Menschen und Motorräder: Vielfahrer (Archivversion)

Immer unterwegs

Ein gutes Dutzend Motorrad-Menschen, deren Jahresfahrleistungen weit jenseits des Durchschnitts liegen, haben sich im Harz getroffen. Willkommen in einer Welt, in der sich Maßstäbe verändern, Entfernungen nichts sind und Erfahrungen essentiell.

Wie ist das möglich? Sitzen die Marathon-Men Tag und Nacht im Sattel, haben sie kein Zuhause? Doch, ein sehr schönes sogar. Das beweist XT-Treiber Thomas Andres, der zusammen mit Freundin Doris Bode die anderen Kilometerfresser nach Duderstadt eingeladen hat, zur Herbsttour im Harz. Ins nördlichste deutsche Mittelgebirge also. Die Gruppe aus einem guten Dutzend Motorrädern passiert die Rhumequelle, eine der ergiebigsten Quellen Europas. Anhalten? Nicht bei „Familie Vielfahrer“. Auch den Motorradtreff an der Rappbode-Talsperre lässt Tourguide Thomas noch links liegen. Fahren, fahren, fahren.

Erst am nächsten Treff, dem „Torfhaus“, stoppt er. Nicht weit davon, genau hinter der ehemaligen innerdeutschen Grenze, erhebt sich der majestätische Brocken, höchster Berg im Harz. Pause, Zeit zum Benzin reden. Christian Stalter erzählt von seiner Reise in den Orient. Abends wird er Dias dazu am Lagerfeuer zeigen. Peter, der erfahrene BMW-Schrauber, der seine K 100 bereits 1984 in die DDR importierte, findet es „verdammt mutig, mit solch einer Maschine in die Taiga zu fahren – vollgestopft mit Schnickschnack und Elektronik.“ „Wieso“, entgegnet Christian, „das haben mir doch genug Leute vorgemacht.“ Er ist ein „Country-Counter“, sagt stolz, dass seine BMW R 1150 GS bislang 46 Länder unter die Räder genommen hat. Es sollen mehr werden. „Mir fehlen nur noch sechs Länder in Europa.“ Länder sammeln als Fahr-Philosophie. „Obelix“ hat er seine GS getauft. „So muss die auch heißen, bei dem bauchigen Tank“, kommentiert Peter das 41-Liter-Spritfass von Touratech trocken.

Weiter geht‘s. CBX-Treiber Jürgen, der „verrückte Franke“, ist mit seinem Sechszylinder wie verwachsen, fährt super. „Mein Baby“ nennt er das Sechs-Zentner-Trumm. Fürs Putzen und Polieren der 25 Jahre alten Honda hat er eine besondere Taktik entwickelt: „Mit einer Klobürste – einer ungebrauchten natürlich – kommt man prima zwischen Krümmer und Kühlrippen.“ Sechs Stunden können seine Putz-Orgien durchaus mal dauern. Aber was ist das schon im Vergleich zur notwendigen Fahrzeit für 636000 Kilometer?

Mittagspause am Hexentanzplatz in Thale. Manfred Möller stößt zur illustren Truppe. Auf der Anreise hatte seine Honda XRV 650 bei Kilometerstand 480000 gestreikt. „Der Regler war defekt, die Batterie kochte.“ Also Rücktransport organisieren und die Elektrik richten. Der letzte Trip mit seiner Africa Twin, mit der er schon oft auf dem Schwarzen Kontinent war, führte im Februar 2008 auf 8000 Kilometern durch Südamerika: Chile, Argentinien, Bolivien, Peru, Pässe bis 5100 Meter Höhe. „Für die Reise dorthin stand die Honda 13 Wochen auf dem Schiff.“ Deshalb musste in Europa Manfreds KTM 950 Adventure öfter ran. Die meisten Vielfahrer besitzen mehrere Maschinen, unglaublich bei diesen Laufleistungen.

Der 19-Jährige Jannik Lorenz behielt trotz Neukaufs einer Honda CBR 600 seine 125er: „Die ist jetzt mein Heiligtum.“ Verständlich nach 51300 Kilometern in drei Jahren mit einem Achtelliter Hubraum. Gunter hat 400000 Kilometer auf insgesamt vier Yamaha TR1 abgerissen. Die erste steht abgemeldet mit 303000 Kilometern im Wohnzimmer. Diejenige, mit der er hier und heute unterwegs ist, musste er mit einem Motor und einer Schwinge aus dem Ersatzteil-Regal bestücken. „Seither erfüllt sie mein Kriterium von Kilometerfressen nicht mehr“, sagt Gunter. Andreas Gottschalk fährt neben seiner Kawasaki Z 750 noch eine Yamaha SR 500 und eine XJ 900 S. Kommentar von „Eisenarsch“ Erich: „Ich habe nur einen Hintern, also auch nur ein Motorrad“. Er bringt es auf eine gute Million Motorrad-Kilometer, die Gruppe auf deren viele.

Volker Löcken pilotiert sein Vmax-Gespann teils in zackigem Drift. Je östlicher, desto wilder wirkt der Harz. Das Kontrastprogramm folgt an den Höhleneingängen von Rübeland, dort ist touristisch der Teufel los. Volker nennt unter anderem noch eine Yamaha TX 750 und XS 1100 sein Eigen. An der 1100er musste er kurz vor seiner zwölften Reise zur TT mal eben den kompletten Zylinderkopf wechseln. Und sorgt sich um ein immer größer werdendes Problem der Youngtimer in Dauer-Erprobung: „Die Ersatzteile werden knapp!“

Erinnerungen an die deutsch-deutsche Vergangenheit ebenfalls. Junge Birken überwuchern als grünes Band den einstigen Todesstreifen entlang der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Stopp an einem Wachturm bei Bartolfelde, von dem aus bis 1989 die DDR „beschützt“ wurde.

Ihn hat der einheimische Bandit-1200-Fahrer Fredi Willig gekauft, um ihn vor dem Abriss zu bewahren. Zum Gedenken: „Wir haben doch als Kinder immer an der Grenze gestanden.“ Westlich, versteht sich. Peter Hanke hingegen kennt die andere Seite, tat Mitte der 60er Zwangsdienst bei den DDR-Grenztruppen. Am Abend stößt Bruno Just mit seiner 1986er-Honda VFR 750 dazu, 770 Kilometer für nur eine Nacht. Ein Klacks für den V4, der schon über 465000 Kilometer gelaufen ist. Für seinen Fahrer sowieso.
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Vielfahrer und ihre Motorräder (Archivversion)

Christian Stalter, 40 Jahre, Rechtsanwalt, Motorrad: BMW R 1150 GS, EZ 4/2000, 222031 Kilometer. Christians Kuh ist „leider nicht weißblau“, dennoch taufte er sie „Obelix“. Mit ihr (ihm?) hat er bereits 46 Länder bereist, bis in den Iran: „Mein Ziel ist es, schon bald alle Staaten Europas mit dem Motorrad erfahren zu haben.“

Siegfried Donath, 74 Jahre, Rentner, Motorrad: BMW K 75, EZ 3/1994, 891835 Kilometer. Rechnerisch hat „Siggi“ mit seiner Dreizylinder-BMW bereits mehr als 22 Mal die Erde umrundet. Nicht etwa auf Fernreisen, sondern fast ausschließlich auf Tagestouren durch Taunus, Eifel, Odenwald und Rhön. Er war vierzehneinhalb Jahre lang mehr oder weniger tagtäglich unterwegs, somit statistisch rund 170 Kilometer pro Tag. „Das hat sich einfach so ergeben, ich hatte ja nicht das Ziel, viele Kilometer zu sammeln“, meint der extrem fitte Rentner dazu. lapidar.

Thomas Andres, 45 Jahre, Maschinenbau-Techniker, Motorrad: Yamaha XT 500, EZ 4/1983, 193873 Kilometer. Die XT hat „Speedy“ seit 25 Jahren, nun mit 25-Liter-Tank und drittem Kolben. Seit dem 26. Dezember 2008 erfüllt sie ihm einen Traum, bei der Paris-Dakar-Jubiläumsfahrt für XT 500. „Womit denn sonst?“

Jannik Lorenz, 19 Jahre, Abiturient, Motorrad: Honda CBR 600 RR, EZ 5/2008, 10900 Kilometer. Jannik muss wegen des Stufenführerscheins „bis Ende Juni 2009 leider noch gedrosselt“ fahren: Ein Anschlag an den Drosselklappen begrenzt den Weg des Gaszugs auf wenige Millimeter und die Leistung auf 34 PS. Trotzdem kamen auf reinen Tagestouren 10900 Kilometer in nur gut vier Monaten zusammen. In den drei Jahren zuvor spulte Jannik 51300 Kilometer auf eine 125er-CBR .

Peter Hanke, 64 Jahre, Rentner, Motorrad: BMW K 100, EZ 9/1983, 248667 Kilometer. Der „BMW-Papst“ aus Ost-Berlin kaufte seine K 100 im Jahr 1984, als DDR-Bürger unter abenteuerlichen Umständen (MOTORRAD 9/2008). Bis 1989 bereisten Peter und seine Frau Beate zwangsläufig den Ostblock, heute gerne Südeuropa. Der gelernte Karosserieschlosser „diente Mitte der 60er Jahre selbst an der innerdeutschen Grenze“.

Erich Zimmermann, 46 Jahre, Lkw-Fahrer, Motorrad: BMW R 1200 GS, EZ 3/2007, 130415 Kilometer. Der Ex-Fahrlehrer hat über 1,2 Millionen Kilometer Motorrad-Erfahrung. Allein auf seiner 1200er-GS brachte es „Bonsai“, so lautet der Spitzname des 1,69 Meter kleinen Südbadeners, binnen 18 Monaten drei Mal um die Erde! Erich hat seine BMW mit einer vier Zentimeter niedrigeren „Zwergensitzbank“ von Touratech bestückt. Er tourt gerne durch Mittelgebirge („die Alpen sind mir zu voll“), aber auch bis ins Baltikum oder nach Spanien.

Jürgen Hereth, 45 Jahre, CNC-Fräser, Motorrad: Honda CBX 1000, EZ 7/1983, 636044 Kilometer. Auf der Tour zum Sechszylindertreffen „hinter dem Polarkreis“, 7511 Kilometer in zweieinhalb Wochen, hatte er 3000 Kilometer lang nur Regen. Trotzdem fährt er stets nur in Leder, „ganz ohne Gummipellen“.

Andreas Gottschalk, 46 Jahre, Fahrlehrer, Motorrad: Kawasaki Z 750 L2, EZ 6/1983. 356551 Kilometer. Die tourentauglich aufgepeppte 750er wartet Andreas komplett selbst. Alle 10000 Kilometer spendiert er der Kawa, die er vor 25 Jahren neu gekauft hat, frisches Öl und kontrolliert das Ventilspiel: „Über die Ist-Werte und die gewechselten Shims führe ich Buch.“

Der „100000-Kilometer-Klub“ (Archivversion)

Mehr als 100000 Kilometer auf das eigene Motorrad abgespult? Prima! Dann kann man sich unter www.transeurope.de im „100000-Kilometer-Klub“ registrieren und verewigen lassen. Oder auch im 200000er, 300000er und so weiter. Es handelt sich dabei also nicht um Klubs im klassischen Sinn, sondern um eine lose Liste. Diese haben Christian Stalter (oben links) und seine Lebensgefährtin Ursula Pfleger auf ihrer privaten, nicht kommerziellen Website eingerichtet. Rein virtuell ist die Sache nicht, von Zeit zu Zeit treffen sich die gelisteten Vielfahrer auch mal zum Erfahrungsaustausch, über alle Marken und Typen hinweg.

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