Interview mit Yamaha-Werksfahrer Colin Edwards (Archivversion) Yamaha ist Familie, Honda Militär

Er hat sich den schwierigsten Job im Grand Prix ausgesucht: Colin Edwards ist
der neue Teamgefährte von Weltmeister Valentino Rossi. Im Interview mit MOTORRAD
erläutert er die Gründe für seinen Wechsel – und seine Erwartungen.

Colin Edwards, Sie haben 2003 Ihre erste MotoGP-Saison auf Aprilia bestritten, wollten dann unbedingt zu Honda. Dort sind Sie nur ein Jahr geblieben und jetzt zu Yamaha gewechselt. Warum?
Bei Honda war das einfach zu viel
Politik. Ich war im Satelliten-Team zusammen mit Sete Gibernau und wusste nie, welches Material ich nun bekomme, welchen Motor, welches Fahrwerk. Und vor allem wusste ich nie, ob jemand anders nicht etwas Besseres gekriegt hatte.

Und Sie sind sich sicher, das läuft bei
Yamaha besser?
Unbedingt. Hier bin ich im offiziellen Werksteam, das sind ganz andere Voraussetzungen. Yamaha will auf Teufel komm raus gewinnen, das ganze Team vibriert regelrecht vor lauter Siegeswillen. Bei Honda war das anders. Das Werk hat schon alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, und alle gehen
davon aus, dass es mehr oder weniger auch weiterhin so laufen wird. Honda, das war wie beim Militär, wo den Fahrern wie Soldaten
das Material für die Schlacht zugeteilt wird. Yamaha dagegen ist für mich wie eine Familie, in der alle gemeinsam daran arbeiten, das große Ziel zu erreichen. Außerdem kenne ich die Leute hier sehr gut. Mit Teamchef Davide
Brivio habe ich bereits von 1995 bis 1997
gearbeitet, als ich in der Superbike-WM für Yamaha gestartet bin. Damals war ich ein
grüner Junge, der das erste Mal aus Amerika herauskam, und Davide hat mir sehr geholfen. Deshalb ist der Wechsel zu Yamaha für mich ein bisschen wie heimkommen.

Aber Ihr Teamkollege heißt Valentino Rossi, und der ist als Weltmeister die absolute Nummer eins. Geraten Sie da nicht ins Hintertreffen?
Einfach ist das nicht, ich muss eben schauen, dass ich ein wenig Distanz aufbaue, zumindest in der Öffentlichkeit. Privat verstehen Valentino und ich uns sehr gut. Natürlich war mir von vornherein klar, dass er die Nummer eins ist. Ich kann ja schlecht ins Team des Weltmeisters wechseln und dann glauben, dass sich alles um mich dreht. Sie brauchen ja nur schauen, wie das heute hier bei der Team-Präsentation in Bormio läuft: Alle, Journalisten wie Fans, sind wie wild
hinter Valentino her, von mir will dagegen kaum einer etwas. Andererseits kann ich so in Ruhe arbeiten.

Im Team mit Rossi – heißt das nicht auch, dass das Motorrad allein auf ihn
abgestimmt wird?
Selbstverständlich. Alles, was Yamaha entwickelt, wird auf ihn ausgelegt sein, und er wird es als Erster testen. Das ist ganz normal. Doch das geht für mich voll in Ordnung, denn unser Fahrstil ist sehr ähnlich. Das hat sich schon
in der Vergangenheit gezeigt, bei den beiden Malen, als wir gemeinsam beim Acht-Stunden-Rennen in Suzuka gestartet sind, damals noch für Honda: ich als Superbiker, er als GP-Pilot. Was für Rossi passt, ist auch gut für mich.

Gilt das ebenfalls für den MotoGP-Renner?
Auf jeden Fall. Die erste Yamaha, die ich gefahren bin, war Rossis 2004er-Modell. Schon nach fünf Sekunden auf dem Motorrad wusste ich: Die Maschine ist perfekt für mich.

Wie läuft das bei den aktuellen Tests?
Die YZR-M1 ist im Vergleich zum Vorjahr ganz neu, mit anderem Rahmen, überarbeitetem Motor, neuer Gewichtsverteilung, mehr Leistung und größerer Stabilität hinten – alles Änderungen, die Valentino wollte. Jetzt geht es um die Abstimmung. Und hierbei kommen wir tatsächlich stets zu den gleichen Ergebnissen. Klar habe ich versucht, mit meinen Technikern Neues auszuprobieren, etwa eine andere Software, eine andere Abstimmung hinten als er, um vielleicht irgendwo einen Vorteil zu ergattern – aber am Schluss hatten wir dann doch die gleichen Lösungen. Seine M1 ist sozusagen auch meine M1. Für Yamaha ist das gut, denn wenn zwei Fahrer in die gleiche Richtung arbeiten, tut sich das ganze Team leichter. Für mich heißt es, dass sämtliches Material, das Yamaha mir
liefert, wohl immer perfekt zu meinem Fahrstil passen wird, selbst wenn ich es vorab nicht getestet habe. Dass ich es eben etwas später bekomme als Rossi – das lässt sich verschmerzen.

Wie wichtig sind die Reifen inzwischen im GP-Zirkus?
Enorm wichtig. Manchmal fast schon zu wichtig, auf einigen Strecken kommt ihnen mehr Bedeutung zu als dem
Motorrad selbst. Auf manchen Pisten funktionieren die Bridgestone besser, auf manchen die Michelin. Als Fahrer kannst du da kaum noch etwas machen.

Sie sind nun in Ihrer dritten MotoGP-Saison, und zwar auf Ihrem dritten Motorrad. Bringt der
ständige Wechsel nicht zu viele Nachteile mit sich?
Im Grunde wäre es natürlich besser, wenn man immer das gleiche Motorrad hätte. Aber die Aprilia RS3 war nicht auf der Höhe der Konkurrenz, und warum ich von Honda weg wollte, habe ich ja bereits erklärt. Ein größeres Problem als das Motorrad waren für mich
jedoch die Strecken, denn als langjähriger Superbiker kannte ich viele davon gar nicht. Jetzt, im dritten Jahr, bringe ich doch schon eine gewisse Erfahrung mit. Und zudem kann ich auf Valentinos Abstimmung vom Vorjahr zurückgreifen.

Sie fahren im nächsten Jahr nicht mehr, wie bislang, mit der Startnummer 45, sondern mit der 5. Warum?
Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass mir die 45 kein Glück mehr bringt. 1999 bin ich in der Superbike-WM mit der 5 gestartet, und von da an ging’s steil bergauf bis zum ersten Titel. Vielleicht klappt das ja auch im Grand Prix, mal sehen. Ein bisschen Aberglaube kann schließlich nicht schaden.

Was ist Ihr Ziel für die Saison 2005?
An dem Tag, an dem ich in einem Interview erkläre, dass ich unter die ersten fünf kommen will – an dem Tag hänge ich den Helm an den Nagel und gehe als Rentner heim nach Texas. Nein, ich will gewinnen – was sonst?

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