Medizinisch Psychologische Untersuchung (Archivversion) Wie gewonnen...

...so zerronnen? Wer zu viele Punkte in Flensburg sammelt oder mit Alkohol im Verkehr auffällt, wird schnell ein Kandidat für die MPU, im Volksmund auch »Idiotentest« genannt.

Günther D. hatte es eilig. An einer Autobahnbaustelle ignorierte er die Beschränkung auf 100 km/h souverän, passierte mit 270 Sachen eine Geschwindigkeitskontrolle und brachte so den Jagdinstinkt der Autobahnpolizei in Wallung. Der flotte Günther zog den kürzeren und litt von da an unter Scheinentzug. Weil er schon mal als Raser aufgefallen war, bestand die Führerscheinstelle nach Ablauf der Sperrfrist auf einer Medizinisch Psychologischen Untersuchung, kurz MPU genannt. Hier fruchteten alle Beteuerungen, daß er sich in Zukunft bessern und dem Geschwindigkeitsrausch abhold sein wolle, nichts. Der Psychologe erkannte keinen Wandel in Günthers Einstellungen und verpaßte ihm ein negatives Gutachten. Beim ersten Anlauf, so der TÜV, fallen bis zu 60 Prozent der Kandidaten durch. Allerdings, behauptet Peter Koch, Leiter der Führerscheinstelle Stuttgart, »ist Mitleid mit den Prüflingen fehl am Platz. Denn es gehört schon einiges dazu, um zur MPU zu müssen«. Eine Menge Punkte in Flensburg oder gehörig Alkohol im Blut. Alkoholkonzentrationen von 2,0 Promille und mehr zu erreichen sei für Otto Normaltrinker »ohne intensives Training praktisch unmöglich. Wenn so ein Besoffener dann auch noch in der Lage ist zu fahren, dann hat er ein Problem - ein Alkoholproblem«, sinniert Koch. Dem TÜV-Mann ist auch aufgefallen, daß »Motorradfahrer bei der Untersuchung eindeutig unterrepräsentiert sind. Wenn überhaupt, haben wir es mit alten Herren auf Mofas zu tun. Aber das ist eigentlich kein Wunder, denn viele setzen sich ja betrunken hinters Steuer, weil sie nicht mehr laufen können. An Motorrradfahren ist in so einem Zustand natürlich erst recht nicht zu denken«. Wenn Biker zur MPU müssen, dann meist als Punktetäter. Genaue Zahlen gibt es freilich nicht, weil die Statistiker die Führerscheinklassen schlichtweg nicht registrieren. Will ein Führerscheinloser den Lappen wiederhaben, muß er den »Idiotentest« bestehen. Zunächst checken Gutachter die »Psychophysische Leistungsfähigkeit« ab. »So sehen wir, wie stark die Konzentration nachläßt«, sagt Jürgen Merz, Leiter des Medizinisch Psychologischen Instituts (MPI) in Baden Württemberg. Mit Hilfe eines Fragebogen wird das Wissen über die Auswirkungen von Alkohol geprüft und die persönliche Situation des Probanden beleuchtet. Je nach Art des Vergehens folgt, etwa bei Alkoholtätern, die immerhin rund 85 Prozent der jährlich etwa 120000 Prüflinge ausmachen, eine medizinische Untersuchung. Hier wird zum Beispiel anhand der Leberwerte festgestellt, ob der Untersuchte wirklich vom Alkohol gelassen hat. Das, je nach Auskunftsbereitschaft des Befragten, zwischen 45 und 90 Minuten lange psychologische Gespräch bildet den Abschluß einer rund fünf Stunden langen Untersuchung. Danach verfertigt der Psychologe ein bis zu 15 Seiten langes Gutachten. Kann er keinen grundlegenden Wandel feststellen, bleibt der Aspirant Fußgänger. Neben den klassischen Fällen - Alkohol und rowdyhaftem Verkehrsgebaren - gibt es freilich noch äußerst problematische Anlässe für eine MPU. Etwa wenn die verlassene Ehefrau ihren Ex als notorisch fahrenden Trinker anschwärzt. »Wir müssen solchen Hinweisen nachgehen«, meint Koch. Die Führerscheinstelle analysiert dann zunächst die Leberwerte des Beschuldigten, der übrigens auch die Kosten für die Untersuchung trägt. Wer nun empört die Zusammenarbeit verweigert und sich stur stellt, gerät ruckzuck in die Fänge der Gutachter. Ebenso wie Wiederholungstäter: Eine junge Frau rammte mit 1,1 Promille im Blut einen geparkten Wagen. Ergebnis: Fahrverbot, Punkte und Bußgeld. Aber noch keine MPU. Kurz danach überholte sie im Überholverbot einen »Audi mit umhäkelter Klorolle auf der Hutablage«, der sie durch sein »Dahinschleichen dazu gezwungen hat«. Später wurde sie mit 37 Stundenkilometern zuviel geblitzt. Worauf die Führerscheinbehörde Zweifel an der Fahrtauglichkeit anmeldete. Also ab zur MPU. Wie so viele andere Punktesammler manövrierte sich die Frau in ein übles Dilemma: Da sie keine Gewohnheitstrinkerin war, konnte bei der medizinischen Untersuchung zwar nichts Belastendes, aber eben auch nichts Entlastendes gefunden werden. Alles hing nun vom psychologischen Gutachten ab. Doch da gilt der Grundsatz: Im Zweifel gegen den Angeklagten. Sie habe »Streit mit dem Freund gehabt und dabei aus Wut aufs Gaspedal gedrückt«, versuchte die Kandidatin ihr Fehlverhalten zu entschuldigen. »Mangelnde Einsicht ins eigene Fehlverhalten«, attestierte der Gutachter - Führerschein und 600 Mark für das negative Gutachten gingen perdue. Schon vergleichsweise harmlose 0,3 Promille im Blut können der erste Schritt in Richtung MPU sein. Bei dieser Alkoholkonzentration im Blut beginnt die »relative Fahruntüchtigkeit«. Wer dann noch von der Polizei bei einem Fahrfehler beobachtet wird, kommt schnell in die Bredouille, auch ohne einen großen Schaden anzurichten. Es genügt schon, beim Abbiegen den Randstein zu streifen. Kommt zu dieser Auffälligkeit innerhalb von zehn Jahren eine zweite hinzu, kann die Führerscheinbehörde eine MPU ansetzen. Sie kann, muß aber nicht. Doch wenn die Gutachten-Maschinerie erst mal angelaufen ist, heißt es für den Betroffenen nur noch: bestehen oder laufen. Rechtliche Schritte sind nicht möglich, ohne Idiotentest geht dann gar nichts mehr. Ob Vorbereitungskurse dabei eine Hilfe sein können, steht angesichts all der Scharlatane, die sich in diesem Gewerbe tummeln (siehe Interview), in den Sternen. Und die deutet Psychologe Merz auf gar frohnatürliche Art: »Immerhin bietet die MPU einem auffällig gewordenen Fahrer die Chance zu beweisen, daß er doch fahrtüchtig ist.“

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