Kriese, Sabine: Porträt (Archivversion) Typisch Frau

Maschinenbau studieren, Fußball spielen, beim TÜV Motorräder checken. Eine typische Frauenkarriere. Deshalb ist Sabine Kriese jetzt Typprüferin.

Lauter Männer. Wohin der Blick auch schweift beim TÜV in Norderstedt. Doch halt. Stimmt ja gar nicht. Am Eingang zum Prüflabor hängt ein Plakat. Darauf räkelt sich ein blondes Pin-up-Girl, das notdürftig mit Stöckelschuhen bekleidet ist. »Nicht mein Geschmack«, sagt Sabine Kriese trocken. »Aber auch nicht meine Tür.« Die norddeutsche Gelassenheit kann sich die 36jährige Ingenieurin leisten. Schließlich war Sabine Kriese die erste Kfz-Sachverständige beim TÜV Nord, damals ein Unternehmen mit immerhin 2000 Mitarbeitern. Inzwischen ist die Hannoveranerin gar zur Fachreferentin im Bereich Typprüfung aufgestiegen. Eine steile Karriere. Als Sachverständige hat sie bei Hauptuntersuchungen im grauen Kittel Rostlauben abgeklopft, Lenkkopflager an Bikes gemustert oder die Bremsen von 28-Tonnern gecheckt. Plakette oder nicht, lautete damals die Frage. Heute schreibt sie Gutachten für Fahrzeuge, die eine Allgemeine Betriebserlaubnis erhalten. »Das ist ein ganz anderer Verantwortungsbereich.« Jeder Fehler würde sich hundertfach potenzieren. Weder Großserienhersteller noch Kraftfahrtbundesamt hätten dafür Verständnis. »Die zerreißen das in der Luft, wenn was nicht stimmt.« Bei Sabine Kriese ziemlich unwahrscheinlich. Denn sie nimmt ihren Job genau und hat Spaß dabei. Nur eins stinkt ihr manchmal: »Ich mache das nicht, um was Besonderes zu sein. Trotzdem muß ich gegen den ersten Eindruck ankämpfen.« Viele reagieren baß erstaunt, wenn sie einer 1,62 Meter kleinen Frau begegnen, die ein Diplom in Maschinenbau in der Tasche hat. Daran ist ihr Vater schuld. Hätte er Sabine Kriese kein Motorrad zum bestandenen Abitur versprochen, wäre vielleicht alles ganz anders gelaufen. »Ich habe ihn seit meinem zwölften Lebensjahr darauf festgenagelt.« Endlich, 1979, vertauschte Sabine Kriese ihr Fahrrad gegen eine Suzuki GT 250, düste mit Begeisterung um Hannoversche Ecken und erwärmte sich fürs Schrauben. »Wenn man Motorrad fährt, ist man gezwungen, sich immer mehr für Technik zu interessieren. Dadurch bin ich beim Maschinenbaustudium geblieben.« Anfangs wollte sie nämlich die Richtung wechseln und Chemieingenieurin werden. In Hannover büffelten in ihrem Semester neben 300 Männern immerhin acht wackere Frauen. Aber keine andere spezialisierte sich auf Kraftfahrzeugtechnik und Verbrennungsmotoren. »Das hat sich alles zufällig ergeben«, sagt sie zurückhaltend und setzt hinzu: »Ungewöhnlich ist es schon. Und deshalb ist’s manchmal anstrengend, wenn man nicht einfach seine Tätigkeit machen kann, sondern ständig unter zusätzlicher Beobachtung steht.«Nach dem Studium ließ sie sich beim TÜV Hamburg anderthalb Jahre lang zur Kfz-Sachverständigen ausbilden und machte dann zwei Jahre lang Hauptuntersuchungen, vor allem an Bikes. »Viele Motorradfahrer sind erst mal skeptisch und irritiert.« Manche kriegen auch furchtbare Angst um ihr liebstes Teil: »Sie wollen doch nicht mein Motorrad fahren, fragen die dann.« Aber so richtig schlechte Erfahrungen hat sie mit Kradlern nicht gemacht. »Die meisten haben gemerkt, daß ich nicht nur so daherrede, sondern urteilen kann.« Bloß ein Autofahrer ist mal richtig ausgeflippt, weil sie den runden Pepper absolut nicht auf sein Gefährt kleben wollte. »Der hat mir richtig gedroht. Da war ich sauer. Ich übe doch nur meinen Beruf aus.« Beim Thema Sicherheit versteht sie keinen Spaß. Aber mit der leidigen deutschen Spritzschutz-Vorschrift kann auch sie nichts anfangen: »Ich mußte das zwar bemängeln.« Aber allein deswegen hat sie niemandem den Stempel verweigert. »Das gehört zum Ermessensspielraum der Prüfer.« Der wird allerdings immer kleiner, weil die Vorschriften europaweit immer genauer werden. Und in diesen Vorschriften kennt sie sich aus. Wie ihre Kollegen, die sich ihr gegenüber zuerst zurückhaltend verhielten. »Aber nie feindselig. Mittlerweile haben sie gemerkt, daß ich nicht nur eingestellt wurde, weil ich eine Frau bin.« Am Anfang mußte sie es noch beweisen: Ein Motorradfahrer fuhr mit einer Honda XR 600 vor. »Die hat eine gewaltige Sitzhöhe. Ich habe förmlich gemerkt, wie alle gespannt waren.« Was macht die Kleine? »Ich habe mich neben das Motorrad gestellt, den Gang eingelegt und bin dann angefahren und aufgestiegen. Das sah nicht wie eine Kamikazetour aus«, freut sie sich. »Eher ziemlich gekonnt.«Kein Wunder, fährt Sabine Kriese doch seit 18 Jahren Motorrad. Sommers wie winters bewegte sie ihre Yamaha SR 500. Die letzten fünf Jahre düst sie auf einer knallroten Ducati 750 SS rum. Freilich nur noch, wenn es nicht aus Kannen gießt. »Mit italienischen Motorrädern habe ich schon ewig geliebäugelt. Für mich ist die 750er vom Drehmoment und Durchzug her ideal.« Neben Motorrädern mag sie Sport: Im Urlaub taucht sie schon mal auf den Malediven, und zu Hause schaut sie gern zu, wie der Hamburger SV gewinnt, nachdem sie ihre eigene Karriere als Mittelfeldspielerin in der Frauen-Landesliga aufgegeben hat. Am Wochenende strampelt sie auf dem Rennrad, und abends haut sie ihren Spielpartnern die Squashbälle um die Ohren. »Ich bin nicht unbedingt die Schnellste. Aber sehr ausdauernd.“

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