Kauf einer Gebrauchten (Archivversion) Sechs sells

Neue Logik. Jetzt muss der Händler beweisen, dass der Kunde schuld an einem Schaden ist. Auch beim Gebrauchtkauf. Sechs Monate lang. Das tut dem Käufer gut.

Schlaue Motorradfahrer kaufen im Winter. Dann ist das Angebot am größten, sowohl beim Händler um die Ecke als auch von Privaten. Zu Beginn der Saison 2002 dürften nahezu eine halbe Million Motorräder zum Verkauf stehen. Wer da nichts findet, ist selbst schuld. Die Chancen stehen seit dem 1. Januar besonders gut. Denn seitdem ist das Gesetz zur Modernisierung des Schuldrechts in Kraft getreten, das dem Verbraucher mehr Rechte gibt. Motorradhändler müssen nun ein Jahr lang für die Mängelfreiheit gebrauchter Motorräder geradestehen, egal wie alt sie sind oder wie viele Kilometer sie auf dem Buckel haben. Mehr noch: In den ersten sechs Monaten nach Kauf gilt die so genannte Beweislastumkehr. Das Gesetz geht von der Vermutung aus, dass ein in diesem Zeitraum auftretender Mangel, zum Beispiel ein zu hoher Ölverbrauch, eine undichte Zylinderkopfdichtung, erst recht ein kapitaler Motorschaden schon zum Zeitpunkt des Verkaufs – der Jurist spricht hier von »Gefahrenübergang« – vorhanden war. »Normaler Verschleiß, zum Beispiel eine gelängte Kette, riefige Bremsscheiben oder Lagerspiel in den Umlenkhebeleien gehören nicht dazu«, erläutert Rechtsanwalt Andreas Czech aus Stuttgart.Jetzt muss der Käufer nicht mehr beweisen, dass er mit dem Motorrad keineswegs unsachgemäß umgegangen ist. Bisher meist ein auswegloses Unterfangen, das hauptsächlich dem Anwalt, vielleicht sogar einem Kfz-Sachverständigen ein angenehmes Honorar bescherte, in günstigsten Fall vor Gericht als Vergleich endete. In Zukunft dürfte der Motorradkäufer besser dastehen, denn nun muss der Händler in diesem Zeitraum von sechs Monaten beweisen, dass der Käufer mit dem Bike Schindluder getrieben hat. Der berühmte Satz im Kaufvertrag »verkauft unter Ausschluß jeglicher Gewährleistung« gilt für Geschäfte zwischen Händler und privatem Käufer nicht mehr. Axel Berger von der Car-Garantie Versicherungs-AG, einem auf die Versicherung von Gebrauchtverkäufen spezialisierten Unternehmen, sieht es so: »Selbst wenn der Händler ein Übergabeprotokoll vorlegt, wird sich bei einem kapitalen Schaden immer ein Anwalt finden, der das Gegenteil behauptet. Wenn der Händler dann nicht zu 100 Prozent beweisen kann, dass das Fahrzeug bei Auslieferung mängelfrei war, fällt der Schaden auf ihn zurück.« Prozesshansel sind hoffentlich unter Motorradfahrern selten anzutreffen. Auf alle Fälle ist es besser, bei der Besichtigung eines in Frage kommenden Motorrads, sei es beim Händler oder bei einem privaten Verkäufer, nicht allzu viel falsch zu machen. Hier ein paar Tipps. Bereits beim ersten Telefonkontakt erfragen, ob das Motorrad probe gefahren werden kann. Schlau ist es zudem, einen Kumpel, der etwas von der Materie versteht, zum Besichtigungstermin mitzunehmen. Er dient zugleich als Zeuge. Zuerst das Objekt der Begierde einer gründlichen Sichtkontrolle unterziehen. Dabei auf Kratzer an Verkleidung, Gehäusedeckeln, Fußrasten und Auspuffanlage achten - Zeichen für einen eventuellen Sturz. Das Motorrad auf den Hauptständer stellen, das Vorderrad gerade stellen. Prüfen, ob Vorder- und Hinterrad fluchten. Vorderrad entlasten und Lenkkopflager checken. Der Lenker sollte sich leicht ohne zu haken bewegen lassen, das Lager spielfrei sein. Motor auf Öldichtheit an Zylinderkopf und -fuß sowie an sämtlichen Gehäusenähten prüfen. Gabel auf Ölnebel untersuchen. Belagstärke der Bremszangen sichten und die Bremsscheiben auf Riefigkeit abtasten. Schließlich den Zustand der Reifen, insbesondere die Profiltiefe begutachten. Zuletzt die Gleichmäßigkeit des Kettendurchhangs checken.Unbedingt eine nicht zu kurze Probefahrt unternehmen und dabei auf ungewöhnliche Motorgeräusche wie Lagerklackern oder Kolbenkippen horchen. Das Wunschmotorrad sollte zudem ruckfrei beschleunigen, rubbelfrei bremsen, in Kurven nicht kippeln, freihändig geradeaus fahren, zumindest auf ebener Strecke kein Lenkerschlagen aufweisen. Für den, der es ganz genau wissen möchte, bietet MOTORRAD eine ausführliche Checkliste an, die unter www.motorradonline.de heruntergeladen werden kann.Gefällt das Motorrad, bleibt noch die Preisfrage. Anhaltspunkte gibt die allseits bekannte Schwackeliste, die in Auszügen auf Seite 66 abgedruckt ist. Internetnutzer haben die Möglichkeit, unter www.schwacke.de eine kostenlose grobe Preisfeststellung vornehmen zu lassen. Ebenso ist eine Telefonbewertung möglich (Schwacke Service-Line 0190 / 87 01 36, 1,86 € pro Minute).Beim Verkauf von privat an privat bleibt übrigens alles beim Alten. In diesem Fall könnte ein Kaufvertrag so aussehen wie auf Seite 67. Er enthält den besagten Passus vom Haftungsausschluß, der den Verkäufer weitgehend von späteren Forderungen des Käufers schützt, anders als im Falle des Verkaufs durch einen Händler. Privatverkäufer sollten sich unbedingt den Führerschein des potenziellen Käufers zeigen lassen und derweil ein Pfand – etwa den Personalausweis – einbehalten. Falls der Kaufinteressent auf Nimmerwiedersehen abhaut, gilt das nicht als Diebstahl, sondern, da das Fahrzeug freiwillig überlassen wurde, als Unterschlagung. Und dafür kommt die Kaskoversicherung des Verkäufers nicht auf, wohl aber für Schäden an fremden Sachen, die während der Probefahrt angerichtet werden. Nach vollendetem Verkauf - also nach Unterschreiben des Kaufvertrags (je ein Exemplar für Käufer und Verkäufer), Bezahlung und Übergabe von Fahrzeugbrief und Fahrzeug, dem so genannten Eigentumsübergang - übernimmt die Versicherung des Käufers eventuelle Schäden, selbst wenn das Motorrad noch nicht umgemeldet wurde. Last but not least ist ganz wichtig, die Anzahl der Schlüssel im Kaufvertrag zu vermerken. Sonst droht bei einem späteren Diebstahl Ungemach. Denn Gerichte verlangen, dass der Biker lückenlos nachweisen kann, wo die Fahrzeugschlüssel abgeblieben sind.

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