Interview (Archivversion) «Vergessen Sie die Vergangenheit“

Frischen Wind verspricht der neue FIM-Präsident Francesco Zerbi. Bleibt abzuwarten, ob den Worten des Italieners auch entsprechende Taten folgen.

Die Delegierten der internationalen Sportbehörde FIM haben sich bei ihrem Herbstkongreß für einen neuen Chef entschieden. Mit 66 zu 63 Stimmen machte Herausforderer Francesco Zerbi knapp das Rennen vor dem bisherigen Amtsinhaber Jos Vaessen. Unter dessen Ära hatte die FIM 1992 die Macht in der Straßen-WM verloren. Seither halten die spanische TV-Agentur Dorna und die Teamvereinigung IRTA bei den Grand Prix die Fäden in der Hand. Hier möchte der neue FIM-Boss einhaken und Einfluß zurückgewinnen. Zerbi, ein 63jähriger Rechtsanwalt aus Rom, war bislang Präsident der italienischen Föderation. ? Neue Besen kehren gut, heißt es. Was haben wir von Ihnen als FIM-Präsident zu erwarten?Auf dem sportlichen Sektor wurden in den letzten Jahren viele Fehler gemacht. Da gibt es einiges zu korrigieren. Ein weiterer wichtiger Aspekt meiner Arbeit wird der Kontakt mit der Industrie sein, da müssen wir total umdenken. Deshalb wird es im Januar ein Meeting mit allen Herstellern geben. Ich will wissen, welche Politik sie verfolgen, was sie an technischen Neuerungen planen. Hierbei geht es nicht nur um den Sport, sondern um das gesamte Thema Motorrad. Außerdem liegt mir eine neue Struktur der nationalen Föderationen in den verschiedenen Kontinenten am Herzen, mit dem Ziel, daß zum Beispiel starke Verbände den kleinen und schwachen unter die Arme greifen.? Was wollen Sie am sportlichen Kurs ändern?Es ist bekannt, daß ich mit den Entscheidungen meines Amtsvorgängers Jos Vaessen oft nicht einverstanden war. Nehmen Sie zum Beispiel den Vertrag mit Dorna in Sachen Straßen-WM. Er muß so überarbeitet werden, daß die FIM wieder das Recht und die Pflicht hat, die sportlichen Regeln zu bestimmen. ? Wie wollen Sie das erreichen?Ich bin Rechtsanwalt und kein Chemiker und ich weiß, daß die Verträge nicht einfach außer Kraft gesetzt werden können. Aber ich werde in den anstehenden Verhandlungen alles tun, was das Recht erlaubt, und vielleicht auch etwas mehr, um die Dinge zu unseren Gunsten zu beeinflußen. Das wird aber erst für 1997 möglich sein, denn fürs nächste Jahr ist bereits alles fixiert.? Sie spielen auf den Vertrag der Teamvereinigung IRTA mit dem WM-Promoter Dorna an, der Ende 1996 ausläuft. Sie möchten die IRTA also Ende nächsten Jahres aus der WM ausbooten?Was die sportlichen Regeln betrifft, wollen wir ab 1997 den Part der IRTA übernehmen und unseren Machteinfluß in diesem Bereich zurückgewinnen. Um das zu erreichen, werde ich aber kein Geld ausgeben. Und ich werde auch nicht die sechs Millionen Dollar zurückbezahlen, die wir pro Jahr von der Dorna für den Verkauf der WM-Rechte bekommen.? So gesehen müßten Sie doch zufrieden mit ihrem Amtsvorgänger sein, schließlich haben Sie von ihm einen reichen Verband übernommen. Was macht die FIM mit dem vielen Geld, das noch bis ins Jahr 2006 sprudeln wird?Einen Teil davon verwenden wir zur Finanzierung unseres neuen Hauptquartiers in Genf, das knapp acht Millionen Mark gekostet hat. Zum andern denke ich, daß die Gelder, die wir in Verbindung mit dem Sport einnehmen, auch wieder in den Sport zurückfließen sollen. Die FIM darf nicht weiter eine Geldvermehrungs-Maschine sein, die zum Nachteil und Schaden der Föderationen arbeitet. Deshalb werden die kleinen Verbände, die keinen Straßen-Grand Prix ausrichten, mit 10 000 Dollar pro Jahr unterstützt. Die anderen bekommen 125 000 Dollar. ?Aber 10 000 Dollar sind für eine kleine Föderation nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Geld müßte doch gerade umgekehrt verteilt werden...Da haben Sie sicher recht. Aber die großen Verbände investieren viel Geld in den Sport und haben deshalb ebenfalls Finanzbedarf. Die Frage ist: Wie gebe ich den kleinen mehr, ohne den großen dafür etwas wegzunehmen? Das müssen wir diskutieren.? Viele Beobachter der Rennszene verstehen nicht, daß es seit diesem Jahr mit der Supersport-EM und der Thunderbike-Trophy zwei konkurrierende Rennserien mit nahezu identischen Maschinen gibt. Macht das auf Dauer Sinn?Mit dieser Konstellation bin ich auch nicht einverstanden. Ich habe bereits einen Termin mit den betroffenen Parteien anberaumt, um über das Thema zu reden und das Problem zu lösen. Das ist mein Job.? Wie geht es mit der Straßen-EM weiter, die 1995 im Rahmen der Grand Prix oder bei den Superbike-WM-Läufen abgewickelt wurde?Die Supersport 600-EM läuft weiterhin im Programm der Superbike-WM. Für die Klassen 125, 250 und Superbike wird es 1996 eine eigene EM mit acht bis zehn Rennen geben. Die Meisterschaft ist auch für Grand Prix-Fahrer offen, sie müssen allerdings wie bei den spanischen Ducados Open mit Production Racern starten.? Viele Föderationen und auch die Medien klagten immer wieder über die schlechte Informationspolitik der FIM. Werden wichtige Entscheidungen weiterhin im stillen Kämmerlein getroffen?Ich will eine neue Tür bei der FIM öffnen. Wir wollen einen offenen Dialog führen und alle Parteien, die mit uns zu tun haben, informieren. Vergessen Sie die Vergangenheit.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote