Medizinisch-psychologische Untersuchung (Archivversion)

5000 Kubik

Über 100000 Menschen müssen jedes Jahr zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU). Die meisten haben ihren Führerschein wegen zu viel Alkohol abgegeben. Kaum einer saß dabei auf dem Motorrad. Aber fast jeder Motorradfahrer hat ja auch ein Auto.

Probieren Sie folgendes: Schlucken Sie zehn Halbe Bier in etwa vier Stunden. Was passiert? Sie liegen unter dem Tisch und erinnern sich an nichts mehr? Sie müssen ganz dringend, wissen aber nicht, wie Sie sich zur Toilette bewegen sollen? Es geht Ihnen prächtig? Nach einem weiteren Bier fassen Sie den Plan, Tante Erna nach Hause zu fahren?
Mit fünf Liter Bier intus bringen Sie es auf etwa zwei Promille. Schlimm ist eigentlich nur, wenn es Ihnen dann noch gut geht, Sie kein Problem haben. Denn dann haben Sie eins. Zwei Promille steckt nur weg, wer an solche Alkoholmengen gewöhnt ist. Immerhin definiert der Gesetzgeber schon 1,1 Promille als Grenze zur absoluten Fahruntüchtigkeit, droht mit strafrechtlichen Konsequenzen, und die Pappe ist sowieso weg. Heißt zwar noch nicht automatisch MPU. Aber unter Umständen.
Diese Umstände bestimmt letztlich der Staat: »Immer dann, wenn die Verwaltungsbehörde bei einem Inhaber einer Fahrerlaubnis Anlass hat, an dessen Fahreignung zu zweifeln, kann sie eine medizinisch-psychologische Untersuchung anordnen«, schreiben Theodor Rieh und Thomas Wagenpfeil in ihrem Buch »Der Testknacker bei Führerscheinverlust«.
Anlässe: zweimal innerhalb von zehn Jahren mit mehr als 0,5 oder einmal mit mehr als 1,6 Promille erwischt werden. Sonstige Drogen, müssen nicht unbedingt im Kopf, können auch in der Tasche stecken. Oder allgemeine Auffälligkeiten im Verkehr – zum Beispiel 18 Punkte in zwei Jahren sammeln, notorisch Falschparken, gefährliches Rasen, Aggression.
Gehört sich alles nicht, klar. Doch als Strafe will Wagenpfeil die MPU nicht verstanden wissen: »Wir wollen nur heraus-finden, ob jemand sein Verhalten und seine Gewohnheiten geändert hat.« Dafür gibt es medizinische Untersuchungen (Leberwerte et cetera), Tests zur Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit sowie ein psychologisches Gespräch. Und dieses ist für die meisten die größte Hürde. Was will der Psycho von mir hören, seine Wahrheit oder meine? Wolfram W. meinte, dass es da eigentlich keine Differenzen geben dürfe, sondern eben nur die eine Wahr-heit. Sagte also, dass er auch in Zukunft gedenke, noch das eine oder andere Bierchen zu verzehren, nur das mit dem Fahren danach wolle er bleiben lassen, ganz bestimmt. Wolfram fiel glatt durch, trotz phänomenal verbesserter Leberwerte. Woraus er seine Konsequenzen zog, bei der Wiederholung log, beschwor, dass fortan kein Tropfen Alkohol mehr seine Lippen berühren dürfe – und bekam darob seine Pappe retour. Vielleicht weil die Lüge besser zu Wolframs übrigen Amtworten gepasst hat. Denn darauf kommt es an: auf die Systematik. Wenn zum Beispiel jemand sagt, dass er sich rege bei Festen im Schützenverein beteilige, und später beteuert, gar keinen Alkohol mehr zu trinken, wird der Psychologe hellhörig.
Nicht auf diese Mechanismen hereinzufallen gelingt leichter, wenn man sich mit dem System auseinandersetzt. Kostet freilich was, 500 Euro für einen Kurs beim TÜV etwa. »Wir wollen nicht, dass die Leute durchfallen«, sagt Wagenpfeil, der für den TÜV Süd als Gutachter arbeitet. »Es geht darum, die Leute wieder auf die richtige Spur zu bringen. Die sollen ja wieder fahren, dazwischen steht die MPU.«
Bei der fallen immerhin an die 40 Prozent durch. Und weil jeder irgendwie einen kennt, der schon mal durchgerasselt ist, halten sich jede Menge Gerüchte. Kein Gerücht dagegen: Wer sich medizinisch-psychologisch traktieren lassen muss, hat gegen Regeln verstoßen, Regeln, die den Umgang miteinander bestimmen sollten in einem sozialen Raum – dem Verkehr. »Wenn ich mir vorstelle, was da hätte passieren können, als ich betrunken gefahren bin, schaudert es mich«, sagt Wolfram. Und genau das, das Schaudern vor sich selbst, ist vielleicht die beste Therapie. Für solche Selbsterkenntnis braucht es in der Regel einen Therapeuten. Und deshalb wohl auch die MPU.
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Das kleine MPU-Quiz (Archivversion)

Hat es aufschiebende Wirkung, wenn ich Widerspruch gegen den Führerscheinentzug einlege?
Schwerlich. In der Regel wird von der Führerscheinstelle die sofortige Vollziehung angeordnet. Womit die sogenannte aufschiebende Wirkung des Wider-spruchs entfällt. Bis über die Entziehung rechtskräftig entschieden ist, wird sehr viel Zeit vergehen, so lange sind Sie auf jeden Fall Fußgänger.

Was ist ein Promille?
Promille kommt von mille – tausend. Geht es um den Blutalkoholwert, gibt die Promillezahl an, wie viel Gramm Alkohol in einem Liter Blut gelöst sind. Ein Promille entspricht einem Gramm pro Liter.

Mit einer guten Grundlage verträgt man doch mehr, oder?
Irrtum. Sie können fünf Dosen Ölsardinen essen und drei Pfund Kartoffeln dazu, an der Alkoholmenge, die zwei Liter Wein in ihren Körper bringen, ändert das nichts. Die wird allenfalls langsamer resorbiert, lang-samer vom Körper aufgenommen. Und schlägt, wenn Sie Pech haben, bei der Blutprobe dann voll rein.

Woher hat die MPU den Namen »Idiotentest«?
Nicht, weil man ihn nur als Idiot bestehen könnte oder jeder, der ihn machen muss, ein Idiot wäre. Der Name entstand in den 50er Jahren, als die MPU eine Untersuchung war, zu der diejenigen mussten, die dreimal oder häufiger durch die Führerscheinprüfung gefallen waren. Mit denen, dachte man sich, kann doch was nicht stimmen.

Zur MPU, nur weil man zweimal in zehn Jahren mit geringen Alkoholmengen erwischt wurde – ist ganz schön hart, oder?
Scheint so, ist es aber nicht wirklich, zumindest nach Auffassung des TÜV Süd. Weil man zwar zwei-mal aufgefallen, bestimmt aber viel öfter betrunken gefahren sei. Außerdem fallen die meisten, 70 Prozent, laut TÜV-Statistik nur einmal auf und haben dann im Schnitt 1,8 Promille. Ab einem Wert von 1,6 heißt es: ab zur MPU.

Man kann seinen Führerschein auch im Ausland machen statt ihn mit MPU wieder zu bekommen?
Die Sache funktioniert nur dann, wenn die Behörde den Schein auf strafrechtlichem Weg entzogen hat. Funktioniert obendrein erst nach Ablauf der Sperrfrist. Und funktioniert unter Umständen gar nicht, weil die Rechtsprechung sich noch nicht einig ist, was die Anerkennung ausländischer Fahrerlaubnisse angeht.

Wie bringen qualifizierte Psychologen die MPU unfreiwillig selbst in Misskredit?
Indem sie, wie Riehl und Wagenpfeil, ein an sich empfehlenswertes Buch über die MPU »Der Testknacker bei Führerscheinverlust« nennen (280 Seiten, Goldmann, 7,90 Euro). Der Begriff »Testknacker« mag zwar knackig klingen, konter-kariert jedoch die eigene Intention: einen tatsächlichen Verhaltenswandel herbeizuführen.

MPU-Fazit 2006 (Archivversion)

Anlass für MPU Teilnehmer Geeignet in Prozent Nachschulung in Prozent Ungeeignet in Prozent
Körperliche und geistige Mängel 268 47 53
Neurologisch-psychiatrische Mängel 273 43 57
Auffälligkeit bei Fahrerlaubnisprüfung 112 63 37
Verkehrsauffälligkeiten 12258 47 25 28
Sonstige strafrechtliche Auffälligkeiten 3192 51 18 31
Alkohol erstmalig 35472 48 15 37
Alkohol wiederholt 18328 41 14 45
Betäubungsmittel- und
Medikamentenauffällige 15832 55 13 32
Alkohol + allgem. Verkehrs- und
sonstige strafrechtliche Auffälligkeiten 7516 41 14 45
Alkohol + Medikamente 1825 44 9 47
Allgem. Verkehrs- und sonstige
strafrechtliche Auffälligkeiten 1719 48 15 37
Betäubungsmittel/Medikamente + allgem. Verkehrsauffälligkeiten 1557 45 9 46
Sonstige Mehrfachvorwürfe 1220 43 9 48
Senkung des Mindestalters 5281 94 6
Bewerber um eine Fahrlehrererlaubnis u. Fahrlehrerüberwachung 363 93 7
Sonstige Anlässe 254 57 43
Teilnehmerzahl insgesamt 105470
Teilnehmer insgesamt in Prozent 49 15 36

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