Kleinanzeigen (Archivversion) Ungereimtes, Jg. 96, »Geheimnis Kleinanzeige«, nur an Liebhab., ca. 280 Zeilen, k. Grauimp., von Chefredakt. geprüft, FP 1500,- o. Tausch gg. wohlwoll. Leserbriefe. Chiffre 08/15

916 Biposto, 8.95, 2000 km, 24500 DM. Welche Anmut. Jugend. Unschuld. Welche Verlockung. Ein Gedicht, und es weckt tausendundeine Biker-Phantasie.Man bedenke: 30.490 Mark verlangt der deutsche Importeur, und diese hier soll nur wenig mehr als eine beinahe gewöhnliche 900er Honda kosten. Eine traumhafte Kleinanzeige, veröffentlicht in MOTORRAD 2/1996.Der Verfasser des Zweizeilers versteckt sich schüchtern hinter einer Telefonnummer. Dabei gebührte ihm höchster Ruhm: Wahre Literatur verachtet das Übermaß. Erst die Beschränkung verleiht den Gedanken Flügel und erschafft leuchtende Bilder.6000 Mark gespart, erzählen die nüchternen, vom passenden Passagier künden die kühnen und von Unfallmotorrad die abgründigen. Der Leser verharrt wonnig schaudernd im Netz seiner Phantasien, versenkt sich dann erneut lustvoll ins Studium.Hier empört ihn die Preisvorstellung (R 45, Bj. 84, 5100 Mark), dort belustigt ihn der Tanz um die goldene Schwinge (Full Dresser GL 1200 LD, Zubeh. f. üb. 10.000 DM). Dann beschäftigen die familiären Gründe, die zum Verkauf einer Kawa führen können, und immer wieder peinigt die Frage, wieso alle anderen Mopeds nach 20.000 Kilometern noch wie neu aussehen, nur das eigene nicht. Über 1100 Kleinanzeigen reihen sich in Heft 2 hintereinander. 1100 geheimnisvolle Geschichten. Die 916 Biposto - ein ewiges Mysterium? Quatsch:Anruf genügt. »Wohl 30 Leute haben sich gemeldet«, erklärt der Autor und weist weit von sich, mit der 916 etwa nicht zufrieden gewesen zu sein. Im Heidestädtchen Schneverdingen komponiert er seine Verse, und er ist alles andere als ein Gelegenheits-Poet. »Ich bin quasi Halbitaliener, von der Mentalität her. Und mit dem Import so einer Duc finanziere ich mir meinen Urlaub.«Die Kunst strebt halt doch immer wieder zum Gelde - und gehandelt wird nicht: »Für 24.500 ist sie weggegangen, nach Süddeutschland.«Wahrhaft bewegte Motorradschicksale. Doch wieviel mehr rühren die Menschen, die diese Motorräder bewegen.Eine R 90 S von 1974 verkauft da einer und verlangt 9800 Mark. Der geübte Marktbeobachter merkt auf. Einerseits: Das Ding ist mittlerweile ein Sammlerstück. Andererseits: Vor 20 Jahren war es billiger. Und dann erzählt der Verkäufer, sein Onkel habe die Gummikuh 19 Jahre gemütlich ausgeführt und daß er das Erbstück nach nur wenigen Kilometern nun veräußere, weil er sein ganz persönliches Traummotorrad gefunden habe. Eine Harley.Man stelle sich vor: das Familiensilber, eingetauscht gegen amerikanisches Schwermetall. Doch Träume variieren, und der Käufer war`s zufrieden. Er sammelt.Alle sammeln, zumindest im Geiste. Stürzen sich zweiwöchentlich auf den Kleinanzeigenteil. Viele beginnen die MOTORRAD-Lektüre sogar hier.Was vermögen Test, Sport oder Service schon, wenn echte Sensationen winken. Wenn im Rennen um den Supercoup jede Minute zählt?«Tausche Cadillac 4door gg. Vmax, Wing, Tourer, Muscle Bike.« Der Inserent, ein Religionswissenschaftler, der sich zum Händler von US-Cars hochgearbeitet hat, verbirgt hinter kargen Worten eine missionarische Botschaft. »Es geht nicht darum, dieses Auto in Geld umzuwandeln, sondern einen Bock gegen einen anderen zu tauschen. Das andere Feeling fühlen.« Ein Bekenntnis zum Tauschhandel quasi. Auge um Auge, oder so. Doch siehe, sie verstanden seine Botschaft nicht - der Schlitten ist immer noch zu haben.Die sündhaft teure G/S aus Heft 2 fand auch keinen Liebhaber. Ein Schalber-Umbau zwar, aber 18.000 Mark? »Sei`s drum«, sagt der Inserent, denn ach, zwei Seelen wohnen in seiner Brust. Für die kommende HPN-Schöpfung auf Basis der neuen GS bräuchte er zwar das Geld, aber die Alte ist ihm schon ans Herz gewachsen. »Deshalb war der Preis irgendwie auch Schmerzensgeld.« Oder Trennungslohn.Womöglich Realsatire? Denkbar ist alles, denn der Kleinanzeigenteil läßt - mal abgesehen vom Roman - keine literarische Gattung aus. Auch Märchen kommen vor: Sammlerstück, NR 750, neu, 100 Stück weltweit. So stand es gleich in mehreren MOTORRAD-Ausgaben. Wilde Vermutungen keimen. Taugt das Ovalkolben-Wunder von Honda etwa nicht? Ist die Finanzierung für den 100.000 Mark-Überflieger geplatzt?Nichts da. 300 berauschende Kilometer hat Toni Michl zurückgelegt, dann schob er die NR in sein Raritätenkabinett. Und seit er auch noch Trikes sammelt, ist es dort zu eng. Jetzt konferiert er - sozusagen aus Platzmangel - mit Verrückten aus halb Europa, und das ist ihm gerade recht: »Sie sollte schon an einen Motorrad-Narren gehen«, wünscht sich der bayrische Michl. Biete, suche, tausche. Jahrmarkt unbegrenzter Möglichkeiten. Und wie es sich gehört auf einem deutschen Markt, berechnen die Anzeigenfachleute der Motor-Presse das Angebot am laufenden Meter. Exakt 920 umfaßte ihr Fortsetzungswerk letztes Jahr. Nur Fließsatz.Gestaltete Anzeigen gehen extra: Von »Endlich erprobt. Supersound für alle neuen 4-Ventil-Boxer« bis »Metalle zum Drehen« bleibt nichts unbeworben, rankt sich gleichsam illustrierend um die Zwei-, Drei-, Vierzeiler des dichtenden Volkes. Hier eine Auspuffanlage für mehr Bums, dort eine Schöne mit herrlichen Bremsleitungen, alles garniert durch Preislisten der Grauen und Angebote von Polo, Motoport & CO. Kurzum: Immer wieder ein Anlaß, beim atemlosen Hasten von Rubrik zu Rubrik, von Aprilia bis Zubehör, innezuhalten.Echte Fans schrecken übrigens auch vor anarchischen Editionen ihrer Lieblingslektüre nicht zurück.Völlig ungeordnet erscheinen die Annoncen etwa im norddeutschen Kradblatt, das - durch Anzeigen finanziert und umsonst im Fachhandel ausliegend - mittlerweile zur beliebten Ersatzdroge zwischen den MOTORRAD-Erscheinungsterminen avancierte.«Wir wollten mal Rubriken einführen«, erzählt Herausgeber Berthold Reinken, »aber da war der Großteil der Leser strikt dagegen.« Tja, wahre Genießer eben, diese Norddeutschen, und - hart geschult an ihren Landsleuten Grass und Kempowski - auch anstrengender Lesearbeit nicht abhold.Pedantisch lesewütig bisweilen, wie die Geschichte um zwei BMW-Krümmer beweist. Da war Ronald Keller im vergangenen Sommer mit seiner R 65 bei einem Treffen aufgetaucht, und einem anderen mißfielen seine gammeligen Rohre. »Ich hab`noch zwei rumliegen, ruf mich mal an.« Dumm nur, daß Keller die Telefonnummer verlegte. Eine Kradblatt-Annonce: »An den BMW-Gespannfahrer aus Tornesch, der noch einen R45/R65 Krümmer zu verk. hat....« bescherte der Gummikuh dann doch noch neuem Glanz. Eine große Lesefamilie.Sozusagen die Übermutter in dieser Sippe spielt Bettina, Setzerin im Nebenjob. Seit sechs Jahren tippt sie die Anzeigen runter und bringt mit gebührender Strenge Ordnung in den Laden: »Fax nicht ganz lesbar«, »Wirklich prima Sonntagsschrift« oder »Wenn`s nach der Schrift geht, könntest Du Dich mal als Arzt bewerben« lauten noch die neutraleren jener Anmerkungen, die sie fein säuberlich ans Inseratende druckt. Aber wenn einer sein Moped ausschließlich in gute Hände geben möchte, setzt es auch mal Klartext: »rissige Hausfrauenhände wohl zwecklos?«Da lacht der Biker. So oder so ähnlich hätte er`s dem auch gegeben. Schon will er das Blatt für heute schließen, um den Lesespaß angemessen zu dosieren: Einige Zeilen Satire für den grauen Alltag, ein paar Verse Nockenwellenlyrik an düsteren Winterabenden.Doch da fällt sein Blick auf ein echtes Sonderangebot. Tja, fast vergessen: Das ganze Studium kann sogar lohnen. Oder ist gegen eine schmucke CB 400 F für 2500 Mark (gesehen in MOTORRAD) was einzuwenden? In einem kommerziellen Anzeigenblatt taucht eine Suzuki DR 350 auf. 5000 Kilometer, 4500 Mark, weggegangen für 4300.Auf die Frage, warum er die Enduro so günstig verkauft habe, antwortet der Inserent: »Meine Frau und ich haben mit dem Ding unseren Spaß gehabt, und die Käufer waren so sympathisch.«Wir merken: Wenn kleine Leute miteinander handeln, hat Anstand noch `ne Chance.Zu allerletzt: Im Kradblatt inseriert einer: »Verkaufe MOTORRAD-Hefte, ab 1 DM.« Weil er vieles doppelt hat, runter bis Jahrgang `65. Alles gelesen.Kleinanzeigen sowieso.

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