Interview mit Valentino Rossi (Archivversion)

»Schwierige Suche nach neuer Herausforderung“

Valentino Rossi spricht mit MOTORRAD über die ihm angedichteten Formel-1-Pläne – und was ihm im Leben wirklich wichtig ist.

Dein möglicher Formel-1-Einstieg hat zuletzt mehr Schlagzeilen gemacht als deine Titeljagd. Was ist Stand der Dinge?
Im Zusammenhang mit den an-
geblich bereits eingeplanten regelmäßigen Tests im nächsten Jahr wurden wieder
einmal die Tatsachen verdreht. Was Ross Brawn wirklich gesagt hat: Wenn Valentino kommen will, dann braucht er diese Tests. Die Journalisten haben das kleine Wörtchen »wenn« vergessen, als sie ihn zitiert und dann mich dazu gefragt haben. Insgesamt sage ich nur: Ferrari ist eine Möglichkeit, doch es ist absolut nichts entschieden. Und jetzt möchte ich nicht mehr über die Formel 1 reden.
Lieber über den »Kindergarten«, als den Renault-Teamchef Flavio Briatore den Motorradsport bezeichnet hat?
Ich will nicht einmal genau wissen, was Briatore gesagt hat. Der und ich werden uns sowieso niemals einig sein, und ich habe glücklicherweise Wichtigeres zu tun, als nachzulesen, was er über mich geäußert hat. Das Einzige, was ich zu sagen habe: Ich habe mich im Kindergarten stets wohl gefühlt.
Alle reden von der Formel 1 – und nur wenige wissen, dass du für den 1. November
Asphalt-Tests mit dem Subaru-World-Rallye-Car
geplant hast und am 12. Dezember mit diesem Auto ins Gelände gehst. Gehört deine wahre Liebe immer noch den Auto-Rallyes?
Rallyes waren immer meine große, große Passion, schon als ich sehr klein war. Sie hatten in meiner Zuneigung immer den zweiten Platz hinter Motorrädern. Nur dass die Schlagzeilen nicht so groß gedruckt werden wie in der Formel 1. Jetzt mache ich diese Tests, und dann bestreite ich am Jahresende noch zwei Rennen mit dem Werks-Subaru. Doch es ist schwierig für mich, in der kurzen Vorbereitungszeit den nötigen Speed zu finden.
Ist das Rallye-Fahren nur eine Liebelei oder eine ernsthafte Erwägung für die Zukunft?
Eine ernsthafte Erwägung.
Sprechen wir über den Zweiradsport. Du hast bereits gesagt, dass du dir nicht vorstellen kannst, weitere fünf Jahre mit Yamaha die gleichen Siege zu wiederholen. Wo liegt die nächste Herausforderung?
Die Frage nach dem Danach habe ich mir schon viele Male gestellt und noch nie eine gute Antwort bekommen. Um meine Karriere auf zwei Rädern fortzusetzen, müsste ich neue Reize finden, etwa in zwei Klassen anzutreten, ein anderes Motorrad auszuwählen oder nochmals ganz von vorn anzufangen, vielleicht in der Sport-Produktionsklasse... Ich habe sogar bereits an
die Superbike-WM gedacht, doch die derzeitige Formel gefällt mir nicht, sie käme
für mich einem Rückschritt gleich. Ich
habe auch die 125er-Klasse in Erwägung gezogen, bin aber schon fast jenseits des Höchstalters...
Die Idee, in der MotoGP- und der 250er-Klasse anzutreten, klingt demnach am verlockendsten. Wie bist du darauf gekommen?
Es war eigentlich nicht meine Idee, sondern sie kam von den Journalisten. Sie wurde mir nahe gelegt, weil Freddie Spencer das Gleiche in der Vergangenheit gemacht hat. In der ersten Begeisterung war bereits davon die Rede, ich könnte beim Saisonfinale in Valencia mit einer 250er an den Start gehen – doch das hat keinen Sinn, ich würde Letzter werden. Erst müsste ich eine 250er ausprobieren, das richtige Set-up finden und mich eingewöhnen.
Bei näherer Betrachtung zeigen sich aber auch für die Zukunft Schwierigkeiten. Heutzutage haben wir 17 Rennen, und eine solche Saison in zwei Klassen zu bestreiten ist wirklich hart. Außerdem habe ich die 250er-Weltmeisterschaft bereits gewonnen, es ist also anders als bei Freddie Spencer nichts, was ich zu beweisen hätte. Vielleicht ist
das Ganze keine ganz so tolle Idee, wie es zu Anfang ausgesehen hat.
Eine andere Idee wäre es, wie gesagt, das Motorrad zu wechseln. Aber ich mag mein Umfeld bei Yamaha, mir geht es dort sehr gut. Ich weiß nicht, ob ich mit einem an-
deren Motorrad den gleichen Spaß hätte und ob man dort genauso kompromisslos für den Erfolg arbeiten würde.
Der Traum deiner Fans wäre aber sicher, einen italienischen Weltmeister Rossi auf einem
italienischen Motorrad feiern zu können. Aprilia ist keine Option mehr. Was spricht gegen Ducati?
Im Prinzip nichts. Ducati ist auf jeden Fall eine Option – die letzte, die ich in diesem Sport habe. Es gibt drei Top-Motorräder im MotoGP-Feld: Honda bin ich bereits gefahren, jetzt sitze ich auf einer Yamaha, und als Drittes gibt es noch Ducati. Die Idee mit dem italienischen Fahrer auf dem italienischen Motorrad ist gut, doch auch hier ist die Umsetzung schwierig.
Wo liegen diese Schwierigkeiten?
Ich habe bereits in der Vergangenheit mit Ducati gesprochen, und der Ansatz dort ist grundverschieden von dem bei Yamaha. Die Atmosphäre in meinem Team ist viel, viel besser als in allen anderen Teams. Ich mag mein Umfeld bei Yamaha sehr, denn jeder macht seinen Job so gut er irgend kann, gibt sein Bestes, und das ist sehr wichtig für mich. Es herrscht eine Basis hundertprozentigen Vertrauens zwischen mir, den Ingenieuren und meinen Technikern. Wenn ich etwas sage, kriege ich nicht zur Antwort: Ah ja, wir werden mal sehen. Sondern sofort: Okay, wir tun das. Andersherum ist es das Gleiche. Wenn Yamaha
mit einer Modifikation kommt, teste ich die
Änderung mit ganzem Einsatz. Deshalb fühle ich mich aufgehoben, auf dem besten Platz im MotoGP-Feld, den es gibt.
Die radikalste Frage: Du warst der Letzte, der auf Honda einen MotoGP-Titel erobert hat und könntest bei einer Rückkehr als Erlöser auftreten. Würde es dich reizen, Honda auf diese Weise eine weitere Lektion zu erteilen?
Wenn nicht irgendetwas ganz Unvorgesehenes, ganz Unglaubliches passiert: nein.
Wo wir gerade von Honda sprechen: Siehst du in Dani Pedrosa den künftigen großen Gegner?
Wenn man Dani aus heutiger Sicht mit den MotoGP-Fahrern vergleicht, dann sicher zunächst mal nicht. Die Top-Piloten unserer Klasse sind auf einem einzigarti-
gen, besonderen Niveau unterwegs, das von einem Neuling so einfach nicht zu erreichen ist. Doch Pedrosa ist sicherlich der Beste der jungen Leute, die einst auf die vorderen Plätze nachrücken werden. Er ist sehr jung, fährt sehr, sehr gut, legt sich eine gute Taktik zurecht, ist clever.
Denkst du, dass sein geringes Gewicht ein Handicap sein wird?
Er ist tatsächlich sehr klein. Aber Honda baut deshalb gerade eine extrem kompakte Maschine für ihn. Außerdem kommt 2007 die Umstellung auf 800 cm3, was ihm die Sache erleichtern dürfte.
Apropos andere Rivalen: Du hattest nie eine innige Freundschaft mit deinen Gegnern, um es vorsichtig auszudrücken. Brauchst du ein starkes Feindbild, um so überlegen zu sein?
Freundschaft ist sowieso ein großes Wort zwischen Rennfahrern. Ein normaler Mensch hat vielleicht zehn gute Freunde in seinem Leben, und viele dieser Freundschaften sind bereits in früher Jugend entstanden. Freundschaften sind aber auch innerhalb des Fahrerlagers möglich, zum Beispiel hatte ich mit Gibernau immer ein gutes Verhältnis – bis zu dieser Aktion in Qatar im letzten Jahr, als er mich in die
letzte Startreihe protestieren ließ. Damit war unser Verhältnis zerrüttet. Doch für mich ist es nicht wichtig, mir den Rivalen als Feind auszumalen – denn ein Feind ist er sowieso.
Trotzdem ist es fair zu sagen: Seit diesem Qatar-Rennen bist du noch stärker geworden, und Sete hat kein Bein mehr auf die Erde gebracht.
Stimmt. Seither habe ich ein biss-
chen mehr gegeben...
Solche und viele andere Begebenheiten hast du in deiner neuen Autobiographie geschrieben, die in England sofort zum Bestseller wurde. Was glaubst du, was die Leute so sehr an der Person Valentino Rossi interessiert?
Das Buch ist einfach deshalb so interessant, weil ich so viele tolle Geschichten erzählen kann. Ich denke, für jemanden, der sich mit Motorrädern beschäftigt, ist es lustig, all das nachzulesen. Vor allem, weil ich zum ersten Mal versucht habe, meinen eigenen Werdegang und viele Storys aus meinem Leben und meiner Karriere zu erklären, ohne dass sie jemand gefiltert hätte. Das, was wirklich passiert ist. Unzählige Male ist das, was ich gesagt habe, von Journalisten gefiltert oder verfremdet wiedergegeben worden und hat einen anderen Sinn ergeben, als was ich wirklich meinte. Doch dieses Buch habe ich selbst geschrieben, und das macht es authentisch.
Du tust, was dir Spaß macht, bist sehr erfolgreich und dabei von Verletzungen verschont geblieben, hast eine hübsche Freundin und jede Menge Geld – bist du der glücklichste Mensch auf der Welt?
Ich bin in der glücklichen Situation, für besondere Leistungen mit besonders viel Geld honoriert zu werden. So wie viele andere erfolgreiche Sportler auch außerhalb des Motorradsports. Das ist tatsächlich ein großes Glück. So weit, mich für den glücklichsten Menschen der Welt zu halten, gehe ich aber nicht.


Das Interview führte MOTORRAD-
Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn
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Rossi, Valentino: Interview (Archivversion) - Rossi und die FormeL 1

Valentino Rossi steigt 2007 in einen mit der Startnummer 46 verzierten Formel-1-Monoposto. Für einen Drei-Jahres-Vertrag liegt ihm ein Ferrari-Angebot über 60 Millionen Euro Gage vor. Schon bald unterzieht er sich einem gezielten Training, um für die Fliehkräfte der Formel 1 gerüstet zu sein. 2006 stehen regelmäßige Tests auf dem Programm, um neben dem nötigen Speed auch ein Gefühl für die Abstimmung zu entwickeln – die Schlagzeilen der letzten Wochen.
»Es gibt keinen Grund, warum einer wie Rossi nicht auch in der Formel 1 schnell sein sollte. Es ist leicht, sich auszumalen, welchen Gewinn er für das Image und die kommerzielle Seite unseres Sports bedeuten würde«, bestätigte Ferrari-Technikchef Ross Brawn beim Formel-1-Lauf in Monza. »In diesem Winter und im nächsten Jahr wird Rossi weitere Tests mit uns bestreiten. Das Beste wäre, er könnte einmal pro Monat oder alle sechs Wochen antreten«, fügte er hinzu. Der Tisch war gedeckt für den MotoGP-Weltmeister, fehlte nur noch die Bestätigung von Rossi selbst.
Doch die verkniff sich der umschwärmte Superstar und hielt beim Japan-GP in Motegi sogar ungewöhnlich scharf dagegen. Das, was Brawn über das vermeintliche Testprogramm gesagt habe, sei »bullshit«, meinte er trotzig. »Brawn hat eines vergessen: Ich bin es, der die Entscheidungen über meine Zukunft trifft«, bellte Rossi. »Ich habe mich für ein weiteres Jahr mit Yamaha entschieden und will gewinnen. Wenn ich jeden Monat Testfahrten auf dem Programm hätte, hätte ich gleich in die Formel 1 gehen können. Doch gegenwärtig bin
ich zu 100 Prozent Motorradrennfahrer und brauche dazu meine ganze Kraft und Konzentration.«
Bei jedem anderen würden solche Worte das Ende einer Beziehung bedeuten, die es noch gar nicht richtig gibt, doch für Valentino Rossi gelten andere Gesetze – der rote Teppich bleibt ausgerollt. Ferrari-Sportdirektor Stefano Domenicali antwortete noch während des Motegi-Grand-Prix diplomatisch: »Rossi soll wissen, dass wir ihm in der Box von Maranello alle die Daumen drücken.«
Wenige Tage später meldete sich Brawn vom Formel-1-Lauf in Brasilien zu Wort: »Wir sind an ihm interessiert, eine Verbindung Ferrari-Rossi wäre sehr verführerisch. Es liegt nur an ihm.« Und zum Thema Testprogramm: »Wenn er das Abenteuer Formel 1 ernsthaft in Angriff nehmen will, muss er dem folgen, was ich in Monza gesagt habe.«
Dass Rossi auf vier Rädern nur dann Fuß fassen könne, wenn er sich einem sorgfältigen Aufbauprogramm unterziehe, hatte auch Renault-Teamchef Flavio Briatore verkündet. »Briatore will darauf hinaus, dass es im Gegensatz zum Motorradsport besonderer Kühnheit bedarf, um Formel-1-Fahrer zu werden. Für mich ist die Wahrheit genau umgekehrt«, knurrte Rossi.
Flavio Briatore, ebenfalls nicht auf den Mund gefallen, schoss sofort zurück. »Ich habe Rossi nie kritisiert, sondern nur gesagt, dass er ernsthafte Tests braucht, wenn er sich wirklich in die Formel 1 einmischen will. Wenn er sich für ein Super-Phänomen hält, hm... dann ist es besser, er siegt weiter bei
den Motorrädern, wo er keine Gegner hat. Er ist wie ein Kindergartenkind, das
sich mit Spielzeugen amüsiert. Doch wenn er erwachsen werden will, soll er zu den Großen kommen und zeigen, wozu er wirklich imstande ist.“

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