Kurzportrait Simon Crafar (Archivversion)

Countryboy

Der neue 500er Grand Prix-Star fällt auf im Zirkus der Eitelkeiten. Simon Crafar ist zurückhaltend, immer freundlich und lebt in Andorra.

»Genieß es noch mal in der ersten Reihe«, stichelte Kawasaki-Teamchef Harald Eckl grinsend seinen Top-Fahrer Simon Crafar in der Srtartaufstellung zum 1997er Superbike-WM-Finale im indonesischen Sentul, »damit ist es erstmal vorbei.«Crafar fiel fast das Visier aus dem Helm: »In dem Moment hätte ich Harald am liebsten den Schädel abgerissen. Aber schon in der Warm up-Runde mußte ich heftig grinsen.« Außerdem war der Superbike-WM-Fünfte von 1997 nun vor seinem 500er Grand Prix-Abenteuer im Red Bull-Yamaha-Team bestens motiviert. Und die Antwort auf Eckls Fluch kam schon bald. Nach einer halben Saison, beim GP in Assen Ende Juni, stand Simon Crafar auf Startplatz zwei, und eine Woche später in Donington Park platzte der Knoten endgültig. Der 29jährige Neuseeländer düste von der Pole Position zu einem nie gefährdeten Sieg.Nicht nur, weil er nach 22 Honda-Siegen endlich wieder Yamaha zum Gipfel geführt hat, gilt Crafar seitdem in der GP-Szene als außergewöhnliche Figur. Mehr als bemerkenswert ist der scheinbare Widerspruch zwischen seinem eher kämpferischen Fahrstil und seiner leisen, zurückhaltenden Art neben der Piste. »Das Entscheidende für mich ist, daß sich jetzt, nach dem ich mit dem GP-Sieg natürlich etwas mehr im Rampenlicht stehe, nicht allzu viel ändert«, gibt sich der Gentleman-Rider bescheiden. »Ich werde nicht rumrennen und allen erzählen: ‘Hey, ich bin der Superstar.«Auch deshalb hat der gelernte Motorradmechaniker sein Europa-Domizil nicht in Monaco aufgeschlagen, sondern im weitaus weniger mondänen, in Sachen Steuerrecht aber genauso paradiesischen Andorra. »Hier oben ist es viel ruhiger, und die hügelige Landschaft ist wunderbar, ein bißchen wie zu Hause in Neuseeland. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und brauche eher Ruhe und viel Platz als Trubel um mich herum«, genießt er die Abgeschiedenheit. »Nach Neuseeland komme ich derzeit nur zu Besuch. Die meiste Zeit des ozeanischen Sommers verbringe ich in Surfers Paradise in Australien. Aber mein Hauptwohnsitz ist Andorra.«Wo er allerdings nicht seinem liebsten Hobby frönen kann: Die Powerboot-Jagden mit Michael Doohan vor der australischen Goldküste sind Legende im Fahrerlager. Und am Gashebel der zwei V8-Motoren verliert Crafar sofort wieder seine freundliche Zurückhaltung. »Im letzten Sommer sind Mick und ich mit den Booten uns immer wieder gegenseitig über die Heckwelle gesprungen«, erhebt der großgewachsene Crafar erstmals seine Stimme, »die Boote flogen schier endlos und schienen überhaupt nicht mehr aufs Wasser zurückzuwollen.«Ansonsten aber steht Simon Crafar mit beiden Beinen auf dem Boden des richtigen Lebens. »Der wichtigste Mann zu Beginn meiner Karriere war mein Vater«, erinnert sich der Countryboy, »als er kapiert hatte, daß ich unbedingt Motorradrennen fahren wollte, unterstützte er mich nach Kräften. Er ist als Hufschmied kein reicher Mann, aber meine ersten Bikes waren alle von ihm fianziert.« Später trieb Crafar vor allem seine ehrgeizige Risikobereitschaft weiter, im Zweifel den unsicheren Aufstieg dem lukrativen Angebot auf bisheriger Stufe vorzuziehen. »Auf diese Weise ging ich 1992 ohne Sicherheit nach England, anstatt für Yamaha Malaysia meinen dortigen Superbike-Titel zu verteidigen. 1993 wollte mich Honda UK in der britischen Meisterschaft halten. Ich zog es vor, für Raymond Roche eine Ducati in der WM zu fahren. Raymond hat das alles privat finanziert, und irgendwann ging das Geld aus. So fuhr ich auch für Harris in der 500er WM und nach Kocinskis Rausschmiß die 250er Suzuki.«Nach vier weiteren Jahren auf Rumi-Honda und Kawasaki in der Superbike-WM bestens etabliert, folgte 1998 ein weiterer Schritt. »Ich verdiene jetzt weniger als bei Kawasaki«, stellt Crafar klar, »aber wenn die Leistung stimmt, sollte sich das bald ändern.« Und das Crafar’sche Risikoinvestment wäre erneut aufgegangen.
Anzeige

Simon Crafar (Archivversion)

29 Jahre, verheiratet mit Kerstin; Hobbys: Powerboote, Radfahren, Fitneß-Training, Enduro fahrenAutogrammadresse: c/o Red Bull-Yamaha, A-5330 Fuschl am See1979 - 1984 Moto Cross1985 erstes Straßenrennen1987 Neuseeländischer Meister 250 cm³-Serie auf Yamaha1989 Neuseeländischer Superbike-Meister und WM-46. auf Yamaha1990 Neuseeländischer Superbike-Meister und WM-39. auf Yamaha1991 Malaysischer Superbike-Meister und WM-60. auf Yamaha1992 Vierter der britischen Superbike-Meisterschaft und WM-39. auf Honda1993 26. der 500 cm³-WM auf Harris-Yamaha, 21. der Superbike-WM auf Ducati, 21. der 250 cm³-WM auf Suzuki1994 Fünfter der Superbike-WM auf Honda1995 Sechster der Superbike-WM auf Honda1996 Siebter der Superbike-WM auf Kawasaki1997 Fünfter der Superbike-WM auf Kawasaki1998 500 cm³-WM auf Red Bull-Yamaha, Sieger GP in Donington Park, derzeit Gesamt-Fünfter.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote