Länderinfos: Bolivien Bolivien – Wie in einer anderen Zeit

Wer durch Bolivien reist, bekommt manchmal den Eindruck, er befinde sich nicht nur in einem fremden Land, sondern auch in einer anderen Zeit. In Potosí, der einst reichsten Stadt der Welt, arbeiten die Menschen in den Silberminen teilweise heute noch wie zur Zeit der frühen Industrialisierung. Die Minenarbeiter malochen sich mit einfachsten Hilfsmitteln durch die harten Gesteinsschichten, immer auf der Suche nach dem großen Glück, einer Silber-Ader, die sie zu reichen Männern machen würde. Den Mund voll Koka-Blätter, die Hunger und Schmerzen vertreiben sollen, ausgerüstet mit Hammer und einem langen Eisendorn, schlagen die Männer Löcher ins Gestein, in die das Dynamit – übrigens genau wie die Koka-Blätter auf dem Markt frei verkäuflich – gesteckt wird, und sprengen sich ein Stück weiter im Silberberg nach vorn. Oder genauer: nach unten. Die Stollen reichen zig Meter tief, unerträgliche Temperaturen und Staub nehmen die Minenarbeiter in Kauf, um ein paar Mark zu verdienen.

Die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Männer liegt bei etwa 40 Jahren, das ist vergleichbar mit der Lebenserwartung der Menschen im europäischen Mittelalter. Auch sonst erinnert in Bolivien vieles an vergangene Jahrhunderte: Auf dem Land und selbst in vielen Teilen der Städte ist der Begriff Kanalisation ein Fremdwort. Dementsprechend hat die Bevölkerung häufig mit hygienebedingten Erkrankungen zu kämpfen. Cholera, Typhus und unterschiedliche Magen- und Darmkrankheiten tragen nicht zuletzt auch zu der Säuglings- und Kindersterblichkeit bei, die in Bolivien rund zehn Mal höher ist als in Deutschland.

Abenteuer pur
Reisen in die Dritte Welt werden oft automatisch zu Abenteuerreisen, da eine lückenlose Versorgung nicht immer garantiert ist. Eine Motorradreise nach Bolivien ist auf jeden Fall ein Abenteuer, denn der Fahrer muss nicht nur auf die wenigen Tankmöglichkeiten achten, sondern auch auf die waghalsigen Busfahrer, die mit ihren Gefährten gnadenlos im Express-Tempo die Passstraßen hinauf und hinunter jagen – meist besteht der Straßenbelag lediglich aus Schotter. Viele Gebiete besitzen überhaupt kein Straßennetz, zum Beispiel die größte Salzwüste der Welt, Salar de Uyuni, im Süden des Landes. Hier kämpfen sich Jeeps und Lastwagen auf in Landkarten nicht eingezeichneten Pisten durch das karge Hochland – die Rallye Paris-Dakar lässt grüßen. In Dörfern auf über 4000 Metern Höhe bieten kleine Privatpensionen eine Unterkunft. Eine Alternative für Abenteurer, bei der ihnen höchstens freilaufende Lamas Gesellschaft leisten, ist die Übernachtung im Freien. Die sollte allerdings gut überlegt sein, denn nachts fällt die Temperatur auf dem Altiplano, dem bolivianischen Hochland, schnell auf Minus 15 Grad.

Wem das zu kalt ist, dem stehen noch zwei Drittel des Landes offen: Der Großteil des Landes gehört zum bolivianischen Tiefland, das sich aus dem tropischen Amazonas-Gebiet, der Buschsteppe Gran Chaco und dem Sumpfgebiet Pantanal an der Grenze zu Brasilien und Paraguay zusammensetzt. Im Tiefland kommt der kleine Tierfreund voll auf seine Kosten: Krokodile, Flussdelphine, Anacondas, Affen, bunte Papageien und andere exotische Kreaturen sind in freier Wildbahn zu beobachten. Allerdings auch unzählige Moskitos, die dem Reisenden das Leben schwer machen. In der Regenzeit (November bis März) ist dieses Gebiet mit einem Landfahrzeug kaum befahrbar.

Kultur pur
In den Städten ein anderes Bild: La Paz, die Stadt des Friedens, ist die höchst gelegene Hauptstadt der Welt und auf einer Höhe von 3600 Metern fast frei von lästigen Moskitos. Mit knapp über einer Millionen Einwohnern ist die Kapitale noch recht überschaubar. Kinos, Restaurants und bunte Märkte mit Handarbeiten der indianischen Bevölkerung sorgen für Abwechslung in der ansonsten recht ruhigen Stadt.

Von La Paz aus lassen sich Bergtouren zu den schneebedeckten Andengipfeln mit einer Höhe von über 6000 Metern vergleichsweise einfach und preisgünstig realisieren – vorausgesetzt, die Höhe macht einem nicht zu schaffen. Auch nicht weit entfernt von La Paz: der Lago Titicaca, der größte See Lateinamerikas, und Tiwanaku, die wichtigste präkolumbianische Kulturstätte in Bolivien. Am Titicaca-See mit seinem überwiegend trockenen Klima bieten sich dem Reisenden im kleinen Städtchen Copacabana einige touristische Möglichkeiten, wie zum Beispiel eine Bootsfahrt auf die Isla del Sol, eine Inka-Kultstätte. Die Sonneninsel mit ihren historischen Terrassen aus der Zeit der Inkas ist für grandiose Sonnenuntergänge mit einem imposanten Andenpanorama bekannt.

Bolivien: Land abseits von Pauschaltourismus
Trotz der offensichtlichen Armut sind die Bolivianer den Touristen aus den reichen Industrieländern sehr wohl gesonnen. Kriminalität gegenüber Reisenden ist – anders als in vielen anderen südamerikanischen Staaten – eher untypisch. Die größten Gefahren für den Reisenden lauern in dem oft unhygienisch zubereiteten Essen und auf den Straßen im Hochland. Auf den unbefestigten Pisten am Rande von mehreren hundert Metern tiefen Schluchten kommen täglich viele Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben. Hier mit einem eigenen Fahrzeug zu reisen, erfordert einen gewissen Mut – Alternativrouten gibt es selten. Eine oftmals unberührte Natur in Bolivien entschädigt aber für das Wagnis.

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