Langstrecken-WM (Archivversion) Provence-Theater

Letzter WM-Lauf, zum letzten Mal Bol d´Or in Le Castellet. Passend dazu inszenierten die Akteure eine dramatische Vorstellung. Und das Publikum inszenierte traditionell sich selbst.

In der Langstrecken-Weltmeisterschaft gibt es junge, aufstrebende Provinzbühnen wie Oschersleben. Und es gibt die etablierten Theater. Wie Paul Ricard. Bol d´Or in Le Castellet: Das ist der der Saison-Höhepunkt. Und der Abschluss. Große Oper. Der Vorhang hebt sich zum letzten Mal. Weil der fünfte Lauf die letzte Aufführung der Endurance-WM ist. In Paul Ricard sowieso. Denn dort wird in Zukunft Formel-1-Dirigent Bernie Eccelstone den Taktstock schwingen (siehe Parc fermé). Und wie es sich gehört, treiben sich Darsteller und Publikum noch einmal zur Höchstform an. Jubeln V2, V4 und Reihenvierer um die Wette, singen Arien der Entzückung – und das Auditorium (rund 100 000 Besucher) tut bei sommerlichen Temperaturen mit. Hält die 24 Stunden durch, während so manche Diva vor lauter Hingabe heiser wird. Oder ganz verstummt.Anders als bei den Singspielen gefährden plötzlich auftretende Schwächeanfälle die Vorstellung jedoch nicht. Weil jeder Lauf seine spezielle Dramaturgie hat und das Publikum sich in Anbetracht der Länge der Aufführung ohnehin ein leichter konsumierbares, aber promille- und spaßhaltiges Rahmenprogramm bastelt.Das beginnt traditionell schon weit vor der eigentlichen Ouvertüre. Während nämlich die Teams noch fieberhaft daran arbeiten, Fahrzeuge und Fahrer auf den großen Auftritt einzustimmen, mutiert die Anfahrt zu den Pforten der Langstrecken-Glückseligkeit zum kollektiven Zweirad-Massenrausch. Da wird eine unschuldige französische Streckenanfahrt zur strohballenbewehrten Bühne für Nachwuchs-»Rennöre« und die achtspurige Eingangspforte zum Wallhalla mit wagnerschen Ausmaßen. Große Dinge stehen an, letzte Dinge – in sportlicher Hinsicht wie auch in materieller. Denn anstatt sich vornehm zurückzuhalten wird geklotzt.Während jedoch die Materialschlacht bei den Protagonisten eher im Dunkeln der Motorinnereien blüht und sich nach außen einzig in der illustren Versammlung von Werksteams dokumentiert, wird auf den Rängen offensichtlich aus dem Vollen geschöpft. Egal ob unermesslicher Biervorrat, entsprechende Bol d´Or-Garderobe oder Hardware in Form von hinzurichtenden Hinterreifen – man ist eingerichtet auf eine Vorführung, deren Längen die versammelte Langstrecken-Fangemeinde zur ausschließlichen und exzessiven Beschäftigung mit sich selbst nutzt.Zur finalen Extase kommt es vor dem eigentlichen Ende dann doch nur in Einzelfällen, weil die Bol d´Or-Kulturschaffenden von jeher das interaktive Element der Veranstaltung pflegen. Samstag, 15 Uhr: Sobald sich der Vorhang hebt, sind alle auf ihren Plätzen, um der Darbietung einen würdigen Rahmen zu geben. Und sehen die sieben Werksteams mit der Kawasaki Nummer 10 (Trainingsbestzeit mit 1,57,6 Minuten und damit inoffizieller Rundenrekord, gefahren von Steve Plater) an der Spitze aufbrechen zu einem Kampf, der in der Folge dem Spannungsbogen des Wallkürenritts nicht nachstehen sollte, weil die Rollen der tragischen Helden in keinem Programmheft festgelegt sind.Durchlebt werden sie gerade deshalb weit intensiver. Zum Beispiel vom MOTORRAD ACTION TEAM. Der neue deutsche 600er-Supersport-Meister und MOTORRAD-Mitarbeiter Markus Barth stellt die Suzuki GSX-R mit der Startnummer 69 auf Platz acht direkt hinter die Werksteams, um dann nach viereinhalb Stunden mit Lagerschaden endgültig hinter den Kulissen zu verschwinden. Ein Schicksal, das die Werks-Honda mit der Startnummer 111 nach über acht Stunden Führung teilt. Öllache, Sturz, Folgeschaden – der Weg ist frei für die bislang zweitplatzierten Laveielle, Rymer und d´Orgeix auf Suzuki GSX-R 750.Zu dieser Zeit, als die Anstrengungen auf der Bühne am größten sind und die wackeren Statisten hinter den Kulissen beinahe vom Schlaf übermannt werden, wendet sich das geneigte Publikum dem Foyer zu, um profaneren Genüssen zu frönen. Sehen und gesehen werden ist das Motto, Kirmes trifft Karneval, Völlerei auf Vollrausch. Mal in der dumpfen Manier deutscher Schützenfeste, aber auch kreativ, originell, mit Eingebung und Hingabe. Da läuft ein Mercedes-V8 in einem selbst gebauten Fahrobjekt unter kundiger Pilotenhand zur Höchstform auf, da scheinen Kostüme direkt aus der Requisite der Wiener Staatsoper zu stammen, während der Besitzer eines Uralt-Vierzylinders aus Japan nur noch Aufmerksamkeit erhascht, indem er sein Vehikel per Feuertod auf dem Altar der öffentlichen Aufmerksamkeit opfert. Die bunte Vielfalt des Bol d´Or.Und doch auch die große Einheit. Zum letzten Akt sind alle wieder da. Die Ränge gefüllt, huldigt die Masse den Leistungen der Akteure, werden die Weltmeister gekürt. Die heißen Rymer und d´Orgeix auf der Werks-Suzuki und sind auch Sieger dieses Bol d´Or. Und dann fällt der Vorhang in Le Castellet, stürmt das Publikum die Bühne. Zum letzten Mal in diesem Theater.

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