Moto Cross-DM (Archivversion)

AKTION SORGENKIND

Zwei Klassen pro Veranstaltung, Doppelstarts und internationale Beteiligung. Mit einem neuem Konzept soll der kränkelnden Moto Cross-DM auf die Beine geholfen werden.

Wie oft wird ihnen nachgetrauert, den guten alten Zeiten? Früher, so glauben die meisten, war eben einfach alles besser. Und wenn diese Überzeugung in aller Regel eher auf der Gnade des Vergessens als der eigentlichen Wahrheit gründet, so findet sie derzeit doch in einer Sportart ihre Bestätigung: der nationalen Moto Cross-Szene in Deutschland.Denn in den alten Moto Cross-Zeiten war hierzulande wirklich noch alles gut. Egal ob in der Achtelliter-, der 250er oder der offenen Klasse, brechend volle Starterfelder bildeten noch Mitte der achtziger Jahre den soliden Unterbau eines funktionierenden Konzepts der deutschen Meisterschaft: drei separate DM-Kategorien mit dem übergeordneten Schmelztiegel der prestigereichen, internationalen deutschen Meisterschaft. Doch wie gesagt, die Zeiten ändern sich. Und in der schwarz-rot-goldenen Moto Cross-Szene nicht stets zum Guten. Aus welchen Gründen auch immer, bröckelte die Front der flotten Stollenritter im Lauf der letzten Jahre stetig, aber unaufhaltsam ab. Kümmerliche Starterfelder von kaum zwanzig Akteuren, spärlich aufgefüllt von einer Handvoll gutwilliger Amateur-Crosser aus dem B-Lizenz-Lager, ist alles, was vom ehemaligen Glanz des Oberhauses der Off Road-Szene noch übriggeblieben ist.Doch 1996 soll zum Jahr der Runderneuerung der maroden Stollenwelt werden. Das Zauberwort heißt Blockbildung. Die 125er und die 250er DM, ausgetragen an einem Tag auf derselben Veranstaltung mit der ausdrücklichen Offerte an die Piloten, in beiden Kategorien hinter das Startgatter zu rollen und zudem auch für ausländische Flugakrobaten geöffnet, soll zur unbestreitbaren Klasse der Spitzenfahrer endlich auch wieder die nötige Masse auf den Plan rufen. Und tatsächlich sollte die Rettungsaktion auf Anhieb fruchten. Wie beim Auftakt im schleswig-holsteinischen Tensfeld standen auch beim DM-Auftritt Nummer zwo in Bauschheim unweit der Opel-Metropole Rüsselsheim mehr als 30 Cracks je Klasse bereit zum Kampf um Platz und Sieg - jeweils knapp die Hälfte davon als Doppelstarter.Doch vor den zweifachen Ruhm haben die Götter den Schweiß gesetzt - zunächst den der Mechaniker. Die Vorbereitung zweier Rennnmaschinen und zumeist eines Ersatz-Crossers stellen die Mechaniker vor einen gigantischen Berg von Arbeit. Noch nie wurde in den Vorzelten der Cross-Transporter so hektisch gewerkelt wie in Bauschheim.Der einzige Trost der Mechaniker: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Denn was die ambitionierten Cracks zur Rettung der DM-Szene leisten müssen, ist in der Tat mitleiderregend. Je zwei Läufe in der 125er und der 250er Klasse, also vier mal dreißig Minuten Renndistanz, zwingen nicht nur auf dem spektakulären, supercross-ähnlichen Parcours in Bauschheim auch den konditionsstärksten Crosser in die Knie. Gerade unter diesen Umständen hätten wohl die wenigsten Insider die Dominanz eines einzigen Piloten erwartet, geschweige denn gerade dieses: Collin Dugmore. Der gebürtige Südafrikaner, seit langem im schwäbischen Schorndorf vor den Anker des ehelichen Hafens gegangen, dominierte seine Auftritte quasi nach Belieben. Nur ein kapitaler Motorschaden an seiner 125er Maschine hinderte den 27jährigen Honda-Piloten nach drei Siegen am totalen Triumph.Dennoch darf gerade der sportliche Rundumschlag des Wahl-Schwaben nicht zur Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung in der DM-Szene verleiten. Im Gegenteil. Zur größeren Masse hinter dem Startgitter haben fast ausschließlich die Klassefahrer beigetragen, die als einzige den zeitlichen und finanziellen Aufwand des Doppelengagements aufbringen konnten - und letztlich auch den Kuchen des Erfolgs unter ihresgleichen verteilt haben. Beispiel gefällig? Bis auf Collin Dugmore in der 125er Klasse und den Holländer Marcel van Drunen bei den 250er sind die Namen der besten Fünf in jeder Klasse identisch. Nachwuchspiloten bleiben in der neuen DM-Konstellation erst recht ohne Chance auf Topplazierungen. Im Gegensatz zum beachtlichen Engagement der Industrie im neuen Doppel-Championat, in dem vor allem Yamaha und Honda eine ganze Armada von Söldnern ins Gefecht geschickt hatte, stand zumindest in Bauschheim der Zuschauerzuspruch. Nur knapp 3000 Fans honorierten die Fleißarbeit der Moto Cross-Athleten und ließen insofern auch Organisationschef Kurt Stolz finster dreinblicken, der die zusätzlichen 6000 Mark Preisgeld, die für die weitere DM-Klasse fällig wurden, berappen mußte.Dennoch und ohne Zweifel: Der siechenden Moto Cross-DM blieb kein anderer Ausweg, als die Löcher im Starterfeld zunächst mit den vorhandenen Fahrern zu stopfen. Der Sport ist trotz der überdeutlichen Dominanz von einigen wenigen Piloten eindeutig hochwertiger geworden. Doch die wichtigste Aufgabe steht allen Verantwortlichen noch bevor: Den durchaus attraktiven und sinnvollen Rahmen der Doppel-Meisterschaft dazu zu nutzen, wieder soviel junge Talente in die DM zu bringen, daß eines Tages gerade auf die Doppelstarts guten Gewissens verzichtet werden kann.
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Parc fermé (Archivversion)

WartenEine Stunde Erholung zwischen den Läufen tut zwar den gestreßten Piloten gut, nicht aber den Zuschauern. Erst recht nicht, wenn sich der Rennnachmittag der Doppel-DM über geschlagene fünf Stunden - davon gezwungenermaßen drei Stunden Pause - hinzieht.In der NotDem Problem der überlangen Auszeiten versuchte der Bauschheimer Club mit einem Showprogramm zuleibe zu rücken. Ein Superjump-Wettbewerb und Live-Musik retteten zumindest ansatzweise, was kaum zu retten war.Diepold im StreßRoland Diepold, nach zwei Jahren Rennpause wieder aktiver 16facher Ex-Meister, hadert mit seinem Nervenkostüm. Die Doppelbelastung von Beruf - Diepold betreibt eine Transportfirma - und Sport streßt den ehrgeizigen Yamaha-Piloten dermaßen, daß der 34jährige in Bauschheim wegen einer Gürtelrose zum Zuschauen verurteilt war.Jasinski im StreßJust zur Saisoneröffnung leidet Jochen Jasinski an einer schmerzhaften Sehnenscheidenentzündung. Der Hesse mit dem Schweizer Meistertitel mußte in Bauschheim passen und fürchtet nun um seine Chancen in der Halbliter-WM und im Schweizer Championat.Evertsen und Holvoet im StreßAuf eine Schlägerei ließen sich im freien Training die Yamaha-Piloten Edwin Evertsen und Axel Holvoet ein. Das Resultat: Punktsieg für Evertsen und saftige Sportstrafen für beide.Wild CardDidi Lacher, 500er Pilot mit guten WM-Aussichten, wird als erster Deutscher in den Genuß der neuen Wild Card-Regelung der FIM kommen. Der 30jährige deutsche Inter-Meister wird am 14. April in Teutschenthal in der Viertelliter-WM gastieren.Strijbos outDave Strijbos, niederländischer Ex-Weltmeister und 1996 in Diensten des neuformierten Team Yamaha-Kurz, hat sich einen Kreuzbandriß im Knie zugezogen. Frühestes Comeback: der dritte Achtelliter-WM-Lauf in Spanien am 5. Mai.

Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³1. Lauf: 1. Collin Dugmore, Honda, 2. Andy Kanstinger, Honda, 3. Edwin Evertsen (NL) Yamaha, 4. Bernd Eckenbach, Kawasaki, 5. Didi Lacher, Honda;2. Lauf: 1. Lacher, 2. Eckenbach, 3. Kanstinger, 4. Danny Theybers (B) Honda, 5. Marcel van Drunen (NL) Honda;DM-Stand nach zwei von sechs Veranstaltungen:1. Eckenbach 60 Punkte, 2. van Drunen 59, 3. Kanstinger 53.250 cm³1. Lauf: 1. Dugmore, 2. Eckenbach, 3. Lacher, 4. Theybers, 5. Kanstinger;2. Lauf: 1. Dugmore, 2. Eckenbach, 3. Lacher, 4. Theybers, 5. Kanstinger;DM-Stand nach zwei von sechs Veranstaltungen:1. Theybers 63, 2. Kanstinger 57, 3. Lacher 55.

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