Ken Roczen im US-Supercross Kens amerikanischer Motocross Traum

Wenn er nicht trainierte oder Rennen fuhr, schaute Ken Roczen Supercross-Videos. So wie die besten US-Crosser wollte er auch fahren können und das schon, bevor er das Teenageralter erreichte. Jetzt ist er auf dem besten Weg dazu.

Foto: Hoppen

Ken who? Sorry, I never heard that name - Ken wer? Tut mir leid, den Namen habe ich nie gehört“, war die Antwort vom GOAT auf die Frage nach Ken Roczen. GOAT steht für „Greatest Of All Times“ und gebührt Ricky Carmichael, dem erfolgreichsten Motocross-Fahrer der Welt.

Das war 2005 bei der ersten Stippvisite Roczens in den USA, als der 1994 geborene Youngster in Deutschland alles in Grund und Boden fuhr. Er war bereits damals die große Hoffnung, endlich wieder internationale Erfolge in die Rennchroniken eintragen zu dürfen. Der letzte und einzige deutsche Motocross-Weltmeister war Paul Friedrichs aus der DDR im Jahr 1968. Roczen traute man zu, diese Durststrecke beenden zu können. Zu Recht, wie wir heute wissen. Leider gilt Deutschland als Motocross-Entwicklungsland. Selbst die Weltmeisterschaft spiegelt nicht die absolute Weltklasse wider. Die beiden US-Meisterschaften werden wesentlich höher bewertet. Dies alles befeuerte Ken Roczens amerikanischen Traum.

Die Motocross-Meisterschaft in den USA besteht aus den Nationals, einer zwölf Rennen langen Sommerserie, die den MX1- und MX2-Weltmeisterschaften mit Outdoor-Strecken am nächsten kommt. Daneben gibt es die 16 Rennen lange Supercross-Serie, die Anfang Januar startet und quer durch die USA zieht, mit Rennen an jedem Wochenende. Sie werden in den Baseball- und Football-Stadien der Millionenstädte ausgetragen.

Seit gut 40 Jahren hat dieser Sport derart an Popularität gewonnen, dass Zuschauerzahlen von über 60000 keine Seltenheit sind. Live-Übertragungen, weltweites Medieninteresse und eine riesige Fangemeinde haben dazu geführt, dass die Motorrad- und Zubehörhersteller große Budgets investieren. Um einen Teil dieser Multimillionen wird von den besten Motocross-Talenten der Welt bis aufs Messer gekämpft.

Ken Roczen hat in atemberaubender Konsequenz und Schnelligkeit die MX2-Weltmeisterschaft gewonnen und ist spätestens seit seinem ersten Saisonsieg in Houston dabei,  sich in den USA zu etablieren. Jetzt muss er zeigen, dass er dauerhaft der Schnellste ist. Und das wird der schwierigste Schritt.

Obwohl das erste SX-Rennen Anfang Januar stattfindet, beginnen  die Vorbereitungen dafür schon im Frühjahr zuvor. Noch während der Outdoor-Saison lassen die Teams ihre eigenen Strecken nach den Plänen für die kommende SX-Kampagne bauen. Dann beginnen die Trainings. Wochenlang werden Reifen, Auspuffanlagen, Motoren und Fahrwerkseinstellungen getestet.

Seit vielen Jahren gilt beim SX die sogenannte „production rule“, um Chancengleichheit für die Privatfahrer zu schaffen. Sie regelt, welche Teile eines Motorrads serienmäßig sein müssen und welche modifiziert werden dürfen. Wenn man sich aber das 100000-Dollar-Motorrad eines Topteams ansieht, erkennt man, dass die Werke diese Regel trickreich umgehen. Die Teile, die geändert werden dürfen, machen die Bikes für normale Konkurrenten unschlagbar.

Wie bei der Weltmeisterschaft gibt es eine 450er- und eine 250er-Klasse, auch Lites genannt. Zweitakter dürfen nur den halben Hubraum haben und werden kaum mehr weiterentwickelt. Sie haben heute keine Chance mehr. Selbst die 350er-KTM verliert im 450er-Feld zwischen Start und erster Kurve, und weil die Rennen kurz sind (etwa 14 bis 16 Minuten), bleibt kaum Zeit zu überholen. Also braucht man den großen Hammer, um von Anfang an dabei zu sein. Im Vorfeld eines Rennens herrscht der Ausnahmezustand. Aus allen Richtungen rollen Busse und 40-Tonnen-Roadtrains an, das SX-Fieber grassiert. Innerhalb von zwei bis drei Tagen bauen Firmen, die nur darauf spezialisiert sind, mit 500 Lkw-Ladungen Erde Crosspisten in die geheiligten Footballstadien. Verglichen mit den europäischen Strecken sind die US-Tracks größer, anspruchsvoller und gefährlicher. Der Siegeswille oder auch die Verzweiflung der Fahrer sind unbändig. Was die Streckenbauer als Dreifach-doppelt-dreifach-Sektion geplant haben, wird von vielen als Vierfach-vierfach-Kombination gesprungen. Oft geht das schief. Das ist dann der Moment, in dem sich die Jungs, die sich noch bewegen können, die Erde aus den Zahnlücken kratzen. Wer sich nicht mehr bewegt, wird schnell weggetragen - the show must go on.

Und die Show läuft wie eine Schweizer Uhr. In gut zwei Stunden gehen ein Feuerwerk mit Sideshow, vier Vorläufe, zwei Hoffnungsläufe und je ein Finale für 250er und für 450er über die Strecke.

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Foto: ADAC MX-Masters

Die Siegerehrung ist noch nicht ganz vorbei, da wird schon die Piste mit riesigen Raupenbaggern abgebaut, und die Sattelschlepper sind unterwegs in die nächste Mega-City. Am Sonntagmorgen erinnert nichts mehr an das Rennen vom Tag zuvor.

Um in diesem Uhrwerk funktionieren zu können, muss man in Topform sein. Die Monate vor der Saison sind daher die wichtigsten für die Fahrer. Wenn die Serie erst einmal läuft, lässt sich nicht mehr viel verbessern, denn 16 Rennen in 16 Wochen lassen wenig Spielraum. Deshalb wird die 250er-Meisterschaft in eine West- und Ostserie aufgeteilt, um Privatfahrern am Anfang ihrer Karriere Kosten zu sparen. Sie können sich auf eine Region konzentrieren, statt 5000 Kilometer zu den Rennen reisen zu müssen. Da Ken Roczen in Südkalifornien lebt, sollte er die Westserie -bestreiten. Nach seinem Sieg beim letzten Rennen 2011 waren die Medien sicher, dass er der Fahrer sei, den es 2012 zu schlagen gilt. Doch seine Vorbereitung war innerhalb eines Sekundenbruchteils hinfällig: Ein kleiner Fehler, ein Ausrutscher und ein gebrochener Arm bedeuteten das Aus für seine Hoffnungen auf den Westtitel.

Weil die Rennen der Ostmeisterschaft später beginnen, wechselte er in diese Serie, war allerdings längst nicht so fit wie vor dem Sturz. Neben der nicht optimalen Kondition musste er sich mit weiteren Stürzen, mit schlechten Starts und einer Grippe herumschlagen. Und als er endlich in Indianapolis führte, wurde das Rennen abgebrochen und neu gestartet. Erneut lag er in Führung, stürzte jedoch wieder und konnte letztlich nur als 19. ins Ziel kommen.

Solche Widrigkeiten wegzustecken, macht die wirklichen Champions aus. Schnell Motocross fahren können eigentlich alle, die sich für die Nightshow qualifizieren, aber um am Ende ganz oben zu stehen, braucht es viel mehr. Die Meisterschaft ist ein Marathon. „Ken ist nicht nur ein Supertalent, er lernt auch schnell. Er ist ein lebensfroher Junge, den man gerne um sich hat“, meint Roger de Coster, der Teamchef von KTM in Amerika und selbst fünffacher Motocross-Weltmeister. „Wenn er eine Schwäche hat, dann die, dass er nicht genug auf das Rennen fokussiert ist. Am Renntag läuft er händeschüttelnd von Interviews zu Fans zum Live-TV und wird fast vom Start überrascht. Er ist noch jung und wird auch das ändern, um zu gewinnen.“

Jedenfalls hat sich Ken gut in den USA eingelebt und spricht ebenso gut American English wie Deutsch. Vom hochgelegten  Monster-Style-Truck mit betäubender Hifi-Anlage bis zum Traumhaus besitzt er die typischen Accessoires der US-Stars. Neulich  fand selbst der GOAT bei einem Fernsehkommentar nur lobende Worte für ihn. „Ken who?“ - das war einmal.

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