Kenny Roberts-Trainings-Ranch (Archivversion) Quertreiber

Grand Prix-Asse aus ganz Europa trafen sich auf der Trainings-Ranch von Kenny Roberts in Barcelona, um den Dirt-Track Sport zu erlernen.

Honda-Werksfahrer Alex Criville verbrachte die Tage vor dem Lehrgang mit intensivem Fitneßtraining, sein italienischer Widersacher bei den 500ern, Loris Capirossi, brachte am Morgen des ersten Kurstages keinen Bissen runter. Eines stand fest: Man war hier nicht zu einem Fahrsicherheitstraining zusammengekommen, hier ging es drei Tage lang um Sieg oder Niederlage - allerletzte Rille war also angesagt. Die Holländer schickten 250er Pilot Jürgen van der Goorbergh auf die neu eröffnete Trainings-Ranch in Barcelona, aus England war Neil Hodgson angereist, der von der 500er-WM ins Ducati-Werksteam für die Superbike-WM gewechselt ist. Mit zwei Gnadenlosen der allerfeinsten Sorte war die 125er Fraktion vertreten: Emilio Alzamora als zweiter Spanier neben Criville und Tex Geissler aus dem Marlboro-Aprilia-Team, der für Deutschland mitmischte. Schwer einzuschätzen waren die Motorrad-Journalisten aus den genannten Ländern, die Kenny Roberts zur Off Road-Runde eingeladen hatte. Sie hatten schließlich nichts zu verlieren und lauerten nur darauf, einen GP-Star zu versägen. Eine Niederlage gegen einen von ihnen wäre für einen WM-Star oberpeinlich, aber durchaus denkbar gewesen, denn die Voraussetzungen waren für alle gleich: Alle saßen auf Honda XR 100 mit einem acht PS schwachen Viertakt-Einzylinder, und keiner hatte einen Plan vom Dirt-Track fahren. Um so aufmerksamer lauschten die Kursteilnehmer dem Einführungsunterricht von King Kenny: »Zu jeder Kurve gibt es eine Geschwindigkeit, die funktioniert. Am Eingang muß alles passen: Geschwindigkeit, Schräglage, das Gas, nur dann kann man einen streßfreien und vor allem schnellen Ausgang fahren. Ihr sollt hier lernen, wie man ein Motorrad über beide Räder rutschen läßt, ohne zu stürzen, um am Kurvenausgang früher beschleunigen zu können. Mit unseren Minibikes ist es relativ ungefährlich, dieses Limit auszuloten.« Relativ. Und relativ unvernünftig ist es, sich sofort mit den beiden Co-Instruktoren, Kenny Roberts junior und Altmeister Randy Mamola, zu duellieren, so wie Capirossi. Dabei erwischte er seinen letzten Kurvenausgang zwar schnell, aber alles andere als streßfrei: Das Vorderrad hakte ein, ein Lenkerende bohrte sich in seinen Magen und schon hob der Italiener ab - Bandscheiben gequetscht, vier Wochen Pause. Der Kommentar von Roberts senior: »Ich hätte mindestens fünf Italiener einladen müssen, damit wenigstens einer nach den drei Tagen übrigbleibt.« Der Rest des ersten Praxisunterrichts verlief relativ glimpflich, wenn man bedenkt, daß sich 14 Mann sechs Stunden lang auf einem 200 Meter langen Kurs bis aufs Messer bekämpften: Die vielen gegenseitigen Abschüsse und die darauf folgenden Stürze waren auch die Highlights bei der anschließenden Video-Kritik. Am zweiten Kurstag zeigten sich die Dirt-Track-Schüler deutlich weniger Angriffslustig, denn ein Muskel in der Leistengegend, der das linke Bein anheben soll, quittierte seinen Dienst. Schuld war der schwere Stahlschuh, der bei den drei Linkskurven der Strecke das Gleiten über den Dirt-Track erleichtern soll. Stahlschuh samt Stiefel wiegen etwa drei Kilo, am zweiten Tag aber Tonnen. Der Fuß ließ sich kaum auf die Raste heben, geschweige denn zum Balancieren in Schräglage gebrauchen. Besonders hart traff es die wenigen normalgewachsenen Menschen im Kurs - die mitteleuropäischen Motorradjournalisten: Im Gegensatz zu den zwergenwüchsigen Grand Prix-Fahrern hatten sie sowieso schon alle Mühe, ihre Beine auf der Mini-Honda so zu verstauen, daß sie sich nicht um den Lenker wickelten. Wie angenehm, daß Kenny Roberts zu einer längeren Morgenansprache ansetzte: »Diese Trainings-Ranch habe ich nicht eröffnet, um Geld zu machen, sie gehört mir nicht mal. Grund und Boden und alle Gebäude gehören zum Catalunya-Grand Prix-Kurs, der hier gleich um die Ecke liegt. Die Motorräder wurden uns zur Verfügung gestellt, ich bin hier nur der Verwalter. Vielmehr möchte ich den Motorradrennsport populärer machen. Dazu braucht man aber viele erstklassige Fahrer, die spannende Rennen liefern können und nicht im zweiten Eck schon auf der Nase liegen.« Die Kosten für einen Kurstag sind hoch (siehe Kasten S. 153), aber die Gebühren von bis zu 900 Mark pro Tag kommen für Roberts nicht von ungefähr: »Damit können wir gerade mal die Unkosten decken. Aber ich frage euch, was kostet eurem Rennteam eine neue Kurbelwelle, damit ihr eine Sekunde schneller werdet? Wenn ihr die Maschine nach einem Rutscher nicht mehr abfangen könnt, wieviel kosten dann die Ersatzteile? Ihr sollt die Kursgebühr nicht aus eigener Tasche bezahlen, redet mit euren Teams und euren Sponsoren. Ich würde mir wünschen, daß eines Tages die Föderationen der einzelnen Länder ihre Nachwuchstalente hier auf die Ranch schicken.« Den Rest des Vormittags verbrachten Grand Prix-Stars und Journalisten damit, irgendwie ihr linkes Bein um den Dirt-Track zu schleppen und mit der schrecklichen Gewißheit, daß am Nachmittag noch der Fitneßtest im Zentrum für Hochleistungssport, kurz CAR (Centre d`Alt Rendiment), auf dem Programm stand. Der Test ist Bestandteil aller Kurse auf der Roberts-Ranch, die drei Tage oder länger gehen, und Grundlage zum Erstellen eines individuellen Trainingsplans für den Schüler: Zuerst wird der Fettanteil des Körpers bestimmt, danach die Maximalkraft einzelner Muskelgruppen gemessen, und zum Schluß darf man sich auf einem Stationärtrainer die Lunge aus dem Leib strampeln. Der amerikanische Fitneß-Guru Dean Miller, der Größen wie Eddie Lawson, Wayne Rainey, John Kocinski oder Michael Doohan betreute, erläuterte am nächsten Tag das Testergebnis anhand Crivilles Werten: »Auf dem Fahrrad hatte Alex einen Sauerstoffdurchsatz von über 60 Milliliter in der Minute pro Kilogramm Körpergewicht. Dabei hielt er über zwölf Minuten eine Herzfrequenz von 192 pro Minute, das ist Weltklasseformat. 50 Milliliter wären schon ein guter Wert gewesen, Mick Doohan schafft aber 80. Die körperliche Belastung beim Rennfahren mit einer 500er ist enorm hoch, der Pulsschlag liegt ständig zwischen 160 und 180. Die Summe aus Talent, Wille, Erfahrung und eben Fitneß macht am Ende einen schnellen Motorradfahrer aus.« Schnell, schön und gut. Aber wer ist denn nun der Schnellste? Natürlich mußte die Frage am letzten Lehrgangstag endgültig geklärt werden: Eingangs der langen Links nahm die erste Startreihe Aufstellung, die Journalisten. Aus der zweiten Reihe starteten die Grand Prix-Fahrer. In der Dritten stand Kenny Roberts senior, der dreifache Champion in der Königsklasse. Schon in der ersten Kurve nach dem Start, in der bis in den Vierten hochgeschaltet wird, streute das Feld wegen diverser Ellenbogenchecks wie eine abgesägte Schrotflinte. Der Rest, der sich auf der Bahn halten konnte, beschleunigte mit Vollgas auf die erste Haarnadel zu. Einmal runterschalten, umlegen und bremsen. Leider hatten nicht alle die gleichen Vorstellungen vom optimalen Bremspunkt, in der Regel wählten die Nachfolgenden einen deutlich späteren - was in Rennfahrerkreisen auch als »abschießen« des Vordermanns bezeichnet wird. Auffällig oft, eigentlich sogar immer, waren Neil Hodgson und Jürgen van der Goorbergh in diese Art von Auffahrunfällen verwickelt. Nach fünf Runden wurde die Läufe jeweils abgewunken, dann war die Startaufstellung stets auf den Kopf gestellt: Roberts senior gewann alle Läufe, mit 43 Jahren ist er immer noch eine Klasse für sich. Als zweiter kam meist Criville über den Zielstrich, der Spanier war klar der Schnellste des Lehrgangs. Dahinter lagen die Grand Prix-Fahrer, die ohne Crash über die Runden kamen. Die »Abgeschossenen« stritten mit den Journalisten um die letzten Plätze. Im deutschen Team sorgte Tex Geissler für einige Spitzenresultate, er war zwar nicht der Allerschnellste, doch dafür der Schlauste: Am Start mogelte er sich öfters in die Journalisten-Reihe, und während der Läufe wählte er die effektivsten Abkürzungen.

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