Kurzporträt Olivier Jacque (Archivversion) Silberpfeil

Olivier Jacque stieg von einem buckligen Renault 4 CV auf eine silberne Honda um - und fuhr aus der französischen Provinz schnurstracks in die Weltelite der Grand Prix-Piloten.

Für Olivier Jacque gibt es nichts Schöneres, als an freien Tagen mit seinem buckligen Renault 4 CV über die verschwiegenen französischen Provinzsträßchen rund um seinen Heimatort Villerupt zu bummeln. Vielleicht wäre er nach erfolgreichem Abschluß der Technikerschule zu einem jener gemütlichen Zeitgenossen geworden, die mit einem Kastenwagen voller Werkzeug von Dorf zu Dorf ziehen und mittags auf einen Schluck Wein in einem der typischen Bistros Station machen.Doch Olivier Jacque bekam Krach mit seinem Schuldirektor. »Er meinte, meine Privilegien als Rennfahrer würden Unruhe in die Klasse bringen und stellte mich vor die Alternative: Schule oder Rennsport.« Ein Jahr fehlte Jacque noch zum Abschluß, trotzdem zögerte er keine Sekunde und hängte statt des Helms den Schulranzen an den Nagel. »Gasgeben gefiel mir besser als einer geregelten Arbeit nachzugehen«, entschied sich der Franzose und beschloß, zu jenem Motorradstar zu werden, den die Grande Nation nach der langen Durststrecke seit Raymond Roche und den Sarron-Brüdern so dringend herbeisehnte.Daß er das Zeug dazu hat, war schon nach den ersten Mopedrennen klar, die der Blondschopf 1990 als 16jähriger mit einer Motobecane 51 bestritt. Weil ein Schulfreund mit einem solchen Vehikel zu Wettbewerben antrat, war auch Jacque plötzlich Feuer und Flamme, das brave Moped auf 115 km/h zu frisieren und eine Verkleidung anzuschrauben.Ein Jahr später war er Vierter in der regionalen Mopedmeisterschaft des rund 200 Kilometer westlich der deutschen Grenze gelegenen Lothringen und wurde wegen seiner furchtlosen Fahrweise von einem Mitglied der französischen Motorradföderation davon überzeugt, es mit einer richtigen Honda RS 125-Rennmaschine in der französischen Meisterschaft zu versuchen. Jacque stürzte im ersten Rennen, ließ sich im zweiten aber gleich als Sieger feiern. Im südfranzösischen Albi brach er sich bei einem Trainingssturz den Fuß, türmte jedoch aus dem Spital, trampte zur Strecke zurück und gewann auch dort.Solcher Vorwärtsdrang konnte den Talentsuchern der »Equipe de France« nicht lange verborgen bleiben. Als 18jähriger erhielt Jacque seinen ersten Profivertrag für die Europameisterschaft auf einer Honda RS 250, brach in diesem Jahr aber nicht weniger als dreimal den linken Fuß und landete nur auf Platz 20. Ein Jahr später war er sattelfest genug für sieben Pole Positions und fünf Siege, wurde Vize-Europameister und war reif für die Weltmeisterschaft.Als Newcomer im von Hervé Poncharral geführten elf-Chesterfield-Team hielt er auf seinem 250er Honda-Production Racer 1995 mit frecher Selbstverständlichkeit vorn mit, fuhr zweimal auf Platz vier und brachte seinen hinterherfahrenden Teamkollegen Jean-Philippe Ruggia auf der kostbaren Werksmaschine mehrfach an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Auch der zweite schnelle GP-Neuling Jürgen Fuchs hatte als WM-Elfter knapp das Nachsehen und mußte Jacque auf Gesamtrang zehn den »Rookie of the Year«-Titel überlassen.Denn Jacque fährt mit jenem phänomenalen Naturtalent, wie man es im derzeitigen Fahrerfeld nur noch von Max Biaggi kennt. Zum Werksfahrer befördert, erbeutete er bei den ersten drei Rennen 1996 zweimal Rang vier und lag als Vierter in der Tabelle sogar vor Ralf Waldmann.Als nächsten Coup hat der Franzose den ersten GP-Podestplatz im Visier. »Normalerweise trinke ich nur an Silvester ein Schlückchen Champagner«, strahlt Jacque. »Doch wenn mir das gelingt, mache ich eine Ausnahme...“

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