Leser fragen - Experten antworten (Archivversion)

Leser fragen - Experten antworten

Selbst genähte
Motorradklamotten
Spricht etwas dagegen, sich selbst Motorradkleidung zu nähen? Abriebfeste Textil-
gewebe und Klimamembranen gibt es als Meterware in Online-Shops zu kaufen.
Hans-Peter Rudolph, Textilexperte von W. L. Gore, www.wlgore.com:
Im Prinzip spricht nichts dagegen, aber will man dem nächsten Regen erfolgreich trotzen und trocken
bleiben, bedarf es nicht nur dauerhaft wasserdichter Materialien,
sondern auch einer besonderen
Bekleidungskonstruktion. Um eine
absolut wasserdichte Jacke oder
Hose herzustellen, erfordern neben schnitttechnischen Besonderheiten (wie entsprechend der Sitzposition vorgeformte Arme und Beine oder die Position der Pro-
tektoren) gerade Details wie Nahtverschweißung, Reißverschluss- und Taschenkonstruktionen sowie die Abschlüsse an Kragen, Ärmeln, Bund und Beinen größte Aufmerksamkeit. Eine besondere Herausforderung stellt das dauerhafte Abdichten der durch das Vernähen der einzelnen Stoffteile entstandenen Stichlöcher dar. Perfekt können das nur
speziell dafür konstruierte Maschinen, die außerdem wasserdichte Naht- beziehungsweise Schweißbänder in einem aufwendigen Verfahren aufbringen. Fazit: Speziell bei
Motorradbekleidung, bei der Sicherheit und Wetterschutz die wichtigsten Kriterien darstellen, ist ohne Erfahrungs-
werte das Risiko groß, sein Vorhaben an der heimischen Nähmaschine zu vermurksen und unnötig Geld für teures
Arbeitsmaterial zu verschwenden.
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Lastwechselreaktionen
Mir ist aufgefallen, dass bei Motorrädern mit Einspritzung des öfteren Konstant-
fahrruckeln und stärkere Lastwechsel-
reaktionen vorkommen. Damit haben Vergasermodelle meines Erachtens nach weniger Probleme. Oder täusche ich mich?
Gert Thöle, Testchef
bei MOTORRAD,
www.motorradonline.de:
Grundsätzlich ist die Beobachtung richtig, dass viele Vergasermotorräder weicher ans Gas gehen und weniger Probleme mit Konstantfahr- oder Schieberuckeln haben als die moderneren Einspritzmodelle. Dabei wird mit viel Aufwand versucht, dieses Problem der Einspritzer in den Griff zu bekommen, etwa durch Doppeldrosselklappen
oder elektronisch gesteuerte Stellmotoren an den Drosselklappen. Allerdings darf man bei dem Thema nicht außer Acht lassen, dass moderne Motorräder immer schärferen Emissionsvorschriften genügen müssen. Die seit diesem Jahr aktuelle Euro-3-Norm ist mit Vergasern praktisch nicht zu schaffen. Stattdessen müssen die Hersteller mit aufwendigen Regelsystemen versuchen, die Grenzen einzuhalten. Dazu gehören
zum Beispiel die Schubabschaltung oder eine extrem magere
Abstimmung im Übergangsbereich. Starkes Anfetten, um beim Lastwechsel gleich im ersten Moment direkt einsetzenden Schub zu bekommen, ist heute nicht mehr drin. Da hatten es die Vergasermaschinen früher viel leichter, bei ihnen konnten die Beschleunigerpumpen bei jedem Gasstoß einen Fingerhut voll Sprit in die Ansaugwege spritzen.

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Nierengurt
Ich sehe immer weniger Motorradfahrer, die einen Nierengurt tragen. Das war doch mal ganz anders. Woran liegt es, braucht man heutzutage keinen Gurt mehr?
Matthias Haasper, Institut
für Zweiradsicherheit e.V. (ifz), www.ifz.de:
Wer keine komplett durchgehende Lederschutzkombi trägt, sollte auf einen Nierengurt nicht verzichten. Er hält den zug- und kälteempfindlichen Nierenbereich warm. Außerdem wirkt er stabilisierend bei einem Sturz. Es geht darum, den Bauchraum und die Nierengegend bewusst zu komprimieren. Auf
diese Weise werden die inneren Organe bei einem Sturz geschützt und stumpfe Bauchverletzungen verringert.
Die Komprimierung mindert die Weiterleitung einer äußeren Krafteinwirkung auf den Bauchraum. Diese Funktionen sind durch moderne, entsprechend geschnittene Motorrad-Funktionsbekleidungen jedoch weitgehend abgedeckt. Und da mittlerweile die meisten Fahrer auf solch eine sinnvolle Ausstattung nicht verzichten, ist der Nierengurt nicht mehr ganz so populär wie vor Jahren, als viele Motorradfahrer lediglich mit normaler Straßenkleidung unterwegs waren. Welchen Nierengurt man benötigt, hängt vom Einsatzzweck ab. Generell sollte er atmungsaktiv sein, um unnötiges Schwitzen zu vermeiden. Dazu macht eine gewisse Dehnbarkeit Sinn. Hier sind besonders Nierengurte mit breitem Klettverschluss zu empfehlen. Unter einer Lederkombi ist ein fester Stretch-Gurt angebracht, während bei einer Textil-Kombi durchaus ein dickerer Ledergurt getragen werden kann. Sinnig erscheinen Kombinationen aus Nierengurt und Rückenprotektor.

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Vogelunfall
Ich bin beim Motorradfahren mit einem Raben zusammengeprallt und verletzt worden. Nun habe ich richtige Probleme mit der Berufsgenossenschaft. Die sagen nämlich, so was kann nicht passieren, und wenn, richte ein Rabe höchstens einen Schaden wie ein Softball an.
Ralph Andreß, Rechtsanwalt aus
Heilbronn, www.kanzleihga.de:
Sowohl bei der Berufsgenossenschaft als auch beim Sozialgericht gilt der Amtsermittlungsgrundsatz, das heißt, das Amt muss von sich aus den Sachverhalt vollständig klären. Die Berufsgenossenschaft muss – etwa mit Hilfe eines Sachverständigen –
ermitteln, ob die Verletzungen von einem
Vogel stammen könnten. Der lapidare Vergleich mit einem Softball genügt dementsprechend selbstverständlich nicht. Wenn die Berufsgenossenschaft Leistungen ablehnt, kann gegen den ablehnenden Bescheid Widerspruch eingelegt werden. Doch aufpassen, dass Fristen nicht versäumt werden! Ist der Bescheid nämlich mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen, muss der Widerspruch innerhalb eines Monats eingelegt werden, fehlt diese Rechtsmittelbelehrung, innerhalb eines Jahres ab Zugang. Gegen einen Widerspruchsbescheid kann innerhalb eines Monats Klage beim Sozialgericht erhoben werden. Ein Kostenrisiko besteht nicht, das Verfahren bei der Berufsgenossenschaft und beim Sozialgericht ist für den Bürger kostenfrei.

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Übersetzung ändern
Was muss ich beachten, wenn ich die Übersetzung von meinem Motorrad ändern möchte?

























Günter Schmid, TÜV Süd,
www.tuev-sued.de:
Die Übersetzung ist Teil der Betriebserlaubnis, eine Änderung muss daher in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden. Bei einer Veränderung der Sekundärübersetzung, also von Ritzel oder Kettenrad, geht es im Wesentlichen um zwei Punkte: Abgas und Fahrgeräusch. Damit die Genehmigung
für das Abgasverhalten des Fahrzeugtyps nicht erlischt, darf sich das Übersetzungsverhältnis um höchstens acht Prozent
verändern. Bei einem kürzeren Übersetzungsverhältnis steigt
das Beschleunigungsvermögen des Motorrads, ein längeres
Übersetzungsverhältnis verringert es – diese Faktoren beeinflussen direkt das Fahrgeräusch. Dabei darf der gesetzlich
zulässige Grenzwert – je nach Baujahr des Fahrzeugs 80 bis 86 dB (A) – nicht überschritten werden. Der neue Wert wird bei der Fahrgeräuschmessung in »beschleunigter Vorbeifahrt« ermittelt. Entsprechende Gutachten gibt«s in den Service-Centern des TÜVs. Tipp: Am besten besprechen Sie Ihren Umbau-Wunsch schon vorab mit dem entsprechenden Experten vom TÜV, der das Gutachten durchführt.

Anmerkung der Redaktion zum Thema Rennsport:
Im Rennsport gehört das Anpassen der Übersetzung mit zu den wichtigsten Abstimmungsarbeiten, um richtig schnell zu sein. Serienmaschinen sind in der Regel sehr lang übersetzt, dementsprechend beschleunigen sie je nach Kurs nicht optimal. Die Übersetzung sollte so gewählt sein, dass man am schnellsten Stück der Strecke im höchsten Gang die Maximaldrehzahl ausnutzen kann. Problem dabei:
Passt diese kürzere Übersetzung in einigen kurvigen Passagen nicht, dreht dort der Motor etwa in den Begrenzer,
ist es sinnvoll, die Übersetzung doch etwas länger zu wählen. Sich an die ideale Übersetzung für einen Kurs heran-
zutasten kostet etwas Erfahrung und in jedem Fall einige Trainingsrunden. Um ein anschauliches Gefühl für die Auswirkungen auf das Drehzahlniveau in den einzelnen Gängen zu bekommen, helfen auch diverse Übersetzungsrechner aus dem Internet, wie zum Beispiel unter
http://motorrad.sowas.com oder www.zweiradkrause.de/rechner.html.

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Weitere spannende Themen mit Experten-Antworten gibt’s im Internet-Forum von www.motorradonline.de unter der Rubrik »Leser fragen, MOTORRAD antwortet«. Außerdem im Forum immer aktuell und
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