Langbahn-WM Finale Herxheim (Archivversion)

Pneu à Pneu

Eigentlich mag Gerd Riss die schnelle Sandbahn in Herxheim nicht. Doch beim Weltfinale fuhr er sich Lauf für Lauf an die Weltmeisterkrone heran.

Hoffentlich behält er die Nerven«, raunte ein älterer Herr, als der Favorit zu seinem ersten Vorlauf in das Sandbahn-Oval im südpfälzischen Herxheimer hineinrollte. Diesmal mußte es für den 31jährigen Allgäuer Gerd Riss, der für den MSC Herxheim startet, einfach klappen mit dem Titel beim letzten Langbahn-Weltfinale, das an einem Tag entschieden wird (siehe auch Kasten Seite ???). 1991 war schon einmal alles nach Plan gelaufen, da hatte Riss den Langbahn-Weltmeistertitel in die Pfalz geholt. Doch dann folgten Pleiten, Pech und Pannen. Vor dem Finale 1996 schien der Lokalmatador sich auch nicht recht wohl zu fühlen in der ihm zugedachten Rolle. »König von Herxheim« hatten seine Fans ihn gar getauft, obwohl er sich mit der superschnellen Sandbahn bislang nie so recht hatte anfreunden können. »Wenn die WM in Dingolfing wäre oder in Vilshofen, das wär’ mit lieber. Eine 1000-Meter-Bahn, immer Vollgas, einfach zu fahren, die fahrerischen Qualitäten sind kaum gefordert«, charakterisierte er die Herxheimer Strecke vor dem Finalwochenende. Und schließlich lauerten da auch noch starke Konkurrenten. Der britische Weltmeister des Jahres 1995, Kelvin Tatum, beispielsweise erkor Herxheim gar zu seiner Lieblingsstrecke. Simon Wigg, Engländer mit niederländischer Lizenz, hatte bereits beim diesjährigen Himmelfahrtsrennen mit 135,44 Stundenkilometern einen neuen Bahnrekord in Herxheim markiert und war sich gar sicher, daß er eine bessere Linie auf der Bahn finden könnte, als alle anderen Fahrer.Konnte er nicht. Erstens war Wigg durch ein gebrochenes Schlüsselbein und daraus resultierenden drei Wochen Trainingsrückstand gehandikapt, und zweitens ließ Gerd Riss schon im ersten Vorlauf keinen Zweifel daran, daß nur er des WM-Titels würdig sei. Mit einem souveränen Start-Ziel-Sieg beeindruckte er das Publikum und seine Konkurrenten. Auf für einen weiteren Titelaspiranten lief’s gut. Der vierfache Langbahnweltmeister Karl Maier bereute seinen Rücktritt vom Rücktritt nicht – vorerst jedenfalls. Er startete mit einem zweiten Platz aus seinem ersten Vorlauf und mußte nur den überraschend starken Bernd Diener aus Gengenbach ziehen lassen. Doch schon in nächsten Lauf wendete sich das Blatt. Maier fiel nach dem Start zurück und erwischte das, was jeder Langbahnartist fürchtet: »einen brutalen Strahl«, vulgo die Sandfontäne des Vordermanns, was ihm die Sicht raubte. Aus der Traum vom fünften Titel. Maier bangte jetzt gar um die Teilnahme am Endlauf der besten Sechs, genau wie das andere deutsche Bahnsportdenkmal, Egon Müller. Herxheim sei für ihn »definitiv das letzte Mal«, hatte der 47jährige Publikumsliebling vor den Rennen erklärt. Ob er dieses Thema auch schon mal mit seinen zahlreich angereisten Fans diskutiert hat? Bestens lief es dagegen bei Gerd Riss. In beeindruckender Manier gewann er seine drei Vorläufe plus ein Halbfinale und führte vor dem Finale die Tabelle mit makellosen 20 Punkten an. Sein schärfster Konkurrent, Kelvin Tatum, hielt mit zwei Laufsiegen zuerst dagegen, blieb aber dann nach Zündungsproblemen in seinem dritten Lauf ohne Punkte. Es kam, was kaum jemand unter den 20000 Fans zu wagen gehofft hatte: ein Finallauf mit vier deutschen Startern. Neben Riss und Maier, der den Endlauf gerade noch als sechster Starter geschafft hatte, standen auch Bernd Diener (19 Punkte) und Robert Barth (16 Punkte) am Startband. Würde Riss plötzlich doch Nerven zeigen oder sein von Tuner Anton Nischler vorbereiteter GM-Motor schlappmachen? Nichts dergleichen. Was folgte, war ein weiterer Blitzstart von Riss; Kollege Diener folgte mit respektvollem Abstand, und Barth macht mit Platz vier im Endlauf und Rang drei im Schlußklassement das Happy End komplett: ein rein deutsches Siegertreppchen. Während sich die drei von den Fans frenetisch feiern ließen, sinnierte ein zerknirschter Karl Maier über seine rennsportliche Zukunft: »Schlimmer kommt’s nimmer«, kommentierte er den für ihn enttäuschenden sechsten Endrang. Aber vom erneuten Rücktritt mag er trotzdem nicht laut reden. »Kein Kommentar, da schlafe ich erstmal eine Nacht drüber.« Den Erfolg von Gerd Riss erkannte Maier – fair wie er nun mal ist - neidlos an. »Vielleicht geht die Ära Maier/Müller jetzt wirklich zu Ende«, meinte er, während sein alter Weggefährte Egon eiligst seinen Renntransporter startklar machte. »Egon, komm’ bitte wieder«, gab ihm ein trauriger Fan mit auf den Heimweg. Er wird’s gehört haben, der Egon.
Anzeige

Neues Reglement (Archivversion) - Ausgewogen

Nach genau 25 Jahren fand in Herxheim das letzte Finale statt, bei dem der Weltmeister an nur einem Tag und ausschließlich auf einer Sandbahn ermittelt wurde. Ab 1997 wird der Weltmeister in einer Rennserie namens Lang- und Grasbahntrophy gekürt. In vier Qualifikations- und zwei Semifinalläufen werden dann die 18 Teilnehmer für eine abschließende Serie von fünf Rennen ermittelt. Dadurch soll eine sportlich gerechtere Form des Titelkampfes gewährleistet werden, bei dem nicht nur die Form und das Glück eines Tages entscheidet.

Ergebnisse (Archivversion)

1. Gerd Riss, D, Nischler-GM, 25 Punkte, 2. Bernd Diener, D, Lausch-Jawa, 24 Punkte, 3. Robert Barth, D, Nischler-GM, 18, 4. Marcel Gerhard, CH, Godden, 17, 5. Kelvin Tatum, GB, Zierk-Jawa, 16, 6. Karl Maier, D; Zierk-Jawa, 11, 7. Simon Wigg, NL, Zierk-Jawa, 11, 8. Steve Schofield, GB, OL-GM, 8, 9. Jason Crump, AUS, Lausch-Jawa, 8, 10. Shane Parker, AUS, Waleck-Jawa 7...13. Egon Müller, D; Zierk-Jawa

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote