Mang, Toni: Interview (Archivversion) Krieg und Frieden

Nach dem letzten Grand Prix in Phillip Island ging ein Riß durch Ralf Waldmanns Marlboro-Honda-Team. Doch am gleichen Abend wurde der Sprung wieder gekittet.

Das deutsche 250er Marlboro-Honda-Team glich nach dem Saisonfinale einem Scherbenhaufen. Ralf Waldmann, im Rennen Sieger vor Max Biaggi, in der Gesamtwertung aber nur Zweiter hinter dem Italiener, verströmte Tränen statt Champagner und stellte öffentlich die Vertrauensfrage. Seine Techniker machten sich in der Box mit versteinerten Mienen ans Aufräumen. Teamchef Dieter Stappert stand hilflos im Abseits.Noch am gleichen Abend wurden die Scherben wieder gekittet. Friedlich saß die Mannschaft am Wohnzimmertisch des gemieteten Hauses auf dem australischen Ferieneiland Phillip Island und stimmte sich auf eine harmonische Zukunft ein. »Wir haben alles nochmals Revue passieren lassen und uns gegenseitiges Vertrauen ausgesprochen«, erklärt Dieter Stappert. Der Teamchef hatte den Ärger überhaupt erst losgetreten. Statt einer sachlichen Manöverkritik irgendwann in den Tagen nach dem letzten Rennen trampelte er bereits beim Zieleinlauf wie ein Elefant im Porzellanladen über die Gefühle seines empfindsamen Schützlings hinweg. Wegen der Niederlage in der Weltmeisterschaft und unbedachter Äußerungen über die Qualitäten des von Cheftechniker Sepp Schlögl mit einer neuen Hebelumlenkung für die Hinterradfederung und einer modifizierten Geometrie entwickelten Spezialfahrwerks raunzte er Waldi an, er müsse zu einer Aussprache in die Box und könne sich schon mal eine »Entschuldigung für sein Team« überlegen.Waldi war so platt, daß er auf dem Podest zu weinen anfing und wegen des vermeintlichen Mißtrauens seiner Mechaniker ein neues Team suchen wollte. Der Skandal flimmerte über alle großen deutschen Fernsehkanäle, und die Konfliktparteien hatten angesichts des immensen Flurschadens einen heftigen Drang, alles schnell wieder gut zu machen.Zu den konkreteren Ergebnissen der Mission zählt, daß Waldi 1998 wieder zwei statt nur eine der kostbaren Werks-Honda NSR 250 erhalten soll. Obwohl die Leasingraten für ein solches Komplett-Set drastisch von 600000 auf 900000 Mark gestiegen sind und die Sponsoren noch nicht endgültig zugesagt haben, hat diese Investition oberste Priorität.Rückschläge wie in Mugello, wo das Team nach rätselhaften Fahrwerksschwächen im Training erst am Samstagabend einen versteckten Rahmenriß entdeckte, können damit ebenso vermieden werden wie die Unwägbarkeiten beim Set-Up bei wechselhafter Wetterlage. Auch der psychologische Nachteil, im Vergleich zu reicheren Teams ungenügend ausgestattet zu sein, ist damit aus der Welt.Die vermeintliche Kritik an Waldis Spezialfahrwerk, so einigte man sich, sei ein pures, von den Medien aufgebauschtes Mißverständnis gewesen. Denn bei der Analyse jener Rennen, die Waldmann 1997 nicht gewinnen konnte, ergab sich ein vielschichtigeres Bild. So war Waldmanns Handverletzung mit der angeschliffenen Strecksehne am rechten Mittelfinger zu Saisonbeginn eine Panne, die man einem Fahrfehler oder dem Schicksal, keinesfalls aber der Technik anlasten konnte.Zur Niederlage in Österreich räumte Ralf Waldmann ein, er hätte jene Rechtskurve nicht so weit außen anfahren sollen, um Jacque sein Ausbremsmanöver innen zu vereiteln. »Dort habe ich Punkte verschenkt«, gestand Waldi.In Brünn setzte das Team schuldlos auf den falschen Reifen, und am Ende blieben eigentlich nur noch die Rennen in Imola, am Nürburgring und in Rio, wo die Niederlagen mit dem Fahrwerks-Set-Up zu tun hatten.Und, natürlich, jenes schicksalsschwere Rennen mit dem mageren siebten Platz in Indonesien, das am Ende zum Zünglein an der Waage wurde. Zunächst sprach Dieter Stappert noch von einem »schlechten Tag« seines Fahrers, schwenkte dann aber auf Waldis Linie ein. »Das Motorrad war nicht optimal. Es ist die einzige Erklärung«, grübelt er nun. Zukünftig sollen Probleme im Team ausdiskutiert werden, bevor sie überhaupt zum Konflikt werden können. Schon am Donnerstag vor Trainingsbeginn ist ein »Briefing«, geplant, bei dem, so Waldi, »jeder sagt, was er fühlt«. Dieter Stappert sieht es gar als »meine Aufgabe, an, vermehrt und sofort auf irgendwelche sich anbahnende Mißstimmungen zu reagieren und die Konfrontation zu suchen, anstatt Probleme auszusitzen«.Ob es tatsächlich zu einer derart offenen Problembewältigung kommt, darf mit Spannung erwartet werden. Dieter Stappert ist laut Waldi gut fürs Organisatorische, für die Reiseplanung, die Teilebeschaffung und die Sponsorengespräche. Von Menschenführung redet er nicht - denn da hat der zu Nervosität und Gefühlskälte neigende Stappert seine von einer ganzen Fahrergeneration beschriebenen Defizite.Auch im Verhältnis zwischen Ralf Waldmann und den Technikern kam es in der Vergangenheit zu gelegentlichen Reibereien, die vom Nord-Süd-Gefälle zwischen dem Star aus Nordrhein-Westfalen und seiner aus Bayern und Österreichern zusammengesetzten Mannschaft herrühren. »Alle Preussen übertreiben«, ringt sich Sepp Schlögl eine Charakterbeschreibung Waldmanns ab, der bei Problemen eher die Fassung verliert als seine mit Biergartenruhe ausgestatteten Vorgänger.Daß Waldi bei der Abstimmung seines Motorrads Schwierigkeiten habe und sich zu sehr auf seine Techniker verlasse, weist Sepp Schlögl indes klar zurück. »Das ist völlig falsch, da stelle ich mich komplett quer«, erklärt Schlögl. Waldi ist sehr feinfühlig und merkt jede Änderung wie kein anderer Fahrer zuvor. Wirklich sagenhaft«.Allerdings verdankt Waldi sein außergewöhnliches Können nicht mathematisch präzisen Feinanalysen, sondern einem angeborenen Urinstinkt, der ihm auch gelegentlich Streiche spielt.Wenn man Waldi auf nüchterne Logik trimmen wollte, geriete vielleicht genau jener Kämpferinstinkt in Gefahr, mit dem er über alle Limits und über sich selbst hinauswachsen kann. Und deshalb ist es vielleicht ganz gut, daß Waldi bei seiner eigenen Vorgehensweise keinen neuen Handlungsbedarf sieht. »Ich habe das Maximale gegeben. Wenn ich da Selbstzweifel hätte, müßte ich aufhören. Ich bin mit einer absolut professionellen Einstellung zur Sache gegangen und habe nirgends etwas liegenlassen - da bin ich überzeugt von mir. Ich glaube auch, daß meine Leute alles gegeben haben«, hält Waldi kategorisch fest.Die Bilanz bestätigt das. Max Biaggi bis auf zwei Punkte auf den Pelz zu rücken und Vizeweltmeister zu werden, obwohl Waldi nur ein Motorrad hatte und die Laufzeit seines Motors aus Materialmangel fast bis zum Doppelten überziehen mußte, ist trotz aller Enttäuschung über den entgangenen Titel eine reife Leistung.

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