KTM auf Erfolgskurs (Archivversion)

Höchste Zeit

Sieg bei der Dakar, vier Enduro- und zwei Motocross-WM-Titel – Hochzeiten für das österreichische KTM-Werk.

Kurt Nicoll reibt sich mit dem Zeigefinger an der Schläfe und sagt: »21. April 2001. Ich wusste, dass Grant das Talent dazu hat.« Verständlich, dass der Ex-Crosser, Talent-Scout und Teamchef in Personalunion, auf dieses Datum stolz ist: In der Tat bedeutete dieser Tag für KTM einen weiteren Meilenstein in einer außergewöhnlichen Erfolgsbilanz. Denn an diesem Abend holte der erst 18-jährige Südafrikaner Grant Langston mit seinem Triumph im 125-cm3-Finale des Supercross in Dallas den allerersten Sieg für die österreichische Motorradschmiede in der weltweit beachteten amerikanischen Indoor-Serie. Ein Sieg mit Symbolcharakter. Ein Sieg, der der Welt endgültig bewies: Leute, ihr solltet uns ernst nehmen.Was die Mehrheit innerhalb der Offroad-Szene allerdings längst tat. Verschaffte der aktuelle Sieg bei der Rallye Paris-Dakar und vier von fünf Enduro-Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr den Österreichern Respekt, landeten sie in der letzten Motocross-WM-Runde den Coup de Force: zwei der drei zu vergebenden Titel gingen an KTM. Realisiert von eben jenem Grant Langston in der 125er-Klasse und dem Belgier Joel Smets in der 500er-Liga – gegen eine noch vor wenigen Jahren übermächtig erscheinende japanische Konkurrenz. Die ersten Titel waren es nicht (siehe Kasten Seite 193), aber die wertvollsten. Weil sie keine Brosamen des Erfolgs sind, in Klassen, in denen die japanischen Hersteller wenig Interesse zeigen. Weil mit ihnen nicht mehr das Image von unzuverlässigen Serien-Pendants der Werksrenner übertüncht werden musste. Und weil sie genau deshalb in ein stimmiges Gesamtkonzept passen.Ein Konzept, das nach der Firmenpleite von 1991 erst den wirtschaftlichen Erfolg der legendären LC4 ermöglichte. Mit diesem Bike setzte sich auch der von den KTM-Marketing-Strategen für die LC 4 geschaffene Begriff Hardenduro durch. Allein in Deutschland lag KTM in der Zulassungsstatistik im vergangenen Jahr mit 4500 Maschinen – Motocrosser nicht mitgerechnet – bereits vor Ducati und Triumph. Und weil Absatzrekorde sowie eine geschickte Finanzpolitik so manchen Schilling in die Kassen spülten, ließ sich auch das verwirklichen, was Kurt Nicoll »den einzigen Weg zu einem planbaren Erfolg« nennt: die komplette Trennung zwischen Rennteam und Produktion.Sämtliche Werksrenner werden seitdem in einer separaten Abteilung ausschließlich in Mattighofen vorbereitet. Kompromisse gibt’s keine. »Früher mussten wir bei der Entwicklung der Werksmaschinen auf die Zulieferer der Serienproduktion Rücksicht nehmen. Das ist vorbei. Heute wird das eingebaut, was am besten funktioniert«, erklärt Kurt Nicoll. Er spricht aus leidiger Erfahrung. In insgesamt sieben Jahren als KTM-Werkspilot schrammte der Brite dreimal knapp am WM-Titel vorbei. Stolze zwölf Millionen Mark investiert das penibel in den Hausfarben Orange/Silber durchgestylte Motocross-Team seit Nicolls Amtsantritt 1999 pro Jahr in die rasenden Stollenreiter. Gut doppelt so viel wie die meisten japanischen Hersteller. Dafür wird auch interkontinental agiert. Im Wechsel mit den Motocross-GP schaut Nicoll alle zwei Wochen bei den Auftritten der Racing-Filiale in den US-Indoor- und Freiland-Meisterschaften höchstpersönlich vorbei. So viel Engagement erwartet KTM-Vorstand Stefan Pierer, der Nicolls Konzept offensichtlich vorbehaltlos unterstützt, auch vom restlichen Personal. Im Vergleich zu den fernöstlichen Werksteams rückt der Tross aus Österreich in gut doppelter Besetzung an. 16 Mechaniker, Techniker und Ingenieure umfasst der mobile Teil der Motocross-Rennabteilung. Fahrwerksspezialisten vom längst von KTM übernommenen Federungs-Hersteller White Power nicht mit eingerechnet.Dennoch wissen alle aus der jahrzehntelangen Erfahrung einer ganzen Reihe europäischer Hersteller, dass Erfolge ohne die Basis qualitativ hochwertigen Serienmaterials vielleicht erreich-, aber beileibe nicht vermarktbar sind. Der 125er-Crosser und die viertaktende 520er gehören im weltweiten Vergleich längst zur allerersten Liga in Sachen Offroad-Technik. Und nur auf dieser Grundlage lassen sich ebenso mutige wie medienwirksame Lösungen durchsetzen. Beispielsweise bricht ausgerechnet die Maschine von Weltmeister Smets mit der jahrzehntelangen Tradition und startet – völlig unüblich, doch längst überfällig für die schlecht anspringenden Viertakter – ausschließlich per Elektrostarter.Und weil dies so ist, verzichtete KTM bislang auch auf werkseigene Einsätze in der 250er-WM. Bislang. Denn während 125er-Werksfahrer James Dobb in dieser Saison noch ungeschlagen ist und Smets sich mit Stefan Everts um die 500er-WM-Führung balgt (siehe Journal Seite xxx) , herrscht in Sachen Viertelliter-Engagement noch die Ruhe vor dem Sturm. »Wir werden erst antreten, wenn wir auch in dieser Klasse Weltmeister werden können. Und dazu braucht´s ein neues Motorrad«, erklärt Kurt Nicoll. Aber er weiß genau: Die Arbeiten an der Neuentwicklung laufen auf Hochtouren, ein 250er-Werksteam für die nächste Saison ist bereits fest eingeplant – und damit drei Motocross-WM-Titel. Wenn´s nach Kurt geht.
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KTM auf Erfolgskurs: Reportage (Archivversion) - Genadij und Co

Dakar-Siege gut, Enduro-Weltmeisterschaften schön – was im Offroad-Sport in Sachen technischer Kompetenz und Prestige wirklich zählt, ist die Motocross-WM. Kein Wunder, schließlich balgen sich auch alle japanischen Hersteller um die drei höchsten Kronen des Stollenmetiers. Um so mehr zählen die Resultate im Kampf der Giganten – zu denen KTM nicht erst seit der aktuellen Erfolgswelle gehört. Den ersten Stich landeten die Österreicher bereits 1974, als der Frontman einer ganzen Armada von russischen KTM-Vertrags-Fahrern, Genadij Moiseev, in der 250er-WM den ersten Titel für die Mannen in Mattighofen holte. 1977 und 1978 wiederholte der damalige Staatsamateur diesen Erfolg. Für gewaltiges Aufsehen sorgten die beiden nächsten Weltmeisterschaften: Heinz Kinigadners Triumphe in der 250er-WM 1984 und 1985 legten den Grundstein für eine bis heute währende Popularität des späteren Dakar-Kämpfers und heutigen KTM-Anteilseigners. Den ersten 125er-Titel für KTM holte 1989 der auch heute noch als Privatfahrer in der WM aktive, in Italien lebende Amerikaner Trampas Parker. Die Titelsammlung setzte sieben Jahre Shayne King fort, der 1996 mit der 380er-Maschine den ersten KTM-Triumph in der Halbliter-WM schaffte.

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