Kawasaki-Werksfahrer Pit Beirer (Archivversion) Rad´l verpflichtet

Wenn schon, denn schon. Der Dienstantritt des deutschen Nobel-Crossers Pit Beirer im Kawasaki-Moto Cross-Werksteam wurde gebührend gefeiert - im Rahmen der Präsentation der Williams-Formel-1-Equipe.

Ein Blitzlichtgewitter erleuchtete flackernd das Halbdunkel der Bühne, Fernsehkameras bannten leise surrend jede Bewegung der vier Stargäste auf ihre Magnetbänder. Keine Frage, großes Spektakel bei der Präsentation des Motorsport-Engagements des Zigarettenherstellers Winfield auf dem Circuit de Catalunya bei Barcelona. Auch keine Frage, daß das enorme Medieninteresse im wesentlichen den beiden Formel-1-Stars Ralf Schumacher und Alex Zanardi galt. Dennoch, wie das fünfte Rad am völlig neu entwickelten Boliden von Williams mußte sich weder Marnicq Bervoets noch Pit Beirer fühlen. Shake hands mit Schumi II hier, Schulter an Schulter mit Alessandro da - alles mediengerecht inszeniert. No bussiness is like show business.Zumindest für Pit Beirer, den Dritten der letztjährigen Viertelliter-Moto Cross-WM, bedeutete dies eine Bestätigung mehr, die richtige Entscheidung für die anstehende WM-Saison getroffen zu haben. Nach Jahren in der mit Semi-Werksmaterial von Honda ausgestatteten Truppe des Schweizer Pamo-Teams unterzeichnete Pit vergangenen Herbst einen Zwei- Jahres-Vertrag im neuerdings ebenfalls von Winfield unterstützten offiziellen Werksteam von Kawasaki. »Und da merkte ich erst, wie sehr ich mich über meine Wertigkeit bei Honda getäuscht hatte. Stefan Everts war und ist dort eben die Nummer eins«, blickt der Blondschopf auf seinen jüngsten Japan-Trip zurück. Denn statt wie bisher im Schatten des übermächtigen Ex-Weltmeisters betreut zu werden, genoß der Twen vom Bodensee erstmals in seiner Karriere die vorzügliche Behandlung eines waschechten Werksfahrers. »Es war wie der Hauptgewinn auf dem Rummelplatz. Ich hatte einfach die freie Auswahl«, beschreibt Pit die Grundsteinlegung zu seiner Werksmaschine auf der hauseigenen Teststrecke von Kawasaki. Mit zwei Ingenieuren von Federungshersteller Kayaba, dem Designer des Rahmens, drei Motoren-Konstrukteuren, einem Elektroniker und einem Vergaser-Spezialisten machte die geistige Basis der Kawasaki-Cross-Modelle dem Neuzugang ihre Aufwartung - und so manches Kopfzerbrechen.»Wir hatten die Vorgabe, in einer Woche aus dem Berg an Material die beste Kombination zusammenzupuzzlen. Nur die ausgewählten Teile werden dann in einer Kleinserie für uns produziert. Ich wußte, wenn ich hier versage, muß ich in diesem Jahr mit einer Gurke antreten«, zeichnet der momentan in Belgien lebende Sportsmann seine Verantwortung nach. Schließlich präsentierte die Kawasaki-Crew bereits zur individuellen Motorenabstimmung eine Unmenge an Kombinationen. Aus sechs Zylindern, acht Zylinderköpfen, drei Kolbentypen (die zum Teil stolze 50 Gramm leichter als ihr Serienpendant waren), fünf Kurbelwellen mit unterschiedlicher Schwungmasse, einem Dutzend Vergaser und einer ganzen Latte verschiedener Zündkurven wollte und mußte die beste Konstellation herausgefunden werden. Doch die tagelange Plackerei sollte sich lohnen. »Trotz nahezu serienmäßiger Optik verfügen wir über 10 PS mehr Spitzenleistung, also über 60 PS«, nennt Pit lapidar das Resultat der geglückten Suche nach mehr Power. Ein Ergebnis, das für gewöhnliche Tuner die Krönung ihres Lebenswerks bedeuten würde.Selbst beim im Cross-Metier in der Regel als zweitrangig angesehenen Thema Bremsen standen 30 verschiedene Kombinationsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Scheibenmaterialien, Scheibengrößen, Bremsbelägen, Leitungen und Armaturen zur Wahl. Wobei auch dort der richtige Tip laut Pit »ein viel feinfühligere Bremse ermöglicht, als ich je erwartet hätte«.Beim Thema Fahrwerk ist ebenfalls mehr Sein als Schein angesagt. »Wir testeten beispielsweise Rahmen mit verschiedenen Rohrstärken. Man glaubt nicht, wie sich dies beim Fahren bemerkbar macht. Wie sehr sich ein weicher Rahmen, der gutmütig durch die Kurven läuft, bei harten Landungen verwindet und wie widerspenstig ein nach großen Sprüngen spurstabiler Rahmen durch die Kehren hakelt«, gab´s auch für den ausgebufften Profi noch etwas zu lernen. Eigene Erfahrungen brachte Pit in die Fahrwerksabstimmung mit ein. Aus den acht parat liegenden Magnesium-Gabelbrücken, die jedwede Kombination aus Lenkerposition, Gabelversatz, Lenkwinkel und Nachlauf ermöglichten, war schnell die Optimallösung herausgefunden. Ganz im Gegensatz zur Abstimmung der Federelemente, dem Herzstück jeder Cross-Maschine. Imposant ist die Upside-down-Gabel von Kayaba, die mit einem federleichten Innenleben aus Titan, reibungsarmer Titan-Nitrit-Beschichtung der Gleitrohre und - wie bei einem Federbein - mit ein bis zwei Bar befüllten Druckbehältern das Dämpferöl am Schäumen hindert. Auch die Ideal-Konstellation der Hinterradfederung mit acht verschieden langen Zugstreben und sechs unterschiedlich geformten Umlenkhebeln sowie einem in Zug- und Druckstufendämpfung vielfach einstellbaren Werks-Federbein von Kayaba zu finden ist sicher nicht einfach, aus der Sicht von Pit aber »zu 90 Prozent gelungen«. Die restliche Feinarbeit findet vor dem WM-Auftakt im spanischen Talavera am 21. März in Europa statt. Eine Aufgabenstellung, welche die Formel-1-Crew von Williams nicht nur wegen der im Grunde genommen gleichen Aufgabenstellung bei Schumis neuem Flitzer durchaus nachvollziehen kann. Gavin Fisher zumindest sagte den Moto Crossern schon jetzt seine moralische Unterstützung zu. Der Chef-Aerodynamiker bei Williams ist seit Jahren steter Gast beim britischen Moto Cross-WM-Lauf in Foxhill und weiß jetzt wenigstens, für wen er applaudieren soll..

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