Justizposse (Archivversion) Pech im Unglück

Eine Ducati wird geklaut. Fünf Monate später taucht sie wieder auf. Doch der Bestohlene bekommt sie nicht zurück. Denn die Behörde händigt die Maschine an den mutmaßlichen Hehler aus.

Castrop-Rauxel im Oktober 2004. Carsten B. ist guter Dinge. Für den Abend hat sich ein Interessent für seine anderthalb Jahre alte Ducati 749 angesagt. Probefahrt? Klar! Aber weil man ja oft von üblen Gesellen hört und liest, die sich bei solcher Gelegenheit samt Maschine ver­abschieden, nimmt Carsten den Pass des Käufers in spe als Pfand.
Das Dokument, es stammt aus Bul­garien, scheint definitiv viel weniger wert zu sein als eine Ducati. Denn der Kaufinteressent kehrt nicht von der Probefahrt zurück. Carsten macht sich auf zur Poli­zei. Wo ihm ein Kommissar bestätigt, dass der Pass wohl nicht einmal gefälscht sei. Große Hoffnungen, die Maschine zurückzubekommen, macht er Carsten den­-noch nicht.
Knapp fünf Monate nach dem Verschwinden der 749 erhält Carsten Nachricht vom Revier. Und glaubt auf einmal wieder an die Gerechtigkeit und das Gute in der Welt. Seine Ducati sei wieder auf­getaucht, sogar in einem relativ passablen Zustand, hört er voll der Freude, und dass sie nunmehr in Hamburg stehe, auf einem Aufbewahrungsgelände der Polizei.
Wobei: Obwohl man davon ausgehen könne, dass sie die seinige sei, zumal auch die Motornummer übereinstimme, käme Carsten nicht umhin, seinen Besitzanspruch zu beweisen. Denn natürlich habe der Dieb die Rahmennummer gründlich entfernt. Also besucht Carsten die örtliche Polizei, beschreibt genau, was für Besonderheiten seine Maschine hat, listet sämtliche Anbauteile auf und lässt sich vom Castrop-Rauxeler Kommissar die Nummer von dessen Kollegen in Hamburg geben.

Was er von dem zu hören bekommt, schlägt Carsten schwer auf den Magen. Klar, auch er sei sich sicher, sagt der Hamburger Polizist, dass die beschlagnahmte 749 Carsten gehöre. Klar sei aber leider auch, dass er sie dennoch nicht abholen könne, weil noch jemand Ansprüche auf das Motorrad erhebe. Ein gewisser Herr M. nämlich, in dem man den mutmaßlichen Hehler sehe. Und bei dem man übrigens nicht nur Carstens Ducati, sondern noch drei weitere, vermutlich ebenfalls gestohlene Maschinen dieses Fabrikats entdeckt und sichergestellt habe. Die Angelegenheit werde vor Gericht entschieden, und bis dahin müsse Carsten sich in Geduld üben.

Was er dann auch macht, es bleibt ihm ja nichts anderes übrig. Im Mai 2005 fährt er nach Hamburg, um seine Maschine zu identifizieren. »Alles ist da, alles dran«, sagt Carsten den Beamten, »das nachträglich montierte Karbon-Schutzblech am Hinterrad, die Soziusabdeckung und vor allem der ärgerliche 50 Zentimeter lange Kratzer am linken Verkleidungsunterteil.« Als zu guter Letzt auch noch die Schlüssel passen, ist sich Carsten sicher, die 749 in absehbarer Zeit retour nach Castrop-Rauxel chauffieren zu dürfen. Doch noch gilt sie als Beweismittel, und noch gibt es keinen Termin für den Prozess.
Was Carsten ebenfalls nicht behagt: Das teure Stück steht bei jedem Wetter draußen. »Und das«, meint er, »tut ihm definitiv nicht so richtig gut.« Immerhin erhält er über den kleinen Dienstweg im November 2005 die Erlaubnis, die Ducati winterfest zu machen. Macht sich mit Abdeckplane und Sprühöl bewehrt noch einmal auf nach Hamburg. Auf eigene Kosten, 700 Kilometer hin und zurück. Als sich knapp sechs Monate später immer noch nichts tut, im Mai 2006, schaltet Carsten einen Rechtsanwalt ein. Der fordert Akteneinsicht beim zuständigen Amtsgericht, bekommt aber lediglich belangloses Material zugeschickt. Und das viel zu spät. »Dass die Mühlen der Justiz langsam mahlen«, sagt er, »ist wohl allgemein bekannt. Aber so langsam wie in Hamburg ...«

Immerhin schafft man es in der Hanse­-stadt, die mündliche Verhandlung auf den Februar 2007 zu terminieren. Da ist der Diebstahl schon gut zwei Jahre her. Im Amtsgericht Hamburg-Wandsbek trifft Carsten erstmals auf drei Leidensgenossen. Man tröstet sich gegenseitig. Obwohl alle Motorräder auch während der Verhandlung eindeutig ihren Besitzern zugeordnet werden, behauptet der Angeklagte M. noch immer stumpf, deren rechtmäßiger Eigentümer zu sein.

Das Gericht lässt sich Zeit, entscheidet nicht sofort. Drei Wochen dauert es, dann erhält Carsten die frohe Botschaft, dass M. verurteilt wurde, er seine Ducati demnächst abholen könne. Endlich.
Was dann geschieht, ist so unglaublich, dass sich die Hansestadt Hamburg (bis Redaktionsschluss) darüber in Schweigen hüllt. Alle Anfragen diesbezüglich seien nicht beantwortet worden, ärgert sich Carstens Anwalt. Wie peinlich dieses Geschehen ist, zeigt sich schon daran, dass die Richterin bei einem der Betroffenen, dem Ducati-Händer Bernd Lohrig aus Syke, anruft, sich förmlich entschuldigt und sagt, auch sie könne sich nicht vorstellen, wie das habe passieren können.
Carsten wird schriftlich informiert, von seinem Anwalt: »Aufgrund eines Versehens seitens der Staatsanwaltschaft wurde das Motorrad nicht an Sie, sondern an den mutmaßlichen Täter herausgegeben. Dieser habe das Motorrad teilweise zerlegt. Die Teile sind in einem nicht sonderlich guten Zustand. M. sei aber grundsätzlich bereit, diese an Sie herauszugeben.«
»Was nun?« fragt sich Carsten. »Die Teile abholen? Die Staatsanwaltschaft verklagen? Zivilrechtlich gegen M. vorgehen?« Der hat Berufung eingelegt, wartet auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Carstens Anwalt wartet auch. Darauf, dass man ihm endlich Akteneinsicht gewähren möge. Die hat er schon mehrmals angemahnt, letztlich ohne habhaftes Ergebnis.
Carstens Leidensgefährte, der Ducati-Händler Lohrig, hat den Fall für sich ab­geschlossen. Er ist bei M. vorgefahren, hat, was von seinem Motorrad übrig blieb, aufgeladen und verkauft. Zusammen mit dem, was er von seiner Versicherung erhielt, die er freilich erst noch vor Gericht zur Zahlung animieren musste, kommt er ohne großen Verlust aus der Sache raus. Carsten kann das nun wirklich nicht behaupten.

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