Interview mit Valentino Rossi (Archivversion)

»Biaggi heult ständig“

Valentino Rossi (großes Foto) und Max Biaggi – zwei wie Feuer und Wasser. Die Rivalität des amtierenden Weltmeisters und des Vizechampions dürfte der neuen MotoGP-WM den Stempel aufdrücken. Auch im MOTORRAD-Interview nahmen sich die beiden Italiener kurz vor dem Saisonstart aufs Korn. Yamaha-Werkspilot Biaggi vemutet 240 PS an der Fünfzylinder-Honda von Rossi. Der hält seine vermeintliche Überlegenheit für maßlos übertrieben und kontert, sein Erzfeind sei eine Heulsuse.

?Nach deinen ersten ausführlichen Tests im November warst du enttäuscht von der Honda RC 211 V. Wie benimmt sich das Motorrad jetzt? In Jerez hatten wir keinen Grip, die Reifen verschlissen vorzeitig, und wir konnten am Set-up drehen, wie wir wollten, es wurde nicht besser. Deshalb gab es eine Krisensitzung, bei der wir die nächsten Tests in Barcelona absagten und die Techniker zurück nach Japan schickten, um die Probleme zu lösen. Sie haben glänzende Arbeit geleistet. Kurz vor Weihnachten gingen wir nach Australien, und das Motorrad war nicht wiederzuerkennen. Ich konnte es erstmals richtig ausquetschen, mit kontrollierten Drifts am Kurvenausgang. Vor allem aber begann es, auf Veränderungen an der Einstellung zu reagieren. Das war entscheidend.?Hat sich auch deine Einstellung geändert, nur 500er-Zweitakter seien die wirklichen Rennmaschinen?Die 500er war ein einzigartiges Motorrad. Schwieriger am Limit zu bewegen als jedes andere, aber ein unglaubliches Vergnügen, wenn du die Kunst des Driftens erst einmal beherrschst. Als ich das neue Motorrad getestet habe und es keine Slides produzierte, war ich enttäuscht. Doch jetzt kann ich es rutschen lassen, und ich bin glücklich darüber.?Habt ihr die Reifenprobleme in Kurvenmitte gelöst, die auf das gewaltige Drehmoment des Fünfzylinders zurückzuführen waren?Ja, dank konzentrierter Kleinarbeit am Motor. Und dank Michelin, die neue Reifen konstruiert haben. ?Warum hast du so lange mit der Unterschrift für deinen neuen Zwei-Jahres-Vertrag gezögert?Bislang hatte ich immer mit Italienern zu tun. Erst mit Aprilia, im Jahr 2000 dann mit Honda Italien. Mit Japanern zu verhandeln war im Vergleich dazu äußerst schwierig. Du weißt nie, wie du sie nehmen sollst und was sie denken. Manchmal sagst du Dinge, die sie falsch interpretieren, sich am Ende jedoch fälschlicherweise im Recht fühlen. Die italienische und japanische Kultur und die Art, das Leben zu verstehen, sind möglicherweise die gegensätzlichsten der ganzen Welt – zwei Arten zu denken, zwei Arten zu leben.?Hat deine Abneigung gegen Tabakwerbung für Komplikationen gesorgt?Das war ein Problem, ja, doch man hätte es leicht lösen können. Stattdessen haben sich die Japaner schrecklich über mich aufgeregt. Aber ich habe meine Grundsätze. Ich kann nicht mein Leben lang sagen, dass ich nicht mit Tabakwerbung einverstanden bin und dann meine Meinung ändern, weil wir einen Tabaksponsor gefunden haben, nach dem Motto: Leute, raucht ruhig. Was lief sonst aus dem Ruder?Nach meinem Sieg letztes Jahr in Motegi wurde ein Treffen mit den Honda-Bossen organisiert. Nach anderthalb Stunden waren wir uns einig, dass ich nicht mehr bei den Acht Stunden von Suzuka antreten würde, dass ich meine NSR behalten dürfe, falls ich die Weltmeisterschaft gewinne, und dass bei den Journalisten-Tests in Jerez auch meine Mechaniker, mein Vater Graziano und mein Freund Ucio das Motorrad fahren dürfen. Außerdem herrschte über meine Gage für 2003 Einigkeit.Als es dann so weit war, durfte die NSR von meinen Leuten nicht getestet werden. Ob ich das Motorrad für den Gewinn der Weltmeisterschaft erhalte, weiß ich bis heute nicht. Und mein Vertrag wurde nicht bestätigt, sondern monatelang weiter verhandelt. Mittlerweile sind sogar die Acht Stunden von Suzuka wieder ein Thema.Was ist so schlimm am Acht-Stunden-Rennen?Die Acht Stunden einmal zu gewinnen verändert dein Leben, sie zwei- oder dreimal zu gewinnen verändert gar nichts. Das Risiko, die Weltmeisterschaft zum Teufel zu schicken für ein Rennen, das wir bereits gewonnen haben, lohnt sich nicht. Siege dort sind Glückssache mit vielen Risikofaktoren. Schon nach vier Runden sind Leute in deinem Weg, die um die Ecken eiern, als wären sie von einem Barhocker in Tavullia direkt auf ein Rennmotorrad umgestiegen.?Glaubst du, dass die Zweitakter dieses Jahr noch mithalten können?Ich denke, dass es vor allem zum Kampf zwischen den Honda- und den Yamaha-Viertaktern kommen wird, dass aber je nach Strecke auch die besten Zweitakter um die Podestplätze mitfahren werden. Neben Biaggi, Capirossi und mir denke ich vor allem an Daijiro Katoh auf der NSR 500. Er ist erstaunlich.Hast du das beste Motorrad?Vielleicht. Aber der Unterschied ist nicht so krass, wie es Biaggi und Capirossi darstellen. Sie heulen ständig. Wenn man die Interviews liest, möchte man ein Päckchen Taschentücher herausholen und selber weinen, so arm sind die beiden dran. Viele schwindeln ein bisschen, um sich zu verteidigen. Es ist besser, das Gas aufzudrehen, und die Leute werden zuschauen und sagen: Ja, er fährt wirklich gut, doch das andere Motorrad war schneller. Statt dessen sagt jeder, was ihm ins Konzept passt. Biaggi und Capirossi sind Professoren in dieser Kunst.
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Interview mit Max Biaggi (Archivversion) - »Rossi hat 240 PS“

?Nach der Saison 2001 hast du erklärt, die Viertakter seien die lang ersehnte Chance zu einem völligen Neubeginn bei Yamaha. Haben sich deine Hoffnungen bestätigt?Momentan schaut es so aus, als würden wir nur testen, testen, testen, ohne große Fortschritte zu machen. Wenn sich bei den ersten Rennen die Informationen bestätigen, die wir von den Honda-Tests haben, wird es sehr schwer sein, dieses Paket zu schlagen.?War Yamahas Philosophie, mit dem M1-Prototyp erst einmal die Performance einer 500er zu erreichen und dann darauf aufzubauen, zu konservativ?Ich weiß nichts von einer solchen Philosophie. Vielleicht ist es so, dass sie erst einmal alle unsere Tests auswerten wollen, bevor sie den entscheidenden technischen Schachzug machen. Im Endeffekt sind alle Materialien und alle Systeme, um einen Motor auf Trab zu bringen, aus der Formel 1 bekannt. Mir ist es nicht gestattet, zu sagen, woran es fehlt. Ich kann auch keinen Kommentar dazu abgeben, ob der Motor von Yamaha zu konservativ ist, denn ich habe keine Ahnung, was drinsteckt. Er kommt aus Japan und geht wieder ins Werk zurück, ohne dass er je von den Mechanikern geöffnet wird.?Wünschst du dir mehr PS?Dass die 500er bei den Tests hier und da immer noch eine halbe Sekunde schneller sind als wir, zeigt ganz klar, dass wir in irgendeinem Bereich unterlegen sind.?Vor einem Jahr gab es Aussagen, 250 PS seien in der MotoGP-WM möglich, aber nur 200 davon sinnvoll zu verwerten. Wie ist der Stand heute?Es gibt jemand, der hat schon diese Leistung und kann sie bereits auf den Boden bringen. Das ist die Erklärung dafür, warum sie so schnell sind. Die Hondas von Rossi und Ukawa haben mehr als 230, 240 PS. ?Letztes Jahr hattest du viele Probleme mit dem Vorderradgrip. Wie ist das Fahrverhalten deiner neuen Maschine?Nicht schlecht. Ich habe ein gutes Gefühl für den Vorderreifen. Das Einlenkverhalten ist ein größeres Problem mit diesem Motorrad. Und das Herausbeschleunigen aus der Kurve. Zwei Probleme, die dringend gelöst werden müssen.?Hast du deinen Fahrstil für den Viertakter umstellen müssen?Eins steht fest: Der Viertakter beschert dir mehr Probleme als der Zweitakter. Wegen der Bremswirkung des Motors tendiert das Hinterrad beim Einlenken zum Blockieren. Das macht dich beim Einbiegen in die Kurve langsam. Wenn du das nicht dadurch ausgleichen kannst, dass du am Kurvenausgang schneller bist, leiden deine Rundenzeiten. Ich denke, deshalb wurde das Hubraumlimit so großzügig mit 990 cm3 bemessen. Mit einer Viertakt-500er hättest du nie im Leben eine Chance.?Es heißt, beim Viertakter könne man das Gas früher öffnen.Wenn du das Gas früher öffnen kannst, aber am Ende der Kurve nicht schneller bist als mit dem Zweitakter, dann hast du keinen Vorteil. Wenn deine Sektionszeit gleich ist wie mit der 500er, obwohl die das Gas später öffnen – wo ist dann der Vorteil? Einen Vorteil hast du erst, wenn du das Gas früh öffnen kannst und gleichzeitig mehr PS hast. ?Andere Fahrer wie Kenny Roberts sind ganz enthusiastisch, weil sie mit ihren neuen Viertaktern endlich nach Herzenslust driften können. Wirst auch du dir das Driften angewöhnen?Um ein Motorrad auf diesem Niveau zu bewegen, muss jeder das Hinterrad zum Durchdrehen bringen. Ich betreibe esnur nicht zum Extrem. Ich denke, mein Fahrstil ist ähnlich wie der von Eddie Lawson. Auch er ließ das Hinterrad durchdrehen, ohne querzustehen. Ich kontrolliere das Motorrad mit den Beinen, nicht mit dem Lenker, trete derart in die Fußrasten, dass ich nach zwei Rennen Löcher in den Stiefeln habe.?Nach deinen Rennstürzen im letzten Jahr wurde dir nachgesagt, du könntest nur mit frischen Reifen schnell fahren.Das ist Bullshit, und ich kann mir schon denken, wer das der Presse eingeimpft hat. Schon bei meinem ersten Halbliter-Sieg 1998 verwendete ich den weichsten Reifen, den Michelin zur Verfügung hatte. Es stimmt also nicht, dass ich das Gas zurückdrehe, sowie sich das Motorrad zu bewegen anfängt. Ich benutze neben McCoy die weichsten Reifen von allen. Geh zu Michelin. Die können dir das bestätigen.?Hat es dich genervt, dass Rossi letztes Jahr derart im Rampenlicht stand?Es war schwer zu akzeptieren, dass Rossi in den Medien als Übertalent dargestellt wurde, obwohl ich genau wusste, das war nicht der Fall war. Ich sage nicht: Rossi ist nicht gut. Doch ich sage auf jeden Fall: Wegen seines guten Motorrads gewann er die meisten Rennen, den Titel und viel Geld. Ich kam dagegen manchmal nicht einmal den anderen Honda-Piloten hinterher.?Glaubst du, dass dieses Jahr wieder die drei italienischen Fahrer vorne sein werden?Ich hoffe. Und ich wäre gern der von diesen dreien, der ganz oben steht. Aber dieses Jahr sind wir Yamaha-Fahrer in den Händen der Ingenieure. Wir können die Zylinder nicht tunen, können nichts an der Vergasereinstellung ändern, können nicht verschiedene Zylinder und Köpfe aussuchen, wie ich es vorher tat. Bei unserem neuen Motorrad kenne ich nicht einmal die Geschwindigkeit der einzelnen Gänge.

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