Leser fragen - Experten antworten (Archivversion)

Nachlassende Reifenhaftung
Im Rennsport gibt’s anscheinend manchmal das Problem, dass nach langen Geraden die Reifenflanken zu sehr abkühlen und Grip fehlt. Jetzt habe ich mich gefragt, wie es auf Tour aussieht. Muss ich nach langer Geradeausfahrt vorsichtiger in die Kurve einbiegen?

Tim Röthig, Bridgestone Deutschland, www.bridgestone-mc.de:
Tatsächlich tritt im Rennsport folgendes Problem gelegentlich auf: Je nach Layout einer Rennstrecke kann es in ungünstigen Fällen dazu kommen,
dass die Haftung eines Reifens an den Flanken unterschiedlich ist. Etwa
bei einer Strecke wie dem alten Kurs in Hockenheim oder auf Phillip Island
in Australien, wo sehr viele Kurven hintereinander in eine Richtung gehen – die jeweils erste Kurve in die andere Richtung birgt dann die geschilderte
Gefahr, also weniger Grip an der weniger beanspruchten Reifenflanke. Das heißt aber nicht, dass der Reifen auf der Geraden abgekühlt, sondern dass
er durch die unterschiedliche Belastung generell ein leicht differierendes
Haftungsniveau aufweist. Die Haftgrenze des Reifens verschiebt sich somit einseitig, wenn auch nur geringfügig. Dem wird bei modernen MotoGP-
Reifen durch die Verwendung unterschiedlicher Gummimischungen auf der linken und rechten Flanke entgegengewirkt.
Nun zur Frage, ob es auf Tour zu einem ähnlichen Effekt kommen kann.
Die Antwort ist ganz klar: nein. Das Temperaturfenster eines Straßenreifens liegt generell niedriger und erstreckt sich über einen größeren Bereich. Außerdem wird der Fahrer auf der Straße in der Regel nicht an der äußersten Haftgrenze des Reifens in eine Kurve einbiegen. Daher ergibt sich das
beschriebene Problem nicht. Im Gegensatz zu Rennreifen funktionieren
Straßenreifen bereits bei niedrigen Temperaturen, selbst wenn der Reifen durch Regen oder langsame Fahrt, egal, ob geradeaus oder nicht, abkühlt.

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