Interview Stefan Everts (Archivversion) Ich musste wieder bei Null anfangen

Nach zwei Jahren Verletzungspause feiert Motocross-Star Stefan Everts sein Comeback. Mit neuem Team, auf neuer Maschine – aber mit dem alten Ehrgeiz.

? Sie waren zwei Jahre lang verletzt. 1999 brachen Sie sich beim Saison-Eröffnungsrennen in Beaucaire den Unterarm, ein Jahr später auf der gleichen Strecke musste das Knie dran glauben. Wie fühlt man sich, wenn man als Profi-Sportler gewissermaßen zwei Jahre lang arbeitslos ist? Ich war überrascht, wie wenig meine Popularität gelitten hat. Die Leute haben sich immer noch für mich interessiert. Viel belastender war meine private beziehungsweise wirtschaftliche Situation.? Sie meinen Ihre Trennung von Teamchef Dave Grant und von Husqvarna?Ja. Dave und ich haben fünf Jahre zusammengearbeitet. Dann, Mitte letzter Saison, kam es zum Eklat. Das Team zerbrach, und ich musste wieder bei Null anfangen. ?Haben Sie viel Geld verloren?Ja. Ich habe das Team als ein Teil meiner eigenen Zukunft betrachtet und viel investiert. Das alles ist verloren. Auf der anderen Seite habe ich daraus viel gelernt. Als Geschäftsmann, aber vor allem als Mensch.? Inzwischen haben sie sich auch von den meisten anderen ehemaligen Teammitgliedern getrennt und eine neue Mannschaft um sich geschart. Ja. Ich war sehr verzweifelt und habe gespürt, dass nur ein radikaler Schnitt helfen würde. Nun arbeite ich wieder mit meinen ehemaligen Konditionstrainer Willy Linden, zusammen und mein Vater Harry berät mich in Sachen Fahrtechnik.?Dann kam der Wechsel zu Yamaha. Trotz eines noch laufenden Drei-Jahres-Vertrags mit Husqvarna. Ging das so einfach?So einfach nicht, aber es ging. Die Husky-Verantwortlichen verhielten sich sehr kulant, partnerschaftlich und professionell. Ich bin ihnen dafür sehr dankbar. Und ich muss auch sagen, dass mich gerade dieses Yamaha-Angebot unglaublich motiviert hat. Ich wusste, da sind noch Leute, die an Dich glauben.? Einfacher wäre trotzdem gewesen, Sie hätten mit Husqvarna weiter machen können. Waren die Maschinen nicht gut genug?Eine schwierige Frage, die ich so nicht beantworten will. Die Husky-Techniker haben alles gegeben und ich auch, aber wir stießen beide an unsere Grenzen. ?Und der neue Deal scheint gut gelungen zu sein?Ich war überrascht, wie weit Yamaha bereit war, mir entgegenzukommen. Ich konnte sogar meine eigenen Sponsoren mitbringen, sozusagen als Team im Team. ? Wie stark unterscheiden sich die Motorräder?Sie sind wirklich sehr unterschiedlich. Die Husky ist kräftig und drehmomentstark, die Yamaha verlangt mehr Drehzahlen. Zu Beginn hatte ich damit große Probleme. Ich musste für dieses Motorrad wirklich meinen Fahrstil umstellen.? Aber gerade Ihr Fahrstil gilt doch als extrem flüssig.Trotzdem. Yamaha hat den Motor für mich nochmals geändert. Ich brauche möglichst viel Kraft bei niedrigen Drehzahlen. Der Motor hat nun immerhin 500 cm3 und er ist einfach zu fahren.?Gerade die Yamaha-Fahrer rufen jedes Jahr nach mehr Hubraum. Ist das denn unbedingt nötig, um konkurrenzfähig zu sein? Schließlich findet man beim klassenübergreifenden Motocross der Nationen halb so starke 125er regelmäßig unter den besten Acht.Man braucht die Kraft am Start, später nicht mehr. Verhagelte Starts kann man sich aber nicht leisten. zumndest nicht, wenn man Weltmeister werden will.? Das könnten Sie aber auch in der 250er-Klasse. Gute Fahrer sind dort immer gesucht. Warum drängt es Sie – sowohl bei Husky als auch jetzt – in die 500er-Klasse?Ich will in allen drei Klassen Weltmeister werden. Ich möchte einer der Größten sein. Das ist mein Traum.? Da müssen Sie sich aber beeilen. Schon im nächsten Jahr sollen die 250er- und 500er-Klassen zur Open-WM verschmolzen werden. Haben Sie das gewusst?Nein, ich habe es auch erst beim WM-Start in Spanien erfahren. Die Idee hatte ich schon vor Jahren. Aber es wäre gut, nur einen Champion zu haben. Einen großen Champion. Motocross ist ein sehr schwieriger, anspruchsvoller Sport. Es gibt nicht genügend gute Fahrer für drei WM-Klassen. Alle Top-Fahrer in einer Klasse ergibt spannendere Rennen.? Dennoch ist die ursprünglich sehr gute Stimmung in der Motocross-Szene durch diese Ankündigung der FIM und der Vermarktungsagentur Dorna, die ja auch die Straßen-GP vermarktet, blitzartig auf den Nullpunkt gesunken.Für Dorna ist Motocross eine neue Welt. Sie müssen noch lernen. Natürlich soll die WM möglichst leicht zu vermarkten sein, doch der Wechsel der Klassenstruktur geht zu schnell. In drei, vier Jahren kann man darüber nachdenken.? Auch die Veranstalter werden gewaltig abkassiert. Man spricht von bis zu einer halben Million Mark allein für die Austragungsrechte. Dazu kommen mindestens noch mal so viel für die Kosten der Veranstaltung.Das macht mir Sorgen. Wir müssen den Veranstaltern eine Chance lassen, Geld zu verdienen. Nur dann können sie auch investieren. Wir stehen am Anfang einer neuen Ära des Motocross. Und die kann sehr schön sein oder auch sehr sehr schwierig.

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