Jürgen Fuchs im Fitness-Test (Archivversion) Body-Check

Der gläserne Athlet: MOTORRAD-Mitarbeiter Jürgen Fuchs ließ sich auf Herz und Nieren prüfen – im Rennstress und auf dem Ergometer.

Längst ist es kein Geheimnis mehr, mit welchem Tempo und welcher Drehzahl ein Rennmotorrad in die Kurve sticht, wann die Reifen rutschen und wie die Federelemente die Bodenwelle X oder Y schlucken. Datarecording-Systeme überwachen den Betrieb von Motor und Fahrwerk peinlich genau und ermöglichen später am Computer ein glasklares Bild von der Performance auf der Piste. Aber was bewirkt der Rennstress im Körper und der Psyche eines Piloten? Wie hoch schlägt sein Puls am Start? Wie stark und vor allem an welchen Stellen kommt er während eines 45-minütigen Sprintrennens ins Schwitzen? Diesen im Detail bislang nie richtig geklärten Fragen ging die Firma Dainese auf den Grund, um neue Erkenntnisse für die Verbesserung ihrer Kombis zu gewinnen. Zu diesem Zweck hat der italienische Bekleidungshersteller das Procom-System entwickelt. Es steckt in einer Lederkombi mit speziell konzipiertem Unteranzug, der 64 Sensoren zur Messung von Körpertemperatur und Feuchtigkeitswerten besitzt. Zudem fühlt ein Herzfrequenzmesser dem Fahrer permanent auf den Puls. Alle fünf Sekunden werden die Daten ermittelt und in einem Speichersystem abgelegt, das im Aerodynamikhöcker am Rücken installiert ist. Ein zusätzlich eingebautes GPS-System ermöglicht es, die Daten bestimmten Punkten an der Rennstrecke zuzuordnen.Während die MotoGP-Stars Max Biaggi und Valentino Rossi schon mal bei Trainingsfahrten angestöpselt wurden, hatte ich die Ehre, das Procom-System erstmals in einem richtigen Rennen zu testen. Die totale Überwachung vom Start bis ins Ziel fand beim BMW-Boxer-Cup-Lauf im vergangenen Jahr am Sachsenring statt. Klar war ich am Startplatz angespannt und nervös – wie immer vor einem Renneinsatz. Dass die Procom-Messung in dieser Phase ohne körperliche Anstrengung aber bereits einen Puls von 130 registriert, hat mich doch gewaltig überrascht. Endlich geht’s los. Ein gewisses Gefühl der Erleichterung macht sich breit. Tatsächlich sinkt der Puls in den ersten Runden auf unter 115, was auch den Rennverlauf widerspiegelt: Ich falle auf den siebten Platz zurück.Halbzeit im Rennen. Da scheint mehr drin zu sein. Das motiviert zum Angreifen. Runde für Runde wechseln die Positionen in der Führungsgruppe mehrmals, was sehr viel Kraft und Konzentration kostet. Mein Puls steigt auf 140. Trotzdem ist noch alles im Lot, ich kann über Risikobereitschaft, Reifen und Rennstrategie nachdenken.Allmählich wird es ernst. Vergessen sind meine dicken Unterarme und die nachlassenden Reifen – im Endspurt ist von Platz sieben bis zum Sieg alles möglich. Zu dritt nebeneinander biegen wir in die Kurven ein. In den beiden letzten Runden bleibt keine Zeit mehr zum Taktieren, da ist nur noch Angriff gefragt. Rund 80 000 Fans am Sachsenring motivieren mich, auch da noch reinzuhalten, wo ich unter normalen Umständen lieber gekniffen hätte. Mein Herz pumpt bei diesen Attacken mit bis zu 165 Schlägen. Das ist gar nicht so dramatisch hoch, was an meinem niedrigen Ruhepuls von 50 liegt – dank intensivem Fahrradtraining. Im Ziel bin ich Zweiter. Anspannung, Konzentration, Aggressivität, Angst und Adrenalin gehen in der Auslaufrunde schnell wieder auf ein erträgliches Normalmaß zurück. Was ich subjektiv spüre, bestätigt später die Procom-Messung schwarz auf weiß: Nach dem Zielstrich fällt die Herzfrequenz sofort auf unter 130.Die Knochen und die BMW sind heil geblieben, und als Belohnung darf ich aufs Podium. Ein geniales Glücksgefühl, das den Puls zu meinem Erstaunen bei der Siegerehrung noch einmal in die Höhe treibt: 145 Schläge, also genauso viel wie mitten im Renngetümmel.Grand-Prix-Arzt Claudio Costa, der das Dainese-Projekt begleitet, wollte diese Pulswerte noch einmal hinterfragen und bat mich direkt nach dem Rennen zu einem Fitnesstest auf das Fahrradergometer, um eine Referenz zu haben. Danach wurden die im Rennen gemessenen Daten mit denen auf dem Ergometer verglichen. Das Ergebnis: Die mittlere Herzfrequenz im Rennen betrug 145 bis 150 Schläge, was zwischen 70 und 80 Prozent meiner maximalen Herzfrequenz entspricht. Etwa 160 Liter Sauerstoff respektive 750 Kalorien habe ich während der dreiviertelstündigen Kurvenhatz verbraucht. Diese Werte zeigen, dass bei Straßenrennen gut trainierte Ausdauersportler gefragt sind. Weitere interessante Daten wurden von den Temperatur- und Feuchtigkeitssensoren übermittelt. Im Rennfieber stieg meine Temperatur auf fast 38 Grad. Knapp zwei Liter Schweiß sind am Sachsenring geflossen. Am intensivsten habe ich an den Armen und am Rücken geschwitzt – hier ließen die Protektoren bislang kaum eine Belüftung zu. Zumindest für die Problemzone am Rücken will Dainese nun mit einem neuen, perforierten Schutzpanzer Abhilfe schaffen. Die Messergebnisse verdeutlichen, das zwei völlig unterschiedliche Faktoren die Herzfrequenz beeinflussen. Zum einen der Kopf oder das, was er als Stress, Emotion und Belastung empfindet. Denn am Start und auf dem Podest ist keine Muskelkraft gefragt. Zum andern die körperliche Anstrengung, die beim Bremsen, beim Umlegen des Motorrads oder beim Hanging-off erforderlich ist. Das Pulsdiagramm vom Sachsenring entspricht übrigens dem Verlauf meiner meisten Rennen: verhaltener Beginn, starkes Finale. Bei manchen Fahrern läuft die persönliche Leistungskurve eher gegensätzlich, andere bekommen eine gleichmäßigere Performance hin. Um die Rennstrategie zu verbessern, wäre es für die Teams sicher sinnvoll, auch die Hintergründe des Erfolgsfaktors Mensch intensiver zu erforschen. Bisher wurde hauptsächlich in die Analyse der Technik investiert. Doch letztlich spielt sich das meiste im Kopf der Fahrer ab.

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