Kanazawa, Suguru: Interview (Archivversion) Interview

Suguru Kanazawa, Präsident der Honda Racing Corporation (HRC) und
Vorsitzender des Motorradsport-Industrieverbands MSMA, über
Personalentscheidungen im Honda-Werksteam und seine Vorstellungen
für die künftige Gestaltung der MotoGP-WM.

Herr Kanazawa, Honda hat für die MotoGP-Saison einige
personelle Umbesetzungen im Werksteam und den offiziell unterstützten Teams entschieden. Können Sie sagen, warum die Teams so aussehen, wie sie sich heute präsentieren?
Das ist recht einfach. Weil Honda grundsätzlich nur
Verträge über ein Jahr mit seinen Fahrern abschließt, waren wir in der Lage zu handeln. Beispielsweise fanden wir
die Ergebnisse von Alex Barros nicht so gut, deshalb haben
wir ihn vom Repsol-Honda-Werksteam in das Camel-Honda-
Kundenteam versetzt.
Gibt es denn tatsächlich einen Unterschied zwischen der
Repsol-Honda-Werksmannschaft und den Kundenteams? Ihnen müsste doch daran gelegen sein, dass beispielsweise Sete Gibernau im Movi-
star-Honda-Team, der seit Jahren der ernsthafteste Herausforderer von
Weltmeister Valentino Rossi ist, bestmöglich ausgerüstet ist. Ist Honda
in dieser Hinsicht flexibel?
Was Gibernau betrifft: Er fährt zwar in einem anderen Team als unsere direkten Werkspiloten Max Biaggi und Nicky Hayden, bekommt aber identisches Material.
Sie haben Erv Kanemoto zu HRC zurückgeholt, die Teamchef-Legende, die für Honda schon mit Freddie Spencer und auch Max Biaggi Weltmeister wurde. Was erwarten Sie von ihm?
Kanemoto war immer ein guter persönlicher Freund. Der Kontakt zu ihm ist nie abgerissen, auch als er nicht für Honda
arbeitete. Er hat eine spezielle Art, die Technik und die Fahrer zu verstehen und zu kontrollieren.
Im Moment sind die Resultate von Biaggi nicht so berauschend...
Das Problem liegt möglicherweise bei ihm, nicht beim
Motorrad. Wir müssen vielleicht noch einige Rennen abwarten, bis sich Kanemotos Arbeit bemerkbar macht.
Die Honda-Werksfahrer sind im Durchschnitt vier Jahre älter als die von Konkurrent Yamaha.
Das weiß ich wohl. Vergessen Sie nicht, dass wir erfolgreich junge Fahrer in der 250er-Klasse aufbauen. Haben Sie bitte noch zwei, drei Jahre Geduld, bis die in der MotoGP-Kategorie angekommen sind.
Es gibt ja auch anderswo junge, aussichtsreiche Fahrer, wie in
der Superbike-WM Chris Vermeulen oder Max Neukirchner, den aktuellen deutschen Held in dieser Serie. Könnten Sie sich vorstellen, solchen Leuten den Weg in die MotoGP-WM zu ebnen?
Das ist denkbar. Vermeulen hat eine Einladung bekommen, unser Motorrad für die Acht Stunden von Suzuka zu testen. Ob er es im Rennen fahren wird, entscheidet sich danach.
Sie sind Vorsitzender der MSMA, der Vereinigung der im Motorradsport
engagierten Hersteller. Dort wird derzeit
die kommende Hubraumbegrenzung für die
MotoGP-Klasse diskutiert. 900 statt der jetzt geltenden 990 cm3 sind angedacht, aber
Honda wollte sogar unter 800 cm3 gehen.
Warum das? Es wird sogar spekuliert, dass Honda und andere Hersteller solche Motoren in Kürze testen werden.
Ich spreche jetzt nicht als
Vorsitzender der MSMA, sondern als
Vertreter von Honda. Es geht uns um
die Sicherheit, und da wird uns eine Hubraumreduzierung auf 900 cm3 nicht weiterbringen. Denn dadurch wird die Spitzenleistung und somit die Höchstgeschwindigkeit am Ende der Geraden nicht wirkungsvoll gesenkt, wo die Fahrer eine Vollbremsung machen müssen – und das ist die gefährliche Situation. Was die angesprochenen Gerüchte betrifft: Honda hat keinen anderen Motor für die MotoGP-Klasse gebaut als den der RC 211 V.
Ist es denn überhaupt sinnvoll, an der Motorleistung
etwas zu ändern, wenn gleichzeitig die Weiterentwicklung der Reifen die Rundenzeiten von einem Jahr aufs andere um eine Sekunde verringern kann?
Sie haben Recht, die Rundenzeiten sinken dank
der neuen Reifen. Aber das wäre auch der Fall, wenn wir mit weniger Leistung fahren würden – und am Ende der
Geraden viel weniger Geschwindigkeit hätten. Aus diesem Grund ist die Hubraumreduzierung der richtige Weg.
Wieviel Leistung würden denn die MotoGP-Motoren
verlieren, wenn der Hubraum auf 800 cm³ verkleinert würde?
Der Wert läge im Bereich der Hubraumverringerung. Das wären also rund 20 Prozent.
Und wie lange würden die Honda-Ingenieure benötigen, um auch mit 800 cm³ Hubraum wieder auf das heutige Leistungsniveau von mehr als 250 PS zu kommen?
Vielleicht zwei, drei Jahre – aber das ist ja normal.

Das Interview führten die MOTORRAD-Redakteure
Michael Rohrer und Andreas Schulz während des
spanischen Grand Prix in Jerez

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