Moto Cross-Fans in Belgien (Archivversion) Brüsseler Spitzen

Klein, aber fein. Seit Jahrzehnten gilt Belgien als das gelobte Land des Moto Cross-Sports.

Alexandre Corbaine bekommt glänzende Augen. »Er ist der Beste, der Beste von allen. Und deshalb unterstütze ich ihn«, stellt der 28-Jährige lapidar fest. Der Friseur aus Leuven in der Nähe von Brüssel gehört schon seit acht Jahren zum Fanclub des vierfachen Moto Cross-Weltmeisters Stefan Everts. Gerade mal 500 eingeschriebene Mitglieder zählt die offizielle Gefolgschaft des derzeit erfolgreichsten belgischen Moto Cross-Piloten. Auf den ersten Blick nicht viel. Und doch nur die Spitze eines Eisbergs der Begeisterung für eine Disziplin, die in der übrigen Welt bestenfalls zu den Randsportarten gezählt wird: Moto Cross.Wenn in dem kleinen Land die Einzylinder-Motoren brummen und die Stollenreifen meterhohe Sandfontänen aufwirbeln, strömen die Massen. Und das schon seit über 40 Jahren. Genauer seit 1958, als René Baeten, ein junger Flame aus Herentals nahe Antwerpen der sportlich ansonsten eher unbedeutenden Nation den ersten WM-Titel bescherte. Selbst das tragische Schicksal des ersten einheimischen Titelträgers, der zwei Jahre später ausgerechnet bei seinem Heimrennen tödlich verunglückte, vermochte den durch den internationalen Triumph ausgelösten Siegeszug des Off Road-Sports nicht zu stoppen. Während anderswo die Könige der Asphaltbänder wie Geoff Duke, Mike Hailwood oder Georg Meier zu Idolen des Zweiradsports heranwuchsen, interessierte in Belgien nur, wer in Feld, Wald und Wiese zu den Schnellsten gehörte.Dazu zählen die Belgier bis heute. Insgesamt 40 WM-Titel - mehr als doppelt so viel wie die besten weiteren Vorzeige-Nationen im Moto Cross - einen den ansonsten so abgrundtief in das frankophone Wallonien und das niederländisch sprechende Flandern gespaltenen Kleinstaat. Freilich, Begeisterung allein garantiert gerade im Off Road-Sport noch längst keinen Erfolg. Denn ohne Fleiß erbt selbst das begnadetste Talent im holprigen Milieu keinen Preis. Doch gerade für die Arbeitssamen unter den Stollenreitern entwickelte sich Belgien zum Paradies. Im Publicity-Sog der WM-Erfolge sprossen quasi in jeder Gemeinde Cross-Pisten aus den kargen Böden - und damit ein unerschöpflich scheinendes Reservoir an ambitionierten Off Road-Piloten. Mit rund 4000 Aktiven, die sich unter dem Dach von sage und schreibe sieben Moto Cross-Verbänden tummeln, bildet Belgien bis heute das Eldorado des Stollenmetiers. Doch erst weil Talent und Ehrgeiz im Motorsport zwar wichtig, genügend Barschaft aber unabdingbar ist, kommt die soziale Komponente ins Spiel. »Hätte ich damals meine Fans nicht gehabt, der Sport wäre zu Beginn für mich nicht finanzierbar gewesen«, erinnert sich Sylvain Geboers, 1969 und 1970 250er-Vizeweltmeister und heute Chef des Suzuki-Werksteams. Damals sprangen die Fans in die Bresche, wenn in der Rennkasse der Nachwuchshoffnung Ebbe war. Meist Freunde, Verwandte, Bekannte und Nachbarn. Ein Satz Reifen, ein paar Kanister Benzin, Ersatzteile. Man half, wo man konnte. Am Saisonende gab´s ein Bierfest. Der Erlös kam selbstverständlich dem rennfahrenden Schützling zugute. Dafür beschien der wärmende Strahl des Erfolgs auch die Fangemeinde. Man konnte sich sehen lassen mit dem Aufdruck »Supporter Sylvain Geboers« auf der Jacke. Auch wenn aktuelle Top-Crosser keineswegs mehr am Hungertuch nagen, ist die Motivation der Fans bis heute die gleiche geblieben. Der Weltmeister - der Junge von nebenan, einer von uns. Da stört es Alexandre auch nicht, dass er in den acht Jahren mit Stefan Everts gerade mal ein paar Sätze gesprochen hat. Er weiß, der Flame ist ein bekannter und beschäftigter Mann. Dritter der letztjährigen belgischen Sportlerwahl hinter den Radlern Johan Museeuw und Tom Steels, noch vor allen Fußballspielern.Zumal Alexandre für seine 15 Mark Jahresbeitrag was geboten bekommt: Einmal gibt´s ein Club-T-Shirt, viermal pro Jahr flattert eine Fanclub-Postille ins Haus. Und wenn er sein Idol live sehen möchte, muss er sich nur in den Fan-Bus setzen. Bis zur Saison-Eröffnung in Talavera nahe Madrid karrt der Fanclub-Vorsitzende Pierre Everts, der Onkel von Stefan, die Enthusiasten. Insgesamt 48 Stunden Busfahrt für einen Renntag. Die Bustour samt Eintrittskarten sowie Jacken und Mützen mit dem Emblem des Chefs gehen aber auf eigene Rechnung. Wenn´s knapp wird mit der Nachfrage, wird auch schon mal mit den anderen Fans zusammengespannt. Neben Everts können auch Kawasaki-Werksfahrer Marnicq Bervoets und der dreifache Weltmeister Joel Smets derzeit auf personelle und moralische Unterstützung zählen. Ja, selbst die vielen, wegen der perfekten Trainingsbedingungen in Belgien stationierten ausländischen Cross-Profis können auf lokale Unterstützung bauen. Der dreifache Weltmeister Greg Albertyn aus Südafrika, der lange in Belgien lebte, aber längst im US-Championat antritt, besucht seine damaligen Fans noch heute jeden Winter. Die sommerliche Durststrecke überbrücken die Freaks derweil als Anhänger der ebenfalls in Belgien residierenden, zum Teil auch schon mit WM-Lorbeer dekorierten King-Brüder aus Neuseeland.Die endgültigen Urteile über die Crosser werden ohnehin abseits der Pisten gefällt. In den Supporter-Cafés, den typisch belgischen dunklen und rauchigen Bars, treffen sich die Könner und Kenner zumindest einmal in der Woche. Dort werden auch die Pläne für gebührende Präsente ausgeheckt. Für seinen ersten WM-Titel engagierte der Fanclub von Joel Smets gar eine bekannte belgische Musikgruppe, die dem frisch gebackenen Champ zu Ehren, einen Song mit passendem Text komponierte. Eine Anerkennung, die auch abgebrühten Profis wie Smets selbst nach langen Jahren noch die Motivation für die tägliche Plackerei auf den Rüttelpisten erhält. Und deren moralische Wirkung beispielsweise auch Pit Beirer schon erfahren hat. Der WM-Titelanwärter (siehe Kasten Seite xxx) konnte als einer der ganz ganz wenigen Nicht-Belgier zu Beginn seiner Laufbahn auf ähnliche Rückenstärkung zählen. Beim Aufstieg in die international erste Liga anfangs der neunziger Jahre, finanzierte nämlich eine Fan-Truppe dem damaligen Teenager, Mechaniker und Lebensunterhalt. »Wenn diese Leute dann am Wochenende am Streckenrand stehen, jubeln und Fahnen schwenken, gibt man nicht auf. Man ist diesen Fans hundertprozentigen Einsatz einfach schuldig«, findet der Kawasaki-Werkspilot auffallende Parallelen zu seinen belgischen Berufskollegen.Auch wenn die schwarz-rot-goldenen Flaggen - die vertikal gestreiften, versteht sich - hinter den Zuschauerabsperrungen mittlerweile etwas weniger geworden sind. Denn hinter Stefan Everts, dem mit 26 Jahren jüngsten der belgischen Muster-Crosser, klafft trotz aller pekuniärer und ideeler Stützmaßnahmen eine gewaltige sportliche Lücke. Künftige einheimische WM-Kandidaten sind weit und breit nicht in Sicht. Doch ein paar Jahre werden Everts, Smets und Co. noch ordentlich am Gasgriff drehen und - wer weiß - vielleicht findet sich bis dahin ein weiterer Junge aus der Nachbarschaft. Man kann sich im Supporter-Café ja mal darüber unterhalten.

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