Lernbehinderte fahren Trial (Archivversion) Fort - die tun was

Die etwas andere Selbsterfahrungsgruppe: Um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu steigern, üben sich die lernbehinderten Kids vom Würzburger Don Bosco-Heim in der Kunst des Trial.

Thilo und Werner rennen schon seit Stunden im Kreis herum. Schön brav neben zwei Trial-Maschinen her. Sozialpädagoge - das kann ein verdammt schweißtreibender Job sein, bei dem es, im wahrsten Sinn des Wortes, rund geht. Ankicken, erster Gang, Leerlauf, Kupplung schleifen lassen - die sieben Mädels, denen sie das Trial-Fahren beibringen wollen, kriegen’s en passant im Griff. Dennoch: Mitlaufen schadet nicht. Erst als es alle Jugendlichen drauf haben, ist der nächste Lernschritt dran: aufsitzen, anfahren, bremsen. Geduldig erklären Thilo und Werner ihren Elevinnen das ABC des Motorrads, immer freundlich, immer kompetent. Die könnten sofort als Fahrlehrer anfangen - und zwar als leuchtende Beispiele ihrer Zunft. Während Nadine und Tina ihre Kreise ziehen, blüht am Rand ein reges Tauschgeschäft. »Die Stiefel haben mindestens Größe 47. Da paß ich ja zweimal rein. Kann ich deine mal probieren?« »Aber dann steh’ ich doch in Strümpfen da.« Weil’s Schlimmeres gibt, als sich kalte Füße zu holen, klappt der Deal. »Wir wollen mit den Trial-Kursen auch das Sozialverhalten der Jugendlichen verbessern«, sagt Werner. Und nicht nur das: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sollen die Mädels kriegen. Die meisten kommen von der Sonderschule, haben keine Lehrstelle gefunden. Und sind deshalb in Würzburg gelandet, beim Berufsbildungswerk Don Bosco. Bettina, noch in der Orientierungsstufe, will Zierpflanzenbau lernen, Daniela und Nadine stehen vor dem Abschluß ihrer Ausbildung zur Handelsfachpackerin, Sandra und Tina machen in Raumausstattung, Sabine wird Fachgehilfin im Gastgewerbe und Julia hauswirtschaftstechnische Helferin. »Wir müssen sie fit für den ersten Arbeitsmarkt machen«, sagt Thilo. »Wenn uns das nicht mehr gelingt, streicht uns das Arbeitsamt die Mittel zusammen und wir müssen den Laden dicht machen.« Noch besteht die Gefahr nicht: Von den 260 Don Bosco-Zöglingen kriegen wohl die meisten einen Job. Die sieben Trial-Mädchen leben in einer Wohngruppe des angeschlossenen Internats. Ihr Betreuer: Thilo. Als er sie fragte, ob sie das Abenteuer Motorrad wagen wollen, sagte keine nein. Am Freitag hieß es zunächst mal schieben, ein Gefühl für das Gewicht der Maschine bekommen. Danach aufsitzen, langsam eine Böschung herunterrollen - Gleichgewichtsübungen. Und das alles unter den kritischen Blicken der männlichen Mitschüler, die nur anfangs grinsten und den Mädels dann Respekt zollten. »Toll, wie die das machen.« Samstag, gemeinsames Frühstück, sich auf den Tag einstimmen. Danach packen alle an: Mopeds, Klamotten und Fressalien im Transporter verstauen - und ab auf die Trial-Strecke des MSC Großheubach. 14 Mark müssen sie für den Spaß blechen, bei nur 170 Mark Salär im Monat eine ganze Menge Kohle. »Für unsere Freizeitangebote verlangen wir prinzipiell einen Obolus, aus pädagogischen Gründen«, betont Werner. »Viele Kids denken immer noch: Was nichts kostet, ist auch nichts wert.« Als Nadine auf dem gekiesten Parkplatz arg ins Schlingern kommt und Werner ihr entschieden an Lenker und Sitzbank greift, um die Fuhre zu stabilisieren, rufen die Kolleginnen ihr zu: »Denk dran, das ist nur ein Fahrrad mit Motor.« Zwei Stunden später hat Nadine es geschafft, kurvt einen vom Regen nassen Waldweg entlang - und Thilo, der ihr hinterherläuft, muß kaum noch assistieren. »Ich bin stolz auf mich«, sagt sie. »Genau das ist das Schöne an solchen Aktionen«, freut sich Thilo, »daß die Jugendlichen innerhalb sehr kurzer Zeit wirklich gute Erfolge für sich verbuchen können.« Die sehen sie während ihrer Ausbildung nicht immer. »Sie haben Schwierigkeiten, abstrakte Inhalte auf die Reihe zu bekommen«, erzählt Werner, der wie Thilo früher selbst begeistert Motorrad gefahren ist. Aber nie Trial. Das haben sich die Sozialpädagogen selbst beigebracht und auf Fortbildungskursen vertieft. »Wir wußten anfangs nicht, ob wir unsere Jugendlichen damit nicht überfordern«, erinnert sich Thilo, der seit 1994 dreimal im Jahr mit seinen Schützlingen ins Gelände geht. »Es gab zwar entsprechende Erfahrungen mit aggresssionsgestörten Kids, aber unsere Klientel hat doch andere Voraussetzungen. Ihre Lern- und Aufnahmefähigkeit sowie ihre Frustrationstolerenz ist im Vergleich zu anderen Jugendlichen sehr eingeschränkt. Doch die Praxis bewies das Gegenteil. Selbst Leute, die noch nie ein motorisiertes Zweirad bewegt haben, waren innerhalb eines Tages in der Lage, die Maschine durch einfache Sektionen zu fahren.« Zu kleineren Kunststücken bringen es die Mädels zwar nicht, dafür ist das Wetter zu schlecht, der Boden zu rutschig. Aber sie wollen wieder kommen. Soviel Freude macht ihnen das Fahren, das gemeinsame Erleben. »Obwohl es allen, uns wie auch den Jugendlichen, einen Riesenspaß macht, ist das Trial zuerst Mittel zum Zweck«, referiert Thilo. Während einer Zigarettenpause oben am Bus parkt ein Besucher des Trial-Geländes seinen Wohnwagen auf dem Übungsgelände der Mädchen. Das stört zunächst nicht weiter, bis Sabine auf einmal zuviel Gas gibt, auf den Blechkasten zuschießt, den Lenker hastig herumreißt und stürzt. Sie ist geschockt, bleibt erst mal benommen liegen. Kaum was passiert: ein kleiner Riß am Knie. »Da kann ich den Sommer über ja keinen Minirock mehr anziehen.« Nicht so schlimm, trösten sie die Kolleginnen, die Wunde vernarbt schnell, und in ein paar Tagen ist davon nichts mehr zu sehen. Dennoch läßt sie die Finger vom Motorrad. Als sie jedoch sieht, daß alle anderen munter durch die Landschaft kariolen, packt sie der Ehrgeiz. Und siehe da: Es klappt. So gut, daß sie gar nicht mehr vom Moped will. Obwohl es einige Mädels ebenfalls stark in der Gashand zuckt, lassen sie Sabine fahren.

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