Modellversuch Notärzte auf zwei Rädern (Archivversion)

Medizinal-Krad

Motorräder sind wendiger als Autos. Vor allem in Staus oder überfüllten Innenstädten. Dachten sich einige Mediziner und testeten Kräder als Fahrzeuge bei der Erstrettung. Bringen zwei Räder Notärzte schneller zum Patienten?

»Ein Mann liegt leblos da, der Notarztwagen steckt im dichten Verkehr fest. Ich schlängele mich auf meiner BMW R 1100 GS durch den Stau und stelle einen Herzkreislauf-Stillstand bei dem Mann fest. Ich schaffe es, ihn zu reanimieren. Der Notarzt kommt erst eine Viertelstunde später.« Jahre ist dieser Vorfall schon her, aber den Neurologen und Psychiater Dr. Hermann Munzel hat die Idee nicht los gelassen: »Motorräder sind flexibler als Autos und helfen deshalb, Leben retten. Droht Herzversagen bei einem Patienten, zählt jede Minute.«Ganz ähnlich dachten einige motorradfahrende Mediziner, die voriges Jahr einen Förderverein mit dem sperrigen Namen »Notarzt-Einsatz-Motorrad (NEM) 2000« gründeten. Gleich drei R 1100 RT samt Fahrerausrüstung und Training, Funkanlagen und Behördenausstattung besorgte BMW den Motorradfreaks. Ihr Plan: Zwei Jahre lang testen, was es bringt, wenn Notärzte kradeln. Vorbild waren Rettungssanitäter und Stauberater auf Motorrädern, die inzwischen für so unterschiedliche Vereine wie ADAC, Johanniter oder Arbeitersamariterbund in den Sommermonaten über Landstraßen und Autobahnen patrouillieren, um Erste Hilfe zu leisten oder Spielzeug an Kinder zu verteilen. Im März 1998 lieferte BMW das erste Motorrad fürs Modellprojekt. Doch zunächst geschah nichts, weil Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bikende Mediziner kategorisch ablehnten. Im Rettungsdienstgesetz seien alle geeigneten Fahrzeuge aufgezählt, so der Landesverband Niedersachsen des DRK. »Daneben besteht für den Einsatz des NEM kein Bedarf.« Auch Behörden in anderen Bundesländern stellten sich quer. Trotzdem blieb der Förderverein hartnäckig. Munzel: »Deutschland hat ein gutes Rettungssystem. Wir wollen aber trotzdem zeigen, was das Motorrad als Ergänzung zum Bestehenden kann und Zahlen liefern.« Seit vier couragierte Ärzte – zusammen mit einigen DRK-Verbänden - dieses Jahr im pfälzischen Pirmasens, in Weyhe bei Bremen und Oberau in Bayern Krad-Einsätze abspulen, sind die ersten Fakten bekannt: Bei einer Entfernung von weniger als acht Kilometern ist der Mediziner im Auto in kleinen Städten und auf dem flachen Land schneller am Ziel. »Der Arzt muss aus dem Kittel raus und in die Kombi rein«, erklärt Munzel. Das dauert: »Im Auto bin ich nach durchschnittlich 47 Sekunden einsatzbereit, mit dem Motorrad brauche ich zwei Minuten und 16 Sekunden«, berichtet Dr. Karlheinz Schneider aus Pirmasens. »Einen klaren Zeitvorteil habe ich nur bei dichtem Verkehr«, bestätigt auch Dr. Rainer Hoffmann, leitender Notarzt in Oberau. Bewährt hat sich die BMW bei großen Veranstaltungen. Dr. Schneider: »Wenn viele Einsatzfahrzeuge, Zuschauer und Helfer unterwegs sind, ist das Motorrad aufgrund seiner Mobilität ganz hervorragend«, lobt der Anästhesist und Notarzt. Trotz dieser positiven Seiten ist der Widerstand gegen das Projekt groß. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Notärzte hält nichts vom Krad: »Für die Versorgung am Notfallort benötigt der Arzt unbedingt einen qualifizierten Notfallhelfer«, so der stellvertretende Vorsitzende Professor Peter Sefrin. Den Einwand versteht Dr. Hoffmann. »Sicher ist wünschenswert, dass immer ein Sanitäter dabei ist. Aber ich fahre auch im Wagen allein«, sagt er. Genau wie die anderen niedergelassenen Ärzte, die sich am Krad-Versuch beteiligen und von ihrer Praxis aus starten. Ob Notarzt im Auto, Hubschrauber oder auf dem Motorrad, ein Rettungswagen samt Sanitäter am Steuer kommt im sogenannten Rendezvous-Verfahren immer noch dazu. An das Selbstfahren, wegen Stressbelastung und Gefährdung beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat verpönt, haben sich die vier gewöhnt. »Obwohl am Anfang reichlich Adrenalin fließt«, sagt Dr. Schneider. »Aber jetzt klappt es sehr gut«, ergänzt Dr. Jens Wölkner aus Weyhe. »Und wenn du am Einsatzort bist, ist die Hinfahrt abgehakt.« Dann zählt der Patient. Die notwendigen Geräte zur Notfallmedizin passen in zwei Packtaschen: Stethoskop, Defibrillator zum Wiederbeleben, Blutdruckgerät und EKG-Gerät zum Messen des Herzschlags sowie Spritzen, Medikamente und Kanülen. »Von der Ausstattung her ist das ausreichend«, meint Wölkner. »Oft geht es nur darum, den Kreislauf des Verletzten zu stabilisieren und ihn möglichst schnell ins Krankenhaus zu bringen.« Das übernimmt ein Rettungswagen. Besteht Lebensgefahr, fährt der Arzt mit - das Motorrad bleibt stehen. In Weyhe wollten Rentner leidenschaftlich gern die BMW von jedem Einsatz zurückbringen. »Das hat uns natürlich gefreut. Auch dass die Bevölkerung Ärzte auf Motorrädern durchweg akzeptiert«, berichtet Wölkner. In Berlin will demnächst ein weiterer Notarzt auf Krad durchstarten. Dr. Hoffmann: »Für Großstädte in der Rush-hour ist das Motorrad ideal.« Und als Einsatz-Leitfahrzeug bei großen Veranstaltungen, findet Dr. Schneider: »Bei Open-Air-Konzerten, Sportevents und Stadtfesten, wo es wirklich eng zugeht, gibt´s nichts besseres als das Krad.«
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In Holland möglich: Rettungssanitäter mit Motorrädern
»Wir sind im Schnitt 1,76 Minuten schneller als ein Auto.« Darauf ist Ron van den Berg stolz. Der holländische Rettungssanitäter gehört zu einem Team von sechs Leuten, die täglich in Den Haag auf zwei BMW R 1100 RT und einer Honda ST 1100 Streife fahren. »Eine Minute braucht das Personal der stationierten Krankenwagen allein schon, um auszurücken.« Seit April 1999 sind die Sanitäter auf Motorrädern Teil des regulären Rettungssystems. Zu Beginn des Pilotprojektes, das zwei Jahre dauerte, überwogen jedoch die Schwierigkeiten. »Wir sind alle mindestens fünf Jahre im Notfalldienst gewesen, für den in Holland hauptsächlich Sanitäter und nur wenige Ärzte verantwortlich sind. Aber auf dem Motorrad mussten wir wieder von vorn anfangen.« Ein 14-tägiges Sicherheitstraining bei der Polizei schuf die Basis. »Es ist wirklich gefährlich, in einer Stadt schnell mit Blaulicht allein unterwegs zu sein.« Riskanter als im Krankenwagen, der mit zwei Mann besetzt ist - vier Augen sehen mehr als zwei. Sanitäter auf dem Motorrad müssen sich vor dem Losfahren den Weg einprägen. Und schlechtes Wetter macht den Job als Einzelkämpfer noch anstrengender. Bei Eis und Schnee bleiben die Bikes zwar stehen. »Aber dieses Jahr gab es nur vier Tage, an denen wir nicht gefahren sind.« Anfangs waren die Kollegen erbost. »Die Besatzungen der Rettungswagen haben geglaubt, wir nehmen ihnen den Job weg.« Inzwischen funktioniert eine Art Arbeitsteilung: Sobald ein Rettungswagen eintrifft, übernimmt dessen Personal. Die Biker assistieren. Bei Großeinsätzen koordinieren dagegen die Motorradfahrer alle anderen. Die Vorteile: Jedes Auto steht für den Krankentransport zur Verfügung. Die Leitung übernehmen immer die gleichen, darin erfahrenen Motorrad-Sanitäter. Van den Berg: »Wir wollen die Vorteile der einzelnen Fahrzeuge optimal nutzen. Dabei hängt alles von Teamarbeit und Kommunikation ab. Auch die eigene Sicherheit. Wenn ich wegen Verletzten zu einer Schiesserei gerufen werde, will ich nicht ankommen, solange die noch ballern.«

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