Milward, Simon: Interview zu Euro-Gesetzen (Archivversion)

Interview und Kommentar

Simon Milward, 31, Generalsekretär der Federation of European Motorcyclists (FEM) zu Euro-Gesetzen

? Simon, welche wichtigen Entscheidungen fallen gerade in Brüssel?Derzeit wird um die Mehrfachrichtlinie gestritten, die einen Teil der Grundlage für die europaweite Betriebserlaubnis von Motorrädern legt. Vor Januar 1997 fällt keine Entscheidung. Wir wollen durch Lobbyarbeit unnötige bürokratische Regelungen minimieren, damit Motorradfahren auch morgen noch Spaß macht. ? Was droht den Motorradfahrern beim Anti-Manipulationskatalog, der zur Mehrfachrichtlinie gehört?Bestimmte Original-Bauteile von Motorrädern über 15 PS - zum Beispiel Vergaser und Zylinderkopf - sollen mit Nummern gekennzeichnet werden. Aber Nachrüstteile werden nicht markiert. Das öffnet Tür und Tor für die totale Verwirrung. Wenn die Polizei die Markierungen kontrolliert und der Fahrer einen anderen Vergaser eingebaut hat, dann könnte es passieren, daß die Polizei sein Bike einzieht. Deshalb kämpfen wir gegen die Kennzeichnungspflicht für Original-Bauteile. ? Was habt Ihr gegen die Reifenbindung einzuwenden?Die deutsche Regierung will die Reifenmarke auch für Nachrüstreifen festschreiben. Die Hersteller behaupten, das geschehe aus Sicherheitsgründen. Aber das Europäische Parlament glaubt, eine technische Spezifikation genüge, also die Festlegung von Größe und Art der Reifen. Als Motorradfahrer haben wir nichts gegen eine Reifenempfehlung, aber viel gegen eine Vorschrift. Die widerspricht definitiv dem Konzept des freien Marktes. ? Ein dritter großer Streitpunkt sind die Geräuschlimits. Welchen Standpunkt vertretet Ihr?Wir halten 82 Dezibel (A) bei den Neuzulassungen für absolut akzeptabel. 93 Prozent des Europäischen Parlaments haben uns hier zugestimmt. Aber die Kommission will die gültigen deutschen Werte, also 80 Dezibel. Und der Europäische Rat vertritt gar 78, 5 Dezibel. Die Produktion von Motorrädern mit luftgekühltem Motoren, die wir erhalten wollen, wäre dann ernsthaft gefährdet. Die europäischen Bürokraten sollten sich besser auf illegale Auspuffsysteme konzentrieren.
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Milward, Simon: Interview zu Euro-Gesetzen (Archivversion)

Die Länge und die Krümmung von Bananen und Gurken wurden genormt, um die Verbraucher zu schützen. Aber Motorradreifen müssen künftig nur noch auf die Felge passen, weil das Prinzip des freien Marktes geschützt werden muß. Das ist kein Witz, denn geht es nach dem Willen einiger EG-Abgeordneten, bleibt die Reifenwahl bald jedem selbst überlassen. Von der FEM, die ansonsten meist gute Arbeit leistet, hätte ich dazu ein heftiges Veto erwartet, doch statt dessen verfällt sie in einen blinden Anti-Vorschriften-Aktionismus.Bisher entscheiden die Motorradhersteller, ob sie die Reifenwahl dem Kunden überlassen - dann ist nur die im Fahrzeugbrief angegebene Größe verbindlich - oder ob nur freigegebene Reifen montiert werden dürfen. Und das aus gutem Grund, denn im Gegensatz zum Pkw hat beim Motorrad der Reifen ganz entscheidenden Einfluß auf das Fahrverhalten. Mit anderen Pneus wird ein gutmütiges Motorrad oftmals ein widerspenstiger Esel, manchmal unbeherrschbar. Deshalb arbeiten Motorrad- und Reifenhersteller immer enger zusammen, immer häufiger entwicklen sie ihre Produkte gemeinsam.Sollte demnächst nur noch der Reifen auf die Felge passen müssen, werden auch Billiganbieter auf den »freien« Markt drängen. Ein Preiskampf auf Kosten der Qualität und letztlich der Sicherheit aller Motorradfahrer ist die Folge. Wer schützt uns eigentlich vor den Schnapsideen der Brüsseler Eurokraten?

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