Moto Cross der Nationen in Jerez/Spanien (Archivversion) Flugrevue

Die US-Boys um Jeremy McGrath (großes Foto) hoben beim Nationen-Cross fröhlich ab. Doch die gigantischen Sprünge in Jerez waren nicht jedermanns Geschmack.

Wilhelm Busch hat zu seinen Lebzeiten nichts mit Motorradsport zu tun gehabt. Und dennoch, so scheint es, ist es ihm gelungen, die Entwicklung der Dinge sogar in diesem Metier vorherzusehen. Oder worauf anders als auf die 1996er Auflage des Moto Cross der Nationen im spanischen Jerez hätte der schrullige Dichter seine damalige Erkenntnis beziehen können: Nur die allerdümmsten Kälber, wählen ihre Schlächter selber. Denn obwohl die 13teilige Siegesserie der US-Truppe in dem alljährlich einmal stattfindenden Gipfeltreffen der Stollenbranche in den letzten beiden Jahren von den Briten beziehungsweise den Belgiern beendet worden war, blinkt den europäischen Cross-Mächten noch immer das Schlachtmesser aus dem fernen Westen entgegen. Und in Jerez sorgten schon vorab die andalusischen Streckendesigner dafür, daß die rachelüsternen US-Crosser genüßlich ihre Schneiden wetzen konnten. Mit nicht weniger als sage und schreibe 800 Lkw-Ladungen Sand verwandelten die enthusiastischen Senores nämlich nicht nur den von der südlichen Sonne knochenhart gebackenen Boden entlang den Hängen des berühmten Straßenrennkurses in eine traktionsreiche Sandpiste, sondern modelten den bislang eher konventionell ausgelegten Kurs in eine Hügellandschaft nach Supercross-Vorbild um - den sprunggewaltigen Amerikanern wie auf den Leib geschneidert. Und so kam es auf der völlig überzogenen Piste, deren Vorzeige-Sprung mit 30 Meter Weite und sechs Meter Flughöhe selbst den Allermutigsten der bei Gott nicht zart besaiteten Crosser den Atem stocken ließ, wie es kommen mußte. So viele Meister dieser Welt die mitfavorisierten Teams aus Frankreich oder Belgien auch zu bieten hatten, gegen die erdrückende Lufthoheit der Yankees nutzte weder Kampfgeist noch verzweifelter Wagemut. Im Gegenteil. Denn was bislang nicht für möglich gehalten wurde, realisierte US-Achtelliter-Meister Steve Lamson. Im ersten Lauf blamierte der 25jährige Kalifornier die versammelte Weltelite und kreischte mit seiner 125er Honda vor allen nahezu doppelt so starken 500ern zum Sieg. Mit einem völlig überlegenen Doppelsieg demoralisierte anschließend Supercross-Legende Jeremy McGrath auf der Viertelliter-Honda seine Konkurrenten derart, daß Haltliter-Mann Jeff Emig schon fast beschämend zurückhaltend mit Platz drei und fünf den Todesstoß vollendete - mit weniger als der Hälfte der Punkte (näheres zum Reglement siehe Kasten »Wie geht«s«) hatten die Amerikaner die Welt, zumindest aus ihrer Sicht, wieder in Ordnung gebracht. Heile-Welt-Stimmung herrschte nach dem internationalen Flugtag in Südspanien auch im deutschen Lager. Kein Wunder, schließlich hatte die mittlerweile seit Jahren bewährte schwarz-rot-goldene Nationencross-Gesandtschaft Bernd Eckenbach, Pit Beirer und Dietmar Lacher insgesamt gesehen gerade ihr bestes WM-Jahr hinter sich gebracht. Schwabe Eckenbach hatte seine Halbliter Kawa auf WM-Rang zehn getrieben, Badener Beirer sich trotz Kahnbeinbruch Platz sieben der Viertelliter-WM gesichert, und Landsmann Lacher feierte gar Position vier der 500er Hitparade. Trotz wenig Gegenliebe für die schon nach kurzer Zeit völlig zerfurchte, brandgefährliche Piste ließen sich die Teutonen auch im tiefen Süden nicht lumpen. Didi Lacher legte mit in gewohnt präziser Manier herausgefahrenen Plätzen sechs und acht gekonnt vor, so daß Pit Beirer - übrigens von auffallend vielen der 12000 spanischen Fans bejubelt - mit den mehr als respektablen Rängen sechs und vier verwandeln konnte. Und obwohl das Pech, das dem schwäbischen Schaffer Eckenbach beim Nationencross wieder die Treue hielt, ihn auf die Positionen 31 und 27 verbannte, schaffte es die fidele Germanen-Riege dennoch, mit dem vierten Gesamtrang - nebenbei dem besten Teamresultat seit 1987 -, aus dem Schlachtfest für sich einen Festtagsbraten zu zaubern.

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