Moto Cross der Nationen in Belgien (Archivversion)

Land und Beute

Fette Beute beim Länderkampf der Moto Crosser. Die Belgier entthronten die US-Piloten und Pit Beirer sorgte für eine Sensation.

Über 600 Jahre hatte das Leben im belgischen 1000-Seelen-Örtchen Nismes, etwa 40 Kilometer südlich von Charleroi gelegen, in dem in dieser Gegend eben etwas gemütlicheren Rhythmus pulsiert. Und ebenso lange konnten die grauen Steinhäuser mit ihren spitzen, schiefergedeckten Dächern doch zumeist nur vom kargen Dasein der Forstarbeiter der waldreichen Region Fagnes erzählen - bis zu jenem Tag Mitte September. In nicht weniger als 31 Tausendschaften waren die Off Road-Fans angerückt, um auf dem Bergrücken am Ortsrand ein Wochenende lang das Fest der Feste zu feiern: Moto Cross der Nationen.Das Festprotokoll ist einfach. Jedes Land entsendet seine drei besten Crosser, einer auf einem 125er Untersatz, einer auf der 250er und - neu bei der 1997er Auflage - einer in der sogenannten Open-Klasse auf einem Motorrad mit frei wählbarem Hubraum statt der bislang obligatorischen 500er. Nach drei Läufen dürfen für die punktbesten Teams die Korken knallen. Doch eigentlich hätte zumindest den europäischen Stollenfreaks längst die Feierlaune vergehen müssen. Insgesamt 14 Mal hatten die Amerikaner in den letzten 16 Jahren den Tag der Tage zu dem ihren gemacht. Und erst die mühsam erkämpften Siege des englischen und belgischen Teams 1994 und 1995 ließen die Europäer den Glauben an sich wiederfinden.Zumal die ranghohe Auswahl der Titelverteidiger mit Ex-US-125er Meister Steve Lamson, dem amtierenden 250er Supercross- und Outdoor-Champion Jeff Emig und dessen Outdoor-Vize John Dowd schon bei der Streckenbesichtigung in Nismes schmollte. Steinübersäter, knüppelharter Boden, tückische, nach außen abfallende Kurven und ein übereifriger Pistenchef, der den Kurs vor den Rennen in ein Meer aus Morast verwandelte, sorgten für ernste Minen bei den traktionsreiches Geläuf gewohnten US-Jungs. Und auch der Blick ins dichtgedrängte Publikum ließ nur wenig moralischen Beistand erhoffen. Kaum zwei Handvoll Sternenbanner trieben im Meer der schwarz-rot-goldenen belgischen Nationalflaggen so hilflos wie ein Schlauchboot im Ozean. An dem die Europäer sich schon im ersten Lauf mit messerscharfen Klingen zu schaffen machten. Der Brite Kurt Nicoll auf der 360er KTM verdonnerte Mister Emig zu Platz zwei und Steve Lamson verkrümelte sich nach einem Sturz und Platz 21 vorab schon unter Deck. Mit Platz drei von 500er Weltmeister Joel Smets zeigten auch die Gastgeber schon mal kräftig Flagge. Welche die belgischen Fans von Stund an in Probleme wegen der Trageweise ihrer Tricolore bringen sollte. Denn ob vertikal oder horizontal, Schwarz-Rot-Gold avancierten spätestens ab dem zweiten Lauf zu den Trendfarben des Tages. Wenn die Vertreter der herkömmlichen Halteart auch wiederum mit Joel Smets und 250er Star Stefan Everts in beiden weiteren Läufen prächtige Resultate ablieferten, so überzeugte mit Sicherheit ein Mann so manch flämischen oder wallonischen Fan dennoch zur 90-Grad-Wende: Pit Beirer.Der 24jährige Deutsche, der mit seinem dritten Platz in der aktuellen 250er WM ein neues Kapitel in der deutschen Moto Cross-Geschichte aufschlug, schrieb auch seinen Auftritt auf allerhöchster Bühne in Nismes mit goldener Feder. Während sich Belgien, Italien und die Briten wie hungrige Aasgeier um das nach einem technischen Ausfall von John Dowd in Lauf zwei endgültig preisgegebene Erbe der Amerikaner stritten, donnerte der blonde Honda-Pilot mit einem noch nie dagewesenen Auftritt zu zwei völlig überlegenen Laufsiegen. Wobei sich die Scharen internationaler Fans, die fortan den Beirer´schen Renntransporter im Fahrerlager belagerten, ohnehin im angenehmen Ambiente aufhalten durften. Mit VIP-Zelt und sympathisch-engagierter Organisations-Crew präsentierte sich die deutsche Equipe in allerbestem Licht. Was im Grunde genommen auch für Pits Teamkollegen zutraf. Jochen Jasinski brillierte mit seiner 125er Yamaha auf Platz 13 vor allem im Schlamm des ersten Laufs, und Bernd Eckenbach schlug sich in Lauf drei mit seiner Halbliter-Kawasaki zwar nur um Platz fünfzehn, was beim hochkompetitiven Nationencross aber immerhin die unmittelbare Gesellschaft von Koryphäen wie dem Sieger des ersten Laufs, Kurt Nicoll, Ex-Weltmeister Shayne King oder sogar Jeff Emig bedeutete. Und so durften zumindest für die Siegerehrung auch einmal die Beirer-Fans ihre Fahnen drehen. Denn so eindeutig, klar und vor allem fahrerisch verdient hatten die Europäer, sprich in diesem Jahr die Belgier, bei einem Nationen-Cross noch nie die Amerikaner bezwingen können. Mit den ebenfalls brillierenden Italienern und Engländern könnte die Durststrecke der US-Crosser zudem noch eine ganze Weile anhalten. Auch wenn die US-Jungs auf den nächsten Sieg sicher etwas kürzer warten müssen als Nismes auf ein weiteres Nationen-Cross. Denn nach der erwähnten Streckenflutung, schikanöser Zuschauerbehandlung und horrenden Eintrittspreisen wird das wallonische Dorf wohl nie mehr für dieses Groß-Cross berücksichtigt werden.
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Moto Cross der Nationen in Belgien (Archivversion)

McGrath zu YamahaCross-Legende Jeremy McGrath, sechsfacher US-Supercross-Meister auf Honda und in dieser Saison überraschend auf Suzuki umgestiegen, wechselt wieder die Marke. In seinem von privaten Sponsoren finanzierten Team werden künftig Yamaha-Werksmaschinen eingesetzt.Bolley zu HondaNeuer zweiter 250-cm³-Honda-Werkspilot neben Weltmeister Stefan Everts wird der bisherige französische Kawasaki-Werksfahrer Frédéric Bolley.Suzuki bleibtVizeweltmeister Marnicq Bervoets und Werner Dewit bleiben auch 1998 die beiden Aushängeschilder des 250er Suzuki-Werksteams.

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Ergebnisse1. Lauf (125 cm³/Open)1. Kurt Nicoll (GB) KTM, 2. Jeff Emig (USA) Kawasaki, 3. Joel Smets (B) Husaberg, 4. Darryll King (NZ) Husqvarna, 5. Andrea Bartolini (I) Yamaha...13. Jochen Jasinski (D) Yamaha, 25. Bernd Eckenbach (D) Kawasaki;2. Lauf (125 cm³/250 cm³)1. Pit Beirer (D) Honda, 2. Stefan Everts (B) Honda, 3. Alessio Chiodi (I) Yamaha, 4. Joakim Karlsson (S) Honda, 5. Frédéric Vialle (F) Yamaha...17. Jasinski;3. Lauf (250 cm³/Open)1. Beirer, 2. Karlsson, 3. Everts, 4. Frédéric Bolley (F) Kawasaki, 5. Joel Smets (B) Husaberg...15. Eckenbach;Nationen-Wertung1. Belgien (Marnicq Bervoets Suzuki 125, Stefan Everts Honda 250, Joel Smets Husaberg 600) 28 Punkte, 2. Italien (Claudio Federici Husqvarna 125, Alessio Chiodi Yamaha 250, Andrea Bartolini Yamaha 400) 31, 3. Großbritannien (James Dobb Suzuki 125, Marc Eastwood Honda 250, Kurt Nicoll KTM 360) 34...6. Deutschland (Jochen Jasinski Yamaha 125, Pit Beirer Honda 250, Bernd Eckenbach Kawasaki 500) 47...8. USA (Steve Lamson Honda 125, John Dowd Yamaha 250, Jeff Emig Kawasaki 250) 61.

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