Interview: Risiko im Temposport (Archivversion) need for speed

Charly Waibel, 38, ist
beim Deutschen Skiverband
als Trainingswissenschaftler angestellt. Sein Job umfasst
die sportwissenschaftliche
Betreuung in allen Bereichen, angefangen von der Physiolo-
gie und Leistungsdiagnostik
über die Biomechanik und die Psychologie bis hin zu Entwicklungen von verschiedenen
Aspekten des Materials, besonders der Aerodynamik.
Waibel arbeitet mit Top-Rennläufern und -läuferinnen
zusammen. Er fährt nicht
Motorrad und hat auch sonst keinen nennenswerten Bezug zum Thema, seine Äußerungen dürfen also als unvoreinge-
nommen gelten. Darauf legt die Redaktion – ausnahmsweise – großen Wert.

Wir wissen alle, dass Ski- oder Motorradfahren mit gewissen Risiken behaftet ist. Warum reicht das einigen Leuten nicht? Warum müssen manche Abfahrt-Rennläufer werden oder die Rallye Paris–Dakar fahren?
Es gibt eben Menschen, die das Extreme und die Herausforderung
suchen und den Kick, der sich daraus ergibt, immer wieder erleben wollen oder müssen. Meiner Meinung nach findet man diese Typen nicht nur im Sport, sondern in vielen Bereichen unseres Lebens: Sie wollen Grenzen
immer wieder hinausschieben.

Und im Grenzbereich lauern Gefahren: Wenn alles normal läuft, müsste es
klappen. Aber eine Kleinigkeit auf der Strecke oder eine winzige Unpässlichkeit des Sportlers machen aus normal eben unnormal – und dann kann es krachen. Wie stark muss der Glaube sein, dass alles normal läuft?
Ich denke, es ist nicht in erster Linie der Glaube, dass alles normal läuft. Sondern vielmehr das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und die
eigenen Stärken, die man sich im Laufe der Jahre antrainiert hat und
die Gefahren durchaus kalkulierbar machen. Ein gewisses Restrisiko muss
übrig bleiben, denn dies macht genau den Reiz der Sache aus, darin liegt die Herausforderung.

Was ist so reizvoll an Herausforderungen?
Unter anderem die zu erwartenden Emotionen. Auch die hormonellen Reaktionen – Stichwort: Endorphine – nach vollbrachter Tat spielen sicher eine ganz zentrale Rolle.

Wenn einer gewinnt, weil er volles Risiko gegangen ist, dann feiert ihn die Öffentlichkeit als Helden. Doch auch den Platzierten wird nur »verziehen«, wenn sie alles gegeben
haben. Kann sich ein Sportler heute noch Sicherheitsreserven leisten? Und wie groß sind die?
Im Skirennsport und dort vor allem in den Speed-Disziplinen kann man sich Sicherheitsreserven eigentlich nicht mehr leisten. Man ist dann nicht nur nicht auf dem Podium, sondern nicht mal unter den besten 30.

Ist es Ihrer Meinung nach menschlich, bis in den absoluten Grenzbereich des
kalkulierbaren Risikos vorzudringen?
Wenn es das nicht wäre, dann hätten wir Amerika wohl heute noch nicht entdeckt und hielten die Erde immer noch für eine Scheibe.

Was geht in Hochleistungsathleten vor, wenn es einen ihrer Kollegen erwischt hat? Wenn einer schwer oder gar tödlich verletzt wurde?
Man analysiert den Unfall, besinnt sich erneut seiner Fähigkeiten und seines Könnens und wird dann in der Regel weitermachen wie zuvor. Bestes Beispiel waren die Mannschaftskameraden des Schweizers Beltrametti, die nach dem schweren Unfall ihres Kollegen zum Teil ihr bestes Saisonergebnis erzielten.

An seinen Rändern sei das Leben am intensivsten, heißt es. Es gibt einen Unterschied zwischen intensiv erleben und übermütig sein. Existiert dieser Unterschied auch im Hochleistungssport?
Den gibt es sicherlich, denn der Übermütige wird nur einmal erfolgreich sein, aber nicht über einen längeren Zeitraum. Das Motto Sieg oder Rettungsschlitten hat noch kein Skirennläufer über längere Zeit überstanden.

Angst ist gesund, doch jeder kennt das irre
Gefühl, die eigene Angst besiegt zu haben. Die Angst zu
besiegen, das gehört sicher auch zum Job eines Abfahrtsläufers. Wie machen die das, wie verschiebt man seine Angstgrenze, wie weit darf man die verschieben?
Ich denke, es geht ab einem bestimmten Niveau weniger darum, die Ängste zu besiegen oder die Angstgrenze zu verschieben, sondern mit den Ängsten klarzukommen, sie zu akzeptieren und Mechanismen zu entwickeln, auch mit Hilfe der Sportpsychologie, sie zu beherrschen. Gegen die Ängste anzukämpfen, das zumindest ist die Erfahrung, die ich in meiner Arbeit gemacht habe, führt in eine Sackgasse, aus der
es dann kein Zurück mehr gibt. Darüber hinaus führt es dazu, dass in kritischen Situationen grundsätzlich falsch reagiert wird, nämlich panisch, und es kommt zum Sturz und zu schweren Verletzungen.

Es gibt riesige Talente, die es allein nicht schaffen, ihre Angstgrenze zu verschieben. Die geraten dann schnell unter Druck. Sollen die es bleiben lassen mit dem schnellen Sport, oder sind die irgendwann dank Training und sportpsychologischer Begleitung womöglich sogar die besseren Athleten?
Die besseren Athleten sind sie wahrscheinlich nicht, aber dass durch entsprechende Maßnahmen die Risikobereitschaft enorm gesteigert werden kann, ist vielfach nachgewiesen. Allerdings gelingt dies nicht in jedem Fall, und es liegt in der Verantwortung der Trainer und Betreuer, die Grenzen zu
erkennen und gegebenenfalls den Sportler vor sich selbst zu schützen und ihm das Ende der Karriere nahe zu legen.

Wenn ein Klaviervirtuose über das nachdenkt, was er beim Spielen macht, haut
er garantiert auf die falschen Tasten. Da gibt es beim Motorradfahren – und sicher auch im Skisport – Analogien. Bremst Denken, oder anders gefragt: Wann darf gedacht werden?
Grundsätzlich gilt diese These auch beim Skifahren und bei den
meisten anderen Sportarten. Die Entscheidungen während des Laufs sollten möglichst aus dem Bauch heraus, also intuitiv getroffen werden. Jedoch gibt es in jedem Lauf auch Situationen oder Torkombinationen und Geländeübergänge, die man antizipieren muss und die somit ein Mitdenken des Athleten erfordern. Denkt der Athlet aber darüber nach, dass und wie er sich verletzen könnte, wird er definitiv nicht mit den Besten mithalten können.

Geschwindigkeit ist etwas, was Ski- und Motorradfahren gemeinsam ist. Wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten Top-Motorradfahrer zu betreuen: Wo liegen die Risiken anders?
Ich denke, dass es im Wesentlichen keinen großen Unterschied
machen würde, ob ich nun einen Motorradfahrer oder einen Skifahrer zu
betreuen hätte. Die Bereitschaft, ein bestimmtes Risiko einzugehen, ist für die Ergebnisse im Wettkampf in beiden Fällen von hoher Bedeutung. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der Motorradfahrer nicht allein auf der Strecke ist, sondern in Positionskämpfe mit anderen Fahrern verwickelt ist und daher auch deren Risikobereitschaft einkalkulieren muss. Im Übrigen messen zumindest Insider – wie beim Motorradfahrer – die Leistung eines Skirennläufers unter anderem an dem Material, auf dem er unterwegs ist.

Winter für Winter schauen Sie Ihren Athleten bei den dramatischsten Abfahrten zu. Bestimmt betreiben Sie da auch eine Risiko-Analyse. Versuchen Sie das mal, wenn Sie an Motorradfahrer denken, die Ihnen so im normalen Straßenverkehr begegnen.
Ganz ehrlich muss ich sagen, dass sich der durchschnittliche Motorradfahrer heutzutage eher langsam oder bisweilen sogar zu langsam auf den Straßen bewegt. Da ich sehr viel in den Bergen unterwegs bin, also auf den klassischen Ausflugsstraßen für Motorradfahrer, sind diese »Genussfahrer« aus meiner Sicht oft ein Ärgernis. Die wenigen risikobereiten Raser machen meiner Meinung nach den Fehler, nur ihr eigenes Fahrkönnen einzuschätzen und zu beurteilen, nicht aber das so manch anderer Verkehrsteilnehmer.

Das Interview führte MOTORRAD-Redakteur Fred Siemer

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