Interview mit Sete Gibernau (Archivversion) Konkurrenz- kampf mit Loris ist okay

Sete Gibernau galt Anfang 2005 als der Honda-
Pilot, der Valentino Rossi den WM-Titel abjagen sollte. Doch es wurde eine Katastrophensaison. Nach seinem Scheitern wechselte er zu Ducati.

Herr Gibernau, wie klappt die Zusammenarbeit mit Ducati zwei Monate nach Ihrem Wechsel von Honda?
Ausgesprochen gut. Je länger ich hier bin, desto klarer wird mir, dass meine Entscheidung, zu Ducati zu wechseln, richtig war.
Gibt es Unterschiede zu Honda?
Klar, die beiden Hersteller könnten kaum verschiedener sein. Ducati ist natürlich viel kleiner, daher ist die Atmosphäre
familiär. Bei Ducati atmet man mehr Rennleidenschaft, die sind genauso begeistert bei der Sache wie ich. Ich fühle mich hier gut aufgehoben.
Ihr Teamkollege Loris Capirossi war von Anfang an beim Ducati-MotoGP-Team dabei und galt bislang inoffiziell als Fahrer Nummer eins. Das dürfte mit Ihrer Ankunft vorbei sein. Ergeben sich daraus Probleme?
Nein. Persönlich mögen wir uns, aber wir sind beide starke Fahrer und wollen selbstverständlich gewinnen. Meiner Meinung nach ist es besser, wenn es keine Nummer eins und Nummer zwei gibt, denn wir sind bei Ducati ja sowieso nicht viele, und
Loris und ich brauchen uns gegenseitig, um das Motorrad bis
zur Topform zu entwickeln. Wenn es danach zum Konkurrenzkampf zwischen uns kommt, ist das okay, weil das heißt, dass
wir gut gearbeitet haben. Doch zunächst steht die Zusammen-
arbeit an erster Stelle.
Wie fährt sich die Desmosedici im Vergleich zur Honda?
Ich habe erst wenige Proberunden mit der Ducati gedreht, die RC 211 V dagegen kannte ich nach drei Jahren bis ins kleinste Detail, daher
kann ich dazu noch nicht viel sagen. Grundsätzlich ist die Honda eine Fireblade mit jeder Menge PS, in der Desmosedici steckt mehr Handarbeit. Ich muss sie erst noch komplett verstehen, damit ich sie bestmöglich nutzen kann. Aber das Potenzial zum Siegermotorrad hat sie auf jeden Fall.
Die Reifen sind für Sie auch eine neue Er-
fahrung, nach langen Jahren auf Michelin fahren Sie jetzt auf Bridgestone. Wie gehen Sie da ran?
Ich muss zusammen mit den Technikern Reifen entwickeln, die meinem Fahrstil entsprechen. Ich bin größer als Loris, wiege mehr, und ich lege mich nicht ganz so stark in die Kurven wie er. Deswegen brauche ich sowohl andere Reifen als auch eine andere Abstimmung des Motorrads.
2005 war keine einfache Saison für Sie. Sie sind als Mitfavorit auf den Titel gestartet, wurden am Ende nur Siebter. Woran lag’s?
An sich bin ich gut gefahren, zum Teil hatte ich einfach Pech, etwa als mir in Brünn das Benzin ausging. Und gegen Ende der Saison war ich dann zugegebenermaßen auch nicht immer hundertprozentig konzentriert. Doch das ist Vergangenheit, ich schaue jetzt lieber in die Zukunft.
Wie bereiten Sie sich auf die Saison vor?
Ich haben einen eigenen Fitness-Trainer, mit dem gehe ich zum Rad- und Skifahren oder zum Laufen, außerdem trainiere ich auf der Crossstrecke, lasse allerdings die Sprünge wegen der Verletzungsgefahr weg. Ein mentales Training
mache ich nicht, denn wenn ich körperlich in Form bin, fühle ich mich auch psychisch fit.
Was erwarten Sie sich 2006?
Eine sehr schwierige Saison. Ich werde hart arbeiten müssen, aber zum Glück habe ich mit Ducati ein starkes Team gefunden, das voll hinter mir steht. Und vor allem erwarte ich einen Gibernau, der mehr gibt als je zuvor.
Das Interview führte
MOTORRAD-Italien-Korrespondentin Eva Breutel

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