Klapphelm-Träger fühlt sich diskriminiert: Ein wahrer Fall (Archivversion) Reif für die Klappmühle

Nicht Dieter J. Aber so sieht ein Klapphelm-Mensch aus

Dieter J. musste tanken. Er rollte an die Zapfsäule, zog die Pistole und ließ laufen. Voll. Da ahnte er noch nicht, was dann passieren sollte. Nichts ahnend also schritt er, »Portemonnaie in der Hand, zur Bezahlung in den Kassenraum«. Weiter schrieb Dieter J. der Polizei: »Ich trug einen BMW-Systemhelm mit hochgeklapptem Kinnteil und Visier.« Diese Information ergänzt er um den nicht ganz unwesentlichen Punkt, er sei »durchaus als menschliches Wesen erkennbar« gewesen.
Da war Frau Marlies M., beschäftigt an der Kasse der Tankstelle in M., offenbar anderer Meinung. Denn so, wie sie J. behandelte, fühlte der sich nicht mehr wie
ein Mensch. »Es ist kaum zu glauben«, wird Herr J. später der Polizei gegenüber äußern, »was im 21. Jahrhundert geschieht beziehungsweise geschehen kann.« Denn Frau M. forderte Dieter J. auf, den Helm abzunehmen. »Eine Begründung gab sie nicht, und mein Geld wollte sie auch nicht.« J. ist so perplex, dass es zu einer spontanen Übersprungshandlung kommt. Er legt einen Geldschein »auf den Zahlteller« und bittet um Herausgabe des Wechselgeldes. So kann die Situation nur noch eskalieren.
Auf der einen Seite der Theke Herr J., der sich weigert, seinen Helm abzu-
nehmen, auf der anderen Seite der Theke
Frau M., die nicht erkennen kann, ob es
sich beim klappbehelmten Herrn J. um ein menschliches Wesen handelt, und die sich weigert, das Geld anzunehmen, solange Herr J. den BMW-Systemhelm trägt. Herr J. gibt nicht auf, versucht abermals, das Benzin zu bezahlen, ohne den Klapphelm abzunehmen. Vergeblich. Das Dilemma in seiner ganzen Dramatik schildert Dieter J. ungeschönt: »Meine erneute Aufforderung, das Geld anzunehmen, wurde wieder abgelehnt. Ich wies darauf hin, dass ich einen Diebstahl beginge, wenn ich einfach so wegfahren würde, obwohl ich ja offensichtlich zahlungsbereit war, man mich aber nicht zahlen ließ. In diese Zwickmühle war ich durch die Handlungsweise von Frau M. geraten, und die unsinnige Forderung des Helmabnehmens beeinträchtigte so meine persönliche Freiheit. Ich konnte meine Fahrt nicht fortsetzen, weil man den Kaufpreis meines Tankens nicht annahm.« Aus diesem Konflikt – Freiheitsliebe zum einen, Gesetzestreue zum anderen – scheint
sich für Dieter J. kein Ausweg zu finden. Seinem Schreiben an den »Polizeiposten«
ist nicht zu entnehmen, ob er sich immer noch an der Tankstelle in M. befindet,
immer noch seinen aufgeklappten BMW- Systemhelm tragend.
Sehr wohl zu entnehmen ist dem Schriftsatz indes, dass Dieter J. kein oberflächliches, sondern ein tiefgründiges, ein philosophisches Wesen ist. »Die Kausalität des Helmabnehmens und der Annahme meines Geldes ist wohl unerklärbar.« Wie so vieles in der Welt. Das ahnt wohl auch Dieter J. und fragt trotzdem unerschrocken weiter: »Was hat mein Geld mit meinem Helm zu tun?« Seine nächste Frage streift ans Visionäre: »Vielleicht verlangt man demnächst, dass ich die Hosen runterlassen soll?«
Soll es, darf es, möchte man mit Herrn J. fragen, so weit kommen? Dieter J. zumindest kennt seine Antwort auf diese Frage. Er behält nicht nur den Helm, er behält auch die Hosen an. Deshalb bleibt ihm gar nichts anderes übrig, er sieht
sich nolens volens gezwungen, sich mit seinem Problem an die Polizei zu wenden: »Hiermit zeige ich Frau Marlies M., beschäftigt an der Kasse der Agip-Tankstelle in M., an wegen Nötigung beziehungsweise bevorstehender oder versuchter Freiheitsberaubung, gegebenenfalls Amtsanmaßung (unrechtmäßige Ausübung von Polizeigewalt) und so weiter.«
Angesichts von so viel Zivilcourage kann man nur sagen: Klapphelm ab.

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