Leitplanken (Archivversion)

Flanken-Schutz

Leitplanken werden für Motorradfahrer oft zur tödlichen Falle. Neue Systeme sollen Abhilfe schaffen.

Thomas Pflugfelder fühlt sich auf manchen Strecken mit seiner Enduro nicht mehr so wohl wie früher. Seit dem Tag im Juli, an dem er Zeuge eines schweren Motorradunfalls auf einer Landstraße in der Nähe von Stuttgart wurde, ist er nachdenklich geworden. »So entspannt wie vorher kann ich nicht mehr fahren«, sagt der 37-jährige Familienvater.Was war passiert? In einer Linkskurve verliert ein 38-jähriger Motorradfahrer die Kontrolle über seine Maschine. Er berührt ein Auto, stürzt, rutscht von der Straße und prallt gegen einen Leitplankenpfosten. »Ein Bein war unterhalb vom Knie weg, das andere war total abgewinkelt«, erinnert sich Thomas Pflugfelder. »Im Krankenhaus ist der Mann gestorben.«Um die schrecklichen Erlebnisse wenigstens irgendwie verarbeiten zu können, fasst Pflugfelder den Entschluss, verschiedene Ministerien und Landtagsfraktionen in Baden-Württemberg anzuschreiben. »Ich wollte auf die Gefahren hinweisen und forderte, Straßen vor allem im Kurvenbereich für Zweiradfahrer zu sichern. Doch mit der Resonanz bin ich unzufrieden.« So antwortete ihm etwa Jürgen Walter, Landtagsabgeordneter der Grünen: »Die Verletzungen sind so vielfältig und jede hat wieder andere Ursachen. Es wird nicht möglich sein, unser ausgedehntes Straßennetz mit allen denkbaren Maßnahmen nachzurüsten.« Und weiter: »Ich sehe leider in diesem Fall keine Möglichkeit, die von Ihnen geforderten Maßnahmen anzuregen, da die zuständigen Behörden eine völlig andere Meinung vertreten.«Dass Leitplanken für Motorradfahrer eine Gefahr bedeuten, ist allerdings seit langem bekannt. »Wir haben schon 1982 darauf hingewiesen, dass Zweiradfahrer bei einem Anprall gegen die form- und materialaggressiven Pfosten von Schutzplanken einem hohen Risiko schwerster und oftmals tödlicher Verletzungen ausgesetzt sind«, stellt Elmar Forke, Leiter der Forschungsabteilung beim Institut für Zweiradsicherheit (IFZ) in Essen, fest. 60,9 Prozent der Motorradfahrer werden demnach schwer verletzt oder getötet, wenn sie von Straßen abkommen, die mit Schutzplanken ausgestattet sind. Fehlen die Leitschienen, beträgt der Anteil lediglich 37,4 Prozent.In der Folgezeit wurde deshalb vor allem versucht, die gefährlichen Leitplankenpfosten zu entschärfen. (siehe Kasten). Doch die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) testet mittlerweile auch Systeme, die ein Durchrutschen gestürzter Motorradfahrer unter der Leitplanke und einen Anprall gegen die Pfosten mit einem Unterfahrschutz verhindern sollen. »Im Moment wird eine neue Richtlinie für passive Schutzeinrichtungen erarbeitet«, erklärt Uwe Ellmers vom Referat Straßenausstattung bei der BASt. »Sie soll die seit 1989 geltende ablösen und EU-Normen von 1998 berücksichtigen.«Vor dem Hintergrund der Arbeit an der neuen Richtlinie lässt die BASt von der Dekra Crashtests durchführen, um festzustellen, was beim Anprall eines Motorrades samt Dummy an unterschiedliche Schutzsysteme genau passiert. »Ziel ist es, gängige Bauteile zu einem neuen, besseren System zusammenzufügen«, so Ellmers. Es sei das erste Mal, dass in Deutschland der Motorradanprall an Schutzplanken simuliert werde. Die Ergebnisse der Tests fließen in die neue Richtlinie ein.Zwar ist noch nichts spruchreif, doch haben rührige Straßenbauverwaltungen bereits erste Pilotprojekte initiiert. So testet das Hessische Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen seit vergangenem August auf der Landstraße 3024 im Taunus ein Schutzplankensystem der Firma Volkmann & Rossbach in Montabaur, das im Rahmen der Crashversuche von der Dekra erprobt wurde. Anstatt des oberen Holms verfügt es über ein Kastenprofil ohne scharfe Kanten. Zudem deckt ein elastisch montierter Unterfahrschutz die Pfosten ab und verhindert, dass gestürzte Motorradfahrer unter der Leitplanke hindurchrutschen. Ist die Zwischenbilanz auf der beliebten Motorradstrecke nach einem Jahr positiv, sollen weitere Strecken mit dem neuen Leitplankensystem ausgestattet werden.Erste Ergebnisse vermeldet dagegen bereits das Rheinische Straßenbauamt Euskirchen. Hier experimentieren die Ingenieure mit einem System, bei dem der Unterfahrschutz den Spalt zwischen oberem Holm und Boden komplett abdeckt. Insgesamt 20 Kurven wurden so gesichert. »Und wir können bereits einen Erfolg vermelden«, berichtet Helmut Nikolaus, Leiter des Straßenbauamts und selbst Motorradfahrer. »Nach einem Unfall im Juli auf der B 258 haben wir den gestürzten Motorradfahrer nach dem Unfallhergang befragt. Er ist der festen Überzeugung, dass ihm der Unterfahrschutz das Leben gerettet hat.« Helmut Nikolaus fordert die Straßenbauverwaltungen deshalb zu mehr Präventivdenken auf. »Wir dürfen nicht warten, bis etwas passiert, sondern müssen uns Gedanken machen, wie wir gefährliche Straßenabschnitte entschärfen können.« Nichts anderes fordert auch Thomas Pflugfelder.
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Leitplanken: Reportage über neue Systeme (Archivversion)

Helmut Nikolaus, Leiter des Rheinischen Straßenbauamtes Euskirchen, plädiert für die Verwendung von Leitplanken mit Unterfahrschutz.Was ist der Grund für Ihr Engagement?Wir haben festgestellt, dass die Zahl der tödlich verunglückten Motorradfahrer in unserem Zuständigkeitsbereich in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Deshalb wollten wir auf drei betroffenen Strecken den Straßenseitenraum entschärfen. Und wir haben uns überlegt, wie wir Stellen, wo zwingend Schutzplanken nötig sind, für Motorradfahrer sicherer machen können.Und das Ergebnis?Nachdem wir in rund 20 Kurven die neue Konstruktion haben, hat sich die Situation deutlich verbessert. Etwa an der Strecke von Münstereifel bis an die Ahr. Dort sind Stürze ohne schwere Verletzungen ausgegangen, weil der Anprall an Pfosten vermieden wurde.Sind Leitplanken mit Unterfahrschutz sehr teuer und werden deshalb meist nicht verwendet?Die Mehrkosten belaufen sich auf etwa 30 Mark pro laufenden Meter gegenüber herkömmlichen Schutzplanken. Wir sprechen von Beträgen, mit denen Straßenbauverwaltungen durchaus leben können.Was tun Sie dafür, dass Ihr Beispiel Schule macht?Wir haben Seminare für die Fortbildung von Straßenbauingenieuren durchgeführt und konnten die rheinischen Straßenbauämter von den Vorteilen überzeugen. Der Minister für Verkehr in Düsseldorf wird einen Pilotversuch in Nordrhein-Westfalen veranlassen.

Leitplanken: Reportage über neue Systeme (Archivversion) - Pfostenprofile

Leitplankenpfosten stellen für Motorradfahrer, die von der Fahrbahn abkommen, eine tödliche Gefahr dar und das Abkommen von der Fahrbahn ist mit 43,5 Prozent die häufigste Unfallart auf Motorradstrecken. Deshalb werden bei Bau- und Instandsetzungsarbeiten mittlerweile Sigma-Pfosten anstelle von Doppel-T-Trägern (IPE 100-Profil) verwendet. Das Profil der Sigma-Pfosten ist zur Fahrbahnseite hin abgerundet, das Risiko schwerer Verletzungen bei einem Anprall sinkt daher erheblich. Das haben Untersuchungen des Heidelberger Unfallforschers Florian Schüler bewiesen. Zudem können sowohl Sigma- als auch IPE 100-Pfosten mit so genannten Schutzplanken-Pfostenummantelungen bestückt werden, die aus energieabsorbierendem Material bestehen und so bei einem Anprall zusätzlich Schutz bieten sowie das Verletzungsrisiko weiter senken. Für solche Ummantelungen gelten seit 1993 einheitliche konstruktive Vorgaben, die von der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) festgelegt wurden.

Leitplanken: Reportage über neue Systeme (Archivversion)

Leitplanken mit elastischem Unterfahrschutz: kein Pfostenanprall möglich

Leitplanken: Reportage über neue Systeme (Archivversion)

Sigma-Pfosten (li.) und IPE 100-Träger mit Ummantelung: Das Risiko schwerer Verletzungen sinkt

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