Moto Cross der Nationen in Brasilien (Archivversion) Land und Beute

Ein einziges Mal im Jahr zählt für Moto Crosser das Wir mehr als das Ich - beim Moto Cross der Nationen. MOTORRAD begleitete die deutsche Equipe auf ihrem Trip nach Brasilien.

Die Szene erinnert an einen Schulausflug: Seid ihr alle da? Jeder bekommt von Teamchef Peter Junge sein Flugticket in die Hand gedrückt. Frankfurt – Sao Paulo. Jochen Jasinski, Mechaniker Rolf, Bernd Eckenbach, Schrauber Massimo. Nur Pit Beirer fehlt. Der Junge vom Bodensee fliegt ab Zürich. Moto Cross der Nationen – der stollenbereifte Einsatz fürs Vaterland. Für viele Fans der Höhepunkt der Saison. Wichtiger noch als die Einzel-WM. Die Besten der Besten gegeneinander. Drei Fahrer pro Nation. Einer auf einer 125er, einer auf einer 250er, einer auf einem 500er-Bike. Drei Läufe: 125er gegen 500er, 125er gegen 250er und 250er gegen 500er. Die besten fünf Ergebnisse zählen. Das Gastgeberland wechselt jährlich. Die Sieger mittlerweile auch. Von 1981 bis 1993 dagegen schien die Festung USA 13 lange Jahre uneinnehmbar. Erst seit die neue Generation der Euro-Crosser am Gasgriff dreht, bröckeln die Mauern. Drei Mal holte Belgien die Lorbeeeren, ein Mal die Engländer und ein Mal noch ergatterten die Amerikaner seitdem den großen Pott. Auch in diesem Jahr dürften diese Vier den Kuchen unter sich aufteilen. Belgien mit dem nach seiner langwierigen Knieverletzung stärker denn je fahrenden vierfachen Weltmeister Stefan Everts und Dreifach-Champion Joël Smets als Zugpferde. Frankreich mit den drei Musketieren David Vuillemin, Sébastien Tortelli und dem neuen 250er-Weltmeister Frédéric Bolley. Die USA sowieso. Mit dem erst 19-jährigen 125er-As Ricky Carmichael, 250er-US-Vizemeister Kevin Windham und dem erfahrenen Kämpfer Mike LaRocco entsandten die Yankees ihre allererste Garde. Quasi als Joker traten die Italiener an. Mit dem Glanz zweier frischgekrönter Weltmeister, Alessio Chiodi und Andrea Bartolini samt 125er-Vize Claudio Federici. Der Rest spielt in der zweiten Liga. Auch die Deutschen. Rang fünf gilt als realistisches Ziel – wenn alles glatt läuft.Doch vorerst gilt es, banalere Probleme zu lösen. Hat jeder seinen frisch in Schwarz-Rot-Gold lackierten Helm dabei? Na klar doch. Und die Trikots? Die soll das finnische Team mitbringen. Druckfrisch. Die Skandinavier sitzen im selben Flieger. Statt den bestellten sechs gibt´s aber nur drei Hemden pro Nase. Soll zwar ein Nachspiel haben, tröstet aber kaum bei der voraussichtlichen Handwäsche. Es wird schnell leise auf den Achter-Reihen in der Boeing. Zwölf Stunden Zwangsruhe haben auch ihr Gutes. Für Jochens bei einem Inter-DM-Lauf verstauchtes Genick. Für Bernds Psyche nach dem Dauerknatsch mit Arbeitgeber Husqvarna. Und Pit arbeitet im Swissair-Ambiente sicher noch immer seine unglückliche persönliche WM-Historie nach dem verlorenen 250er-Titelkampf auf. Dennoch, andere Nationen müssen zu Hause träumen. Der Trip um den halben Globus nach Indaiatuba, einem Städtchen etwa 100 Kilometer nordwestlich von Sao Paulo, geht an die pekuniäre Substanz. Dänemark, Neuseeland, Österreich, Schweden, Südafrika, Tschechien und die Schweiz verzichten auf den summa summarum gut 40000 Mark teuren Ausflug.24 Stunden später, Freitagmittag. Ortstermin Indaiatuba. Nix Naturpiste im brasilianischen Regenwald, nix High-Speed-Strecke auf den südamerikanischen Pampas. Stattdessen Urban-Cross total. Ein Schulungszentrum von Honda im Industriegebiet. Die Piste in den angrenzenden Wiesenhang planiert, das Fahrerlager auf dem asphaltierten Firmenparkplatz. Pro Nation ein Zelt, ein Tisch, sechs Stühle, eine Flagge – und zwei Kisten. Die Husky von Bernd steckt noch im Zoll. Fast jedes Team vermisst noch ein Motorrad. Am Abend soll der Rest eintreffen. Hoffentlich. Nächster Tag. Bernds Mechaniker Massimo klingelt die Truppe aus den Betten. Sieben Uhr Frühstück, acht Uhr stehen alle wieder im Fahrerlager. Gott sei Dank, die dritte Kiste ist da. Eine Stunde klappern die Schraubenschlüssel, dann stehen die drei Maschinen rennfertig parat. Nur die Benzinkanister von Jochen fehelen noch immer. Macht nichts – Teamgeist macht sich breit. Mein Sprit ist dein Sprit.Die zwangsläufig offene Atmosphäre unter den Sonnendächern fördert die Kommunikation. Nur die Argentinier nebenan sind vor Aufregung sprachlos. Es ist ihr erstes Nationencross überhaupt. Das Camp der Amerikaner wird wie immer von dicken Menschentrauben umringt. Bei den Franzosen wird permanent gekichert. Bei 250er-Weltmeister Bolley vielleicht Galgenhumor. Der junge Mann aus Marseille hat im meisterlichen Überschwang für die nächste Saison gleich drei Verträge unterzeichnet. Der Kontrakt mit dem bisherigen Teamchef Dave Grant verlängerte sich im Erfolgsfall automatisch um eine Saison. Nur wird die Truppe im nächsten Jahr samt Ex-Weltmeister Everts zu Husqvarna in die 500er-WM wechseln. Für Bolley eine Horror-Vorstellung. Sein Notausgang zum italienischen Freetime-Team würde den Gallier zu 250er-Werks-Yamahas führen. Doch das Schweizer Pamo-Team – das im Jahr 2000 in der Viertelliter-WM mit vollwertigem Honda-Werksmaterial versorgt wird – baut ebenfalls auf die gemachte Zusage von Monsieur Bolley. Auch die neuesten Gerüchte werden unter freiem Himmel schneller weitergetratscht. Giuseppe Luongo, der Vermarkter der Moto Cross-WM, wird die WM-Läufe ab nächstem Jahr statt auf Eurosport auf tm3 ausstrahlen lassen, dem Sender, der kürzlich auch spektakulär die Rechte an der Fußball-Championsleague erworben hat. US-Starcrosser Jeff Emig wurde von Kawasaki fristlos entlassen, nachdem er unlängst mit Marihuana erwischt wurde. Er könnte statt Bolley bei Freetime anheuern. Zigarettenhersteller Winfield gibt das Engagement im Moto Cross auf und will sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit Mick Doohan im Straßen-GP-Bereich verbünden. Der noch ein weiteres Jahr gültige Vertrag mit dem Kawasaki-Moto Cross-Werksteam soll aber erfüllt werden. Statt Winfield könnte jedoch die aus gleichem Haus stammende Marke Lucky Strike auf dem Untersatz von Pit Beirer und seinem neuen Teamkollegen Mickael Maschio prangen.Definitiv sicher dürfte in der Saison 2001 auch der Einstieg von Honda und Suzuki in die 500er-WM sein. Namhafte Spitzenfahrer erhielten bereits Angebote für die Viertakt-Offensive der beiden Werke. Schon für nächste Saison sind vier sogenannte Triple-Header festgeschrieben. In Holland, England, Belgien und Luxemburg werden erstmals alle drei Solo-WM-Klassen an einem Wochenende über die Bühne gehen. Die Qualifikationsrennen zum Nationencross laufen planmäßig. Die Amerikaner holen sich die Pole Position vor Italien und Frankreich. Belgien ist als Titelverteidiger gesetzt. Die drei wackeren Deutschen belegen Platz fünf. Weniger wacker schlugen sich die einzigen drei deutschen Fans in Indaiatuba. Das Trio aus Chemnitz wurde am allerersten Abend in Brasilien bei einem Spaziergang von zwei angeblichern Joggern mit Messern bedroht und sämtlicher Barschaft entledigt. Ihre gute Laune durften die Sachsen offensichtlich behalten.Samstagabend gehen die Lichter früh aus. Das Training am Sonntag beginnt um halb acht Uhr, das erste Rennen der 125er gegen die 500er schon um zehn. Die Veranstalter haben die Piste über Nacht gnadenlos bewässert. Besagte Handwäsche der Trikots war für die Katz. Nach wenigen Runden sehen alle gleich braun aus. Jochen mag zwar den Schlamm, 16 andere Fahrer aber noch mehr. Im ersten Rennen peitscht Jasinski seine 125er-Honda auf Rang 17. Bernd ackert seine dicke Husqvarna auf den guten sechsten Rang vor. Andrea Bartolini brilliert mit einem Sieg, Patrick Caps verschafft mit Position 24 den Belgiern ihr erstes Streichresultat. Auch Carmichael versagt mit Rang 27. Lauf zwei: 125er und 250er. Die Piste ist abgetrocknet. Jasi verwachst den Start. Pit fällt zweimal auf die Nase. Ergebnis: Rang 28 und Rang fünf. Everts gewinnt, doch Caps bleibt wieder weit hinten auf Platz 19. Die Lage wird ernst. Auch für die Yankees. Windham wird zwar Zweiter, doch Carmichael stürzt und fällt aus. Italien hält sich mit Rang acht für 125er- Weltmeister Chiodi und Platz sechs für Bartolini bedeckt. In Heat drei überzieht bereits eine Staubwolke die spärlichen 7000 Zuschauer. Pit sattelt wieder ab und muss mit Rang zehn vorlieb nehmen, Bernd steckt mit defekter Zündkerze ganz auf. Feierabend auch für die Belgier. Zwar gewinnt Everts wieder, doch Smets scheidet mit abgerissenem Benzinschlauch aus. Die US-Boys sind sowieso aus dem Rennen. Bartolini und Federici läuten währenddessen die Premiere ein. Platz zwei und fünf reichen für den ersten Mannschafts-WM-Titel der Italiener. Die Deutschen landen auf dem mageren neunten Rang. Zwei Stunden später sind wieder alle gleich. Die erste Siegeseuphorie oder die Trauer über eine Niederlage ist verflogen, Maschinen und verschwitzte Klamotten sind längst wieder in die Kisten gestopft. Am nächsten Morgen geht der Flieger. Die Italiener freuen sich auf einen triumphalen Empfang, die Deutschen darüber, dass die Tour zum Nationencross in Frankreich nächstes Jahr zumindest billiger wird.

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