Interview mit Willie G. Davidson (Archivversion) »Look, sound and feeling“

Gründerenkel Willie G.
Davidson gestaltet seit exakt vierzig Jahren für Harley-Davidson. Und setzt Trends – über die Grenzen von Amiland
hinaus. MOTORRAD
gewährte er Einblicke
und Ausblicke.

Mr. Davidson, Sie prägen seit Jahrzehnten das Harley-Design, sind inzwischen Chef der Design-Abteilung. Wird das nicht langweilig? Woher holen Sie sich Ihre Inspiration? Ich bin kunstinteressiert, selbst begeisterter Maler. Das Gestalten von Motorrädern ist für mich die Kombination aus Kunst und Wissenschaft. Grundsätzlich behandele ich Fahrzeuge als rollende Skulpturen. Jegliche Art von Fahrzeugen. Ich bin das, was man in Amerika »Gearhead« nennt. In meiner Garage stehen neben derzeit 35 Harley auch Sportwagen wie Hot Rods, eine Dodge Viper und eine Chevrolet Corvette. Und wenn es klappt, bald auch ein nagelneuer Ford GT 40. Pünktlich zu Fords hundertstem Geburtstag. Den feiert Harley-Davidson ebenfalls. In diesem Zusammenhang, was ist für Sie wichtiger: Tradition oder Innovation? Das gehört untrennbar zusammen. Bei unseren Motorrädern muss die Mischung aus Look, Sound und Feeling stimmen. Wie bei einem gelungenen Kunstwerk. Sind Motorräder Kunst? Sicher, sehen Sie sich die »Art of Motorcycle«-Ausstellung im Guggenheim-Museum an – einfach toll. Ich bin fasziniert von Klassikern. Auch wenn sie nicht aus den USA stammen? Natürlich. Beispiel Ducati 916. Eine konsequente Sport-Ikone mit typisch italienischem Flair. Ach ja, Glückwunsch an Ducati zum ersten MotoGP-Sieg. Der allerdings nichts daran ändert, dass ich ein Problem mit den übereinander liegenden Scheinwerfern der 999 habe. Futuristisches Design. Wie die V-Rod, an der Sie maßgeblich beteiligt waren. Leitet sie eine Wende der Harley-Philosophie ein? Auf keinen Fall, die V-Rod ist ein neuer Zweig am Stammbaum. Ein sehr tragfähiger übrigens, die V-Rod ist in Deutschland unser meistverkauftes Bike. Sie scheint den Nerv der Kunden zu treffen, erschließt neue Käuferschichten. Genau das ist ihre Aufgabe. Und wenn sie obendrein noch Design-Preise kassiert – umso besser. Die V-Rod ist für Harley revolutionär. Was war der schwierigste Teil der Entwicklung? Die Festlegung des Rahmenkonzepts. Der Rahmen ist bei unseren Motorrädern normalerweise eher versteckt, bei der V-Rod hingegen konstruktionsbedingt sehr prominent. Der großvolumige Luftfilter musste über den Motor, sonst hätte er diesen verdeckt. Deswegen platzierten wir den Tank unter der Sitzbank. Dann war noch ein besonders dynamischer Look gefragt, den wir mit einem flachen Lenkkopfwinkel und der Instrumentenform hinbekamen. Außerdem galt es, einen außergewöhnlichen, weil seitlich angeströmten Wasserkühler zu entwerfen und eine spezielle, leistungsfördernde Auspuffanlage zu integrieren. Das ganze Package muss also aufeinander abgestimmt sein, doch am Anfang stand der Rahmen. Wie groß war Ihr persönlicher Beitrag am Projekt V-Rod? Den kann man schwer messen, wir sind neun Personen im Design Departement und entscheiden in der Regel immer gemeinsam. Und einstimmig. Ich selbst war vom Anfang, also den ersten Sketches, bis zum Schluss, der Pressevorstellung, dabei. Das war sehr spannend. Wird die Harley-Zukunft technischer, sportlicher? Nein, wir werden zweigleisig fahren. Bei den Sportster-Modellen bleibt ein ausgewogenes Preis-Leistungs-Verhältnis wichtiger als die ultimative Performance. Und bei den großen Bikes? Die sind ja nicht gerade billig. Richtig, aber wir verkaufen ja auch nicht bloß Motorräder, sondern ein Lebensgefühl, eine Passion. Dazu gehören Markentreue, Lifestyle, engagierte Händler, unsere Kundenorganisation H.O.G., die inzwischen seit 20 Jahren besteht und über 750000 Mitglieder hat. Nicht zu vergessen unsere Jubiläumsfeiern rund um die Welt. All das ist Teil des Mythos Harley. Der allerdings ständiger Pflege bedarf. Haben Sie dabei in der Vergangenheit Fehler gemacht? Vielleicht, indem wir die Gefahr durch japanische Motorräder, den »Early asian impact«, in den 60er Jahren leichtsinnigerweise unterschätzt haben. Und was ist für Sie das Highlight in 100 Jahren Firmengeschichte? Der Rückkauf der Firma vom Mischkonzern AMF im Jahr 1981. Wir, die 13 daran beteiligten Manager, haben damals in einer schwierigen Zeit persönlich viel riskiert – und gewonnen. Ich habe nicht vergessen, dass die ersten drei Jahre verdammt hart waren. Doch rückblickend haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen. Die Firma steht besser da denn je und wächst ständig – ich blicke deshalb optimistisch in die Zukunft.

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