Kurzportrait (Archivversion) Schwarzwaldmädel

Sie hat Charme, eine Vorliebe für deutsche Rennfahrer und Käsekuchen. Und tritt für das Schwarzwälder United Grey-Team in der 125er DM an: Tomoko Igata aus Japan.

Da liegt nun dieses Häuflein Elend im United Grey-Teambus und zieht sich die Wolldecke über die Nase: eine Erkältung ausgerechnet bei der Präsentation ihres neuen Teams, das sich im März in Lörrach bei einer großen Veranstaltung der presse und den Fans vorstellte. Der Trubel um Tomoko Igata ist beachtlich: Tausende neugierige deutsche Langnasen, die die zierliche Frau anschauen, als käme sie nicht aus Japan, sondern direkt vom Mars. »Tomoko, drink this«, hält ihr eine besonders großgewachsene Langnase namens Mario ein Glas mit Aspirin hin. »Entweder es geht dir bald besser, oder du liegst richtig flach«, kommentiert Mario Rubatto, technischer Leiter des 125er UG-Teams, für das Tomoko dieses Jahr in der DM fahren wird. Hopp oder top. Paßt irgendwie zur Lebenseinstellung von Tomoko Igata.Während ihre ehemaligen Schulkameradinnen 1986, im Alter von 21 Jahren, fast alle längst ans Heiraten dachten, pfiff Tomoko darauf und fuhr lieber ihr erstes Motorradrennen. Ihre ältere Schwester Mari, damals selber 125er Pilotin, hatte Tomoko mit dem Rennvirus infiziert. Mit Mut und akribischer Arbeit fuhr sich die 1,60 Meter kleine, 48 Kilogramm leichte Tomoko durch die Männerwelt der prügelharten japanischen 125er Meisterschaft. Sie lernte schnell und erzielte 1991 mit dem sechsten Platz in der berühmt-berüchtigten All Japanese Championship ihr bestes Ergebnis.1994 gelang ihr der internationale Durchbruch: Als erste japanische Frau fuhr sie für das F.C.C.-Team die komplette 125er WM. Doch nach dem Ausstieg des japanischen Kupplungsherstellers drohte ihr zum Ende der vergangenen Saison das vorläufige Aus. Gerade zu einem Zeitpunkt, als alles prima lief: Beim tschechischen Grand Prix erkämpfte Tomoko einen vielbeachteten siebten Platz. Was auch Mario Rubatto aufgefallen sein muß. »Im Dezember 1995 schickte mir Mario ein Fax nach Japan. Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, für das UG-Team auf einer Honda in der 125er DM zu fahren«, erinnert sich Tomoko. Klar hatte sie Lust. »Ich weiß nicht, welches Niveau die DM hat«, sagt sie, »aber ich freue mich auf die Rennen.« Und den direkten Vergleich mit ihren beiden Geschlechtsgenossinnen Katja Poensgen und Katja Gassmann, von denen sie bislang lediglich in Fachzeitschriften gelesen hat.Zu den DM-Top-Favoritinnen zählt sie trotzdem nicht, »denn ich werde voraussichtlich nur bei vier DM-Läufen antreten«, sagt sie. Das Hauptaugenmerk des UG-Teams liegt auf dem 125er WM-Einsatz ihres Teamkollegen Tomomi Manako.Zeit für ausgiebige Ausflüge durch den Schwarzwald wird ihr trotzdem nicht bleiben. Während der rennfreien Wochen wird Tomoko zwischen Deutschland und Japan pendeln. Nicht aus Heimweh, sondern des Jobs wegen: Tomoko arbeitet als Motorrad-Fahrlehrerin im Betrieb ihrer Schwester Mari. »Ich mag Deutschland«, betont sie. Wobei sich die Vorliebe nicht nur auf die hiesige Küche beschränkt. Neben Käsekuchen steht Tomoko auf die Herren der Schöpfung - solange sie Motorradrennen fahren. Ralf Waldmann, Jürgen Fuchs und Dirk Raudies zählt sie auf. »Deutsche Männer sind so freundlich«, begründet Tomoko. Doch leider in festen Händen - zumindest, was ihre persönliche Favoriten betrifft.Kann sich die Japanerin auch ein Engagement in einer anderen Rennklasse vorstellen? Tomoko schüttelt energisch den Kopf, lacht und deutet mit den Fingern: One-Two-Five. »Die 125er beherrsche ich gut, das ist meine Klasse. Alle anderen Maschinen sind zu schwer für mich.« Ans Aufhören denkt sie noch lange nicht. Vielleicht schafft es Mario-San, wie sie Herrn Rubatto spitzbübisch zu nennen pflegt, ja doch noch irgendwie, das zusätzliche Budget von zirka 100000 Mark loszueisen. Damit es mehr als vier DM-Einsätze werden.

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