner Familie kenne, wird schon die zu erwartende Fete ein Grund sein, den WM-Titel zu gewinnen.

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