Journal (Archivversion) Begegnungen im hohen Atlas

Marokko ist nicht nur eine Reise wert, sondern auch für jede Menge Überraschungen gut. Szenen eines ganz normalen Enduro-Reisetages

Daß Reisen bildet, wußten schon die alten Denker und Dichter, lernt man dabei doch fremde Kulturen kennen. Wie fremd diese sein können, erfuhren wir - 20 gerade per Flugzeug in der Königstadt Fes angekommene Teilnehmer der Marokko-Endurotour - beim Besuch des Marktviertels. Wo normalerweise mit Hingabe um Preise gefeilscht wird, waren am 7. April die Läden verrammelt. Dafür schlachtete man an jeder Straßenecke einen Hammel, wusch Gedärme aus oder zersägte Köpfe, daß durch die Rinnsteine der engen Gassen das Blut nur so strömte. Man feierte in der islamischen Welt einen der höchsten Feiertage, das Opferfest. Also raus aus der Stadt mit Kurs auf die noch schneebedeckten Gipfel des Atlas- Gebirges. Daß die Schneeschmelze noch in vollem Gange war, bekamen wir schon bei der ersten Flußdurchquerung zu spüren. Die Enduros erreichten meist nur dank kräftiger Schiebung das gegenüberliegende Ufer, gelegentliches Trockenlegen von Zündkerzen und Luftfiltern inclusive. Doch es sollte noch besser kommen. Beim Suchen einer geeigneten Passage erwischte Klaus - LKW-Chauffeur, Koch und Mitorganisator der Tour -eine tiefe Stelle, das Getriebe setzte auf dem steinigen Grund auf, und der Allrad- MAN mit allem, was eine fünfundzwanzigköpfige Reisegruppe für eine zweiwöchige Tour so braucht, steckte bombenfest im Wasser. Die Einwohner des nächsten Berberdorfs kamen in Scharen, das Spektakel zu besichtigen, das einzige weit und breit auffindbare Fahrzeug - ein Traktor - wurde vor den Laster gespannt. Doch die 14 Tonnen LKW rührten sich keinen Millimeter. Einmal in der Woche, so die hilfsbereiten Berber, komme hier ein Bedford- Laster vorbei. Unsere letzte Chance. Wann? Heute. Und schon kam er angefahren. Schnell wurden etwa drei Tonnen Gepäck, Werkzeug und Proviant von unserem MAN auf den Bedford umgeladen, die Seile angehängt und gezogen - doch wieder ging nichts. Erst als der Bürgermeister des Dorfes noch zusätzliche Seile organisierte, gut sechzig Männer davorspannte, dazu noch dreißig ins eiskalte Wasser trieb, die zusammen mit uns den MAN schoben, wühlte sich die Fuhre an Land. Daß bei dieser Aktion das Lüfterrad des Kühlers zu Bruch gegangen war, der MAN anschließend alle fünf Kilometer kochte, und Klaus 150 Kilometer weiter eine Werkstatt fand wo er aus Altteilen eine abenteuerliche Lüfter- Konstruktion schweißte, war dagegen eher eine Kleinigkeit am Rande. Ein ganz normaler Tag in Marokko eben.

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