Kurzporträt Loris Capirossi (Archivversion) Der kleine Prinz

Er ist der umstrittenste 250er Weltmeister der letzten Jahre: Die einen unterstellen ihm Killerinstinkte, die anderen loben seinen Biß und seinen forschen Stil. MOTORRAD besuchte Loris Capirossi in Italien.

Die Gefühle sind zwiespältig. Einerseits ist da die Erinnerung an das Überholmanöver beim letzten 250er Grand Prix der Saison 1998: Loris Capirossi auf Aprilia zieht in der letzten Kurve innen an seinem Teamkollegen Harada vorbei, Harada stürzt, Capirossi wird Weltmeister und damit der Prinz des Grand Prix-Zirkus. Zufall, Absicht, kalkuliertes Risiko? Ein gewisser Beigeschmack haftet diesem Titel jedenfalls an.Andererseits ist da Loris Capirossi selbst in seinem Heimatdorf Borgo Rivola in den Apennin-Hügeln südlich von Imola, wo er sich kürzlich eine Villa aus der Zeit der Jahrhundertwende restauriert hat. Bodenständig und doch weltläufig, strahlt der 26jährige eine Sympathie aus, der man sich kaum entziehen kann.Daß er Harada absichtlich zu Fall gebracht oder dessen Sturz auch nur in Kauf genommen hätte, bestreitet Capirossi vehement: »Es war genügend Platz, und ich war schon zu 70 Prozent an ihm vorbei, als wir uns berührt haben. Ich habe mich nicht inkorrekt verhalten.« Daß der ohnehin schon verletzte Japaner stürzte, »tut mir furchtbar leid. Wir hätten später darüber reden sollen, aber es hat sich nicht ergeben«. Und so sinkt die Umgebungstemperatur, wenn sich Capirossi und Harada heute an ihrer beider Hauptwohnsitz in Monte Carlo begegnen. Nur gut, daß sie 1999 in verschiedenen Klassen starten: Capirossi in der 250er auf Honda, Harada weiterhin auf Aprilia, aber in der 500er WM. Honda war der rettende Hafen für Capirossi, nachdem Aprilia dem Weltmeister im November trotz laufenden Vertrags den Laufpaß gegeben hatte - wohl, weil sich die Firma auf Italiens Medienstar Valentino Rossi konzentrieren wollte. Honda griff sofort zu. Den Japanern, 1998 in der 250er WM peinlich abgeschlagen, schneite mit Capirossi unverhofft die Startnummer ens in die Hütte. Für den Champion bedeutete es fast eine Rückkehr nach Hause, schließlich war er von 1989 bis 1995 auf Honda gestartet und hatte zwei WM-Titel bei den 125ern geholt.Die Arbeit gestaltet sich heute allerdings ganz anders als in seiner ersten Honda-Zeit: »Damals bekam ich ein Motorrad, und das blieb bis zum Ende der Saison unverändert. Jetzt mache ich Entwicklungsarbeit.« Auf den Rat des erfahrenen Grand Prix-Piloten hin baute das japanische Werk eine komplett neue 250er. Setzte man in der letzten Saison auf einen Motor als tragendes Element, so kehrte man nun zum klassischen Konzept zurück. »Der Motor als tragendes Element ist sicher keine schlechte Idee«, meint Capirossi. »Aber es gibt auch Probleme, angefangen bei den Vibrationen.« Das Triebwerk selbst, das für Loris’ Gefühl zu wenig Power hatte, wurde komplett überarbeitet, und der Weltmeister zeigt sich zuversichtlich: »Ich freue mich auf die neue Saison. Wir sind viel starke Fahrer mit gutem Material. Es wird endlich mal wieder eine richtig spannende WM geben.«Natürlich will der ehrgeizige Capirossi seinen Titel verteidigen. Einfach, das weiß er, wird es nicht werden: »Die Aprilia sind sehr stark.« Von seinen Gegnern fürchtet er nicht den umjubelten Valentino Rossi am meisten, sondern Ralf Waldmann. »Ich schätze ihn sehr, er fährt ausgesprochen konstant, wenn er gutes Material hat, und das macht ihn gefährlich.« Nach erfolgreicher Saison winkt Capirossi bei Honda die ersehnte Rückkehr in die 500er Klasse, wo er bereits 1995 und 1996 startete, allerdings hinter seinen eigenen Erwartungen zurückblieb. Diese Scharte will er unbedingt auswetzen.Und, zwiespältige Gefühle hin oder her, seine Chance hat er verdient. Die Chance nämlich, vom umstrittenen kleinen Prinzen der 250er Klasse doch noch zum König der 500er zu werden.

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