Interview Steve Jenkner (Archivversion) »Ich bin nicht abgeschrieben“

Die Grand-Prix-Saison 2002 beendete 125er-Fahrer Steve Jenkner, 26, als Fünfter. Als Aprilia-Werksfahrer setzt der Sachse mit neuem Team jetzt auf Sieg.

? Du startest in der kommenden Saison auf einer Werks-Aprilia im Exalt-Cycle-Team, das mit Arnaud Vincent im vergangenen Jahr den 125er-Titel geholt hat. Ist das Ansporn oder eher Belastung?! Das ist eher Ansporn. Zum einen ist Arnaud nicht mehr im Team, der fährt jetzt bei KTM, und somit bin ich bei Exalt-Cycle als Nummer eins gesetzt. Das Team hat Ahnung und Erfahrung. Mir konnte nichts Besseres passieren.? Das heißt, es ist dein erklärtes Ziel, in der Saison 2003 Weltmeister zu werden?! Wenn’s geht (grinst). Aber im Ernst: Mein persönliches Ziel ist, mindestens ein Rennen zu gewinnen. Mein Vertrag läuft über zwei Jahre, und das große Ziel ist, in zwei Jahren Weltmeister zu werden.? Steht das so im Vertrag?! Natürlich nicht. Das ist ein ganz normaler Fahrervertrag. Darin steht, wer in dem Team fährt, wer an den Motorrädern arbeitet, welches Material man kriegt und dass der Fahrer sich verpflichtet, sein Bestes zu geben.? Dein bisheriger Vertrag mit Hauptsponsor UGT war extrem leistungsbezogen. Ist das der neue auch?! Bisher war’s tatsächlich so, dass ich faktisch nie Anspruch auf ein Festgehalt hatte. Vom neuen Team kriege ich 20 Prozent fest, 80 Prozent sind leistungsbezogen. Ich hab’ Familie, und es gibt im Januar schon Kosten, die ich nicht erst im Dezember bezahlen kann.? Was kannst du nach den ersten Tests über die neue Werks-Aprilia sagen? Hat sich im Vergleich zur Semi-Werksmaschine von letzter Saison viel geändert?! Nicht wirklich. Erste Tests sind sehr gut gelaufen. In Valencia, wo ich seit letztem Jahr den offiziellen Rundenrekord halte, bin ich bei ungünstigen Bedingungen im Februar mit 1.41,2 Minuten nur eine Sekunde hinter meinem Rekord geblieben. Technisch haben sich viele Kleinigkeiten, aber nichts Grundlegendes geändert. Für die Mechaniker ist’s einfacher geworden. Man kommt besser an den Motor, der Auspuff ist schneller zu wechseln. Das kann vor allem im Training entscheidende Vorteile bringen.? Du fährst jetzt im siebten Jahr in der 125er-Klasse. Wird’s da nicht mal Zeit aufzusteigen?! Das Einzige, was mich außer 125er interessiert, ist entweder Superbike oder MotoGP. 250er ist im Moment nicht so spannend. Es sind zu wenig Fahrer, die da vorne mitfahren können, und die Klasse ist unverhältnismäßig teurer als die 125er. MotoGP würde ich aber gern mal ausprobieren.? Dein neuer Team-Kollege wird der bisherige PEV-ADAC-Sachsen-Fahrer Gabor Talmacsi sein, ein Ungar. Wie steht ihr zueinander?! Für mich ist erst mal neu, dass ich der Ältere im Team bin, Gabor ist erst 20. Aber er ist ein Netter. Und was ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist: Wir können uns auf englisch prima verständigen. Ich denke, mit einer Aprilia und Werksmaterial kann auch Gabor schon vorne mitfahren.? In der vergangenen Saison warst du bei den Rennen auf Platz drei abonniert und im Gesamtklassement Rang fünf belegt. Es gab Vorwürfe, du würdest noch zu wenig riskieren, um ganz vorn dabei zu sein. Was dir den Titel »Rennbeamter« einbrachte. War das berechtigt?! Ich gebe mein Bestes, ich weiß, was ich kann, und da stecke ich auch nicht zurück. Wie andere, vielleicht jüngere Fahrer mit dem Sicherheitsfaktor umgehen, ist deren Sache. Für mich waren fünf dritte Plätze okay. Wenn ich einen Grand Prix gewinne, dann ist das natürlich auch in Ordnung. Aber ich werde nicht mit einem Risiko fahren, das ich nicht kalkulieren kann. Ich muss schon davon ausgehen können, während des Rennens auch auf dem Motorrad sitzen zu bleiben. Wenigstens zu 50 Prozent. Außerdem ist es mir wurscht, was in der Zeitung steht. Letztes Jahr hieß es noch, der wird nicht mal Fünfter. Jetzt bin ich Fünfter im Gesamtklassement und werde für kommende Saison als Titel-Kandidat gehandelt.? Warum nimmt man dich in der Öffentlichkeit dennoch kaum wahr, obwohl du der erfolgreichste deutsche GP-Fahrer bist?! Das hängt damit zusammen, dass ich mich sehr langsam gesteigert habe, bis auf letzte Saison. Jetzt müssen viele von dem Gedanken weg, dass ich abgeschrieben bin.? Warst du abgeschrieben?! Das deutsche Problem ist, dass jeder von einem jungen Fahrer erwartet: Der kommt, kuckt – und ist nächstes Jahr Weltmeister. Da gelten Rossi und Melandri als Vorbilder. Aber das funktioniert in Deutschland nicht. Wenn man aus der Deutschen Meisterschaft aufsteigt und die gewonnen hat, was ich nicht habe, fährt man in der WM trotzdem nur als Dreißigster mit, weil einem keiner beigebracht hat, schneller zu fahren.Warum kommen eigentlich die meisten jungen deutschen Fahrer derzeit aus dem Osten?Das ist nur eine kurze Phase. In den Achtzigern oder frühen Neunzigern kamen alle aus Bayern. Vor der Wende sind wir hier im Osten Mini-Bike gefahren. Es gab sogar eine Deutsche Meisterschaft. Von daher gibt es jetzt da natürlich ein Potenzial an jungen Fahrern, die Red-Bull-Rookie-Cup fahren. Aber in drei, vier Jahren kommen die Fahrer vielleicht wieder ganz woanders her.Das Interview führte MOTORRAD-Mitarbeiter Mike Schümann

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