Ist die Superbike-WM zu teuer? (Archivversion)

Ducaten-Esel

Bester Sport, aufwendige Technik - doch ohne Moos nix los. Abgesehen von Top-Piloten wie Pierfrancesco Chili (Foto) können sich nur wenige Privatteams die Superbike-WM leisten.

Virginio Ferrari, Teamchef der Superbike-Werksmannschaft von Ducati, ist sichtlich echauffiert: »Das Reglement muß schleunigst überarbeitet werden«, gibt sich der Halbliter-Vizeweltmeister von 1979 beleidigt. Es scheint, daß der 45jährige erst hier in Misano, gut hundert Kilometer südöstlich des Bologneser Ducati-Hauptquartiers, unsanft aus einem süßen, drei Jahre währenden Traum wachgerüttelt wurde.Denn seit 1994 hatten die feuerroten V-Zwo aus bella Italia den übermächtig scheinenden japanischen Werken in der Superbike-WM die Leviten gelesen. Drei WM-Titel in Folge, das konnte sich sehen lassen. Das alte Spiel David gegen Goliath, das immer gut kommt, wenn der Riese die Schläge einstecken muß. Was der drahtige Ex-Champion dabei gern übersieht: In der Superbike-WM wird mit zweierlei Maß gemessen. 750 cm³ gelten als Hubraum-Obergrenze für Vierzylinder-Motoren, einen stattlichen Viertelliter mehr darf sich die Zweizylinder-Fraktion genehmigen. Spätestens seit die Ducatisti statt ehedem nur 140 Kilogramm mittlerweile wie alle anderen auch 162,5 Kilo mit sich herumschleppen müssen, kommt David ins Schwitzen.Doch nicht nur deshalb: Unübersehbar blasen die großen Vier aus Nippon zum Gegenangriff. Allein der Fuhrpark, mit dem die Werksteams von Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha anrücken, würde den GP-Fahrerlagern alle Ehre machen. Auch personell wird nicht gekleckert. Mindestens 15 Personen wuseln je Team in den Boxen. Ein Aufwand, der seinen Preis hat: »Die operativen Kosten, das heißt, die Gehälter für die beiden Fahrer, die Mechaniker, Reisespesen, Verpflegung und der Fuhrpark belaufen sich jährlich auf etwa fünf Millionen Mark«, rechnet Neil Tuxworth, Teamchef von Honda, vor. Die Entwicklungskosten für die Werksmaschinen, die gut und gern noch mal das Doppelte dieses Betrags verschlingen, freilich nicht eingerechnet. In etwa die gleichen Summen werfen auch die anderen Hersteller in die Waagschale.Kein Wunder hat sich die Lücke zu Ducati geschlossen. Außerdem, so erklärt Harald Eckl, Ex-GP-Fahrer aus dem bayerischen Vohenstrauß und seit diesem Jahr neuer Chef des Kawasaki-Werksteams: »Bislang hat Ducati unsere Weiterentwicklungen immer mit einem größeren Hubraum gekontert. Jetzt sind sie mit ihren 996er Motoren am Hubraumlimit angelangt, und wir konnten endlich aufschließen.«Doch im Schatten der technisch aufgerüsteten, hochprofessionellen Werksmannschaften bleibt für die Privat-Teams offensichtlich wenig Licht zum Überleben. Je zwei Werkspiloten der fünf offiziell engagierten Hersteller sowie die Semi-Werksmaschinen von Piergiorgio Bontempi (Kawasaki) und Pierfrancesco Chili (Ducati) bilden derzeit den zahlenmäßig mageren Rumpf der Superbike-WM. Erst mit gehörigem Respekt-Abstand folgt der Rest - in der Mehrheit allerdings eher drittklassige Superbike-Enthusiasten und Lokalmatadoren. Relationen gefällig? Im Zeittraining des WM-Laufs in Misano (Ergebnisse sie Kasten unten) betrug der Abstand von Platz eins zu Platz zehn eine Sekunde, die Differenz von Rang elf bis Position 20 immerhin 5,5 Sekunden. Die ehemals zweite Garde der Superbiker - darunter Ex-Superbike-Europameister Michael Paquay oder der ehemalige GP-Pilot Paolo Casoli - hat sich über den Winter nämlich nahezu vollzählig in die Supersport World Series abgesetzt. Eine Serie, welche die Flammini Group als Superbike-WM-Promoter eigentlich als Nachwuchs-Liga für seine Superbike-WM denn als Auffanglager für Absteiger konzipiert hatte. Doch die Finanzen sprechen eine andere Sprache. Wegen des seriennahen Reglements - Rahmen, Gabel, Schwinge, Bremsen, Kurbelwelle, Vergaser und sogar der Elektrostarter müssen im enggefaßten Supersport-Reglement der Serienversion der 600-cm³-Maschinen entsprechen - läßt sich eine Supersport-Saison selbst für Titelanwärter für weniger als ein Fünftel des Budgets eines WM-Superbikers abspulen.Darin liegt auch für Paolo Flammini, Vizepräsident der Firma seines Bruders Maurizio, das Problem. »Die Werke müssen den Privatfahrern bezahlbare und konkurrenzfähige Kundenmaschinen anbieten. Dann sehen auch diese Piloten wieder Land.«Womit der 33jährige Italiener prinzipiell recht hat. Denn für ein rennfertiges Superbike wandern wenigstens 80 000 Mark über den Tisch. Wobei zunächst nur Ducati für diese Summe ein vollständiges Motorrad anbietet. Alle anderen Hersteller offerieren nur Rennkits mit diversen Leistungsteilen wie Kolben, Zylinderkopf, Nockenwellen, Zündung oder Auspuff für ihre straßenzulassungsfähigen Basis-Versionen. Doch auch da gilt: Schon wer national mithalten will, braucht sich unter einer sechsstelligen Summe keine Hoffnungen auf Erfolg zu machen.Und weil die Werke mit all ihren Abstimmungsmöglichkeiten trotz allem immer noch einen Leistungsvorteil von wenigstens 15 PS in der Spitzenleistung samt einer günstigeren Leistungsentfaltung besitzen, dürfte sich auf absehbare Zeit an der aktuellen Situation auch nichts ändern. Hoffnung gibt lediglich die Aussicht, daß sich in der zweifellos hochattraktiven Spitzengruppe der Superbike-WM einige weitere Hersteller einmischen. Zumindest Paolo Flammini will von einem bevorstehenden Superbike-Engagement von Aprilia und Cagiva wissen, selbst Moto Guzzi und Laverda hätten bereits Interesse gezeigt. Inwieweit der Wunsch Vater dieses Gedankens ist, wird sich zeigen.Konkreter sind da die Absichten von Honda. Die neue Zweizylinder VTR 1000 wurde bereits für die Superbike-WM homologiert. Insofern wird Virginio Ferrari seinen Wunsch nach einem geänderten Reglement sicherlich noch mal überdenken.
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Superbike-WM zu teuer: Report (Archivversion)

1. Lauf1. Pierfrancesco Chili (I) Ducati, 2. John Kocinski (USA) Honda, 3. Carl Fogarty (GB) Ducati, 4. Aaron Slight (NZ) Honda, 5. Simon Crafar (NZ) Kawasaki, 6. Collin Edwards (USA) Yamaha, 7. Neil Hodgson (GB) Ducati, 8. Piergiorgio Bontempi (I) Kawasaki, 9. Pere Riba (E) Honda, 10. Christian Lavieille (F) Honda;2. Lauf1. Kocinski, 2. Slight, 3. Fogarty, 4. Hodgson, 5. Akira Yanagawa (J) Kawasaki, 6. Scott Russell (USA) Yamaha, 7. Crafar, 8. Edwards, 9. Riba, 10. Lavieille;WM-Stand nach zwei von zwölf Veranstaltungen: 1. Kocinski 79 Punkte, 2. Fogarty 65, 3. Slight 58, 4. Crafar 52, 5. Edwards 38.

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