Moto Cross und Umweltschutz im Jugendbuch (Archivversion)

. .. . haben sie einen spitzen Schnabel. Und wenn’s gegen eine Moto Cross-Strecke geht, erreichen sie hitchcocksches Format.

Gevatter Trend hat die literarische Welt in phantastische Sphären entführt. »Mr. Vertigo«, Titelheld des bestsellernden Romans von US-Modeautor Paul Auster, lernt das Fliegen; in Thomas Brussigs »Helden wie wir« bringt ein Stasi-Mann die Mauer mit seinem besten Stück - womit übrigens nicht der Notizblock gemeint ist - zum Einsturz; und in »Die Rache der Raben« des famosen Jugendbuch-Autorenkollektivs Frederik Hetmann und Harald Tondern zitieren Kolkraben keck aus Goethes Faust, außerdem hört das Vogelvieh frecherweise Telefongespräche ab. Es hat freilich allen Grund dazu. Weil eine Bikerparty mit Moto Cross- und Dragster-Rennen auf dem Kühberg der Westerwälder Gemeinde Brambach steigen soll. Wobei die Vögel gegen Mopeds zunächst mal gar nichts haben. Zwei Raben sah man sogar an einem Geländerennen sich laben. Jetzt aber soll es ihnen an die Eier gehen, die noch nicht ausgebrüteten. Die haben sie in einem eichenhainigen Nest justament auf dem festivalträchtigen Berglein deponiert, das der Werbefuzzi Andy Roßkamp abholzen möchte. Ja, dieser Roßkamp - ein Ekel, wie es nicht nur in diesem Buche steht: mit Lagerfeld-Zopf, schreiend bunter Krawatte, Geländewagen und ebenso strohblonder wie strohdummer Freundin. Da weiß der junge Leser gleich, woran er ist. Nämlich auf der Seite von Tobias Noll, einem elfjährigen Vogelfreund. Dessen Vater, Presi des MC Brambach, eine vergoldete Harley in einem Glaskasten vor seiner Tankstelle zur Schau stellt. Und dessen Bruder Freddy ins Moto Cross-Geschäft einsteigen möchte. Dieser Tobias also versteht sich wunderbarerweise auf die Sprache der Vögel und kämpft als so eine Art Heiliger Franziskus aus dem Westerwald für seine gefiederten Freunde. Klingt alles fürchterlich klischeehaft. Und ist es auch. Dumm nur, daß die Wirklichkeit sich darum nicht schert und mitunter selbst doch arg ins Klischeehafte abdriftet. Die Autoren treiben ihr - zum Teil - brillantes Spiel damit: Ausgerechnet im Dorfkrug »Zu den drei Eichen« beschließt die Bürgerversammlung, die drei Eichen auf dem Kühberg zu fällen. Und daß eine Krähe einer andern kein Auge auskratzt, gehört zur toffen Halbbildung. Als Opfer solch tiefschürfender, hitchcockscher Tätigkeiten gibt’s ja den fiesen Roßkamp. Im Hin und Her zwischen Umweltschutz und Moto Cross, zwischen Grashüpfer und Zweitakter nehmen Hetman und Tondern eine erfrischend neutrale Position ein. Das Festival auf dem Kühberg wird zwar nicht stattfinden, aber Papa Noll avanciert zum Chef eines Moto Cross-Teams, Freddy zu seinem Fahrer Nummer eins, und Tobias, der’s mit den Vögeln kann, ist sein größter Fan. Und was im Genre Jugendbuch eh das Wichtigste ist: »Die Rache der Raben« ist spannend geschrieben, wer einmal angefangen hat zu lesen, bringt’s auch bis zum versöhnlichen Ende. Frederik Hetmann, Harald Tondern: Die Rache der Raben - Eine phantastische Geschichte, rororo-Rotfuchs, 122 Seiten, 8,90 Mark. Für die Aufbereitung dieser Geschichte im Schulunterricht gibt es Lehrer- und Schülerkarten. Der Service von MOTORRAD: Die ersten 50 Lehrer, die dieses Material bei Harald Tondern, Erikastraße 98, 20251 Hamburg, anfordern, erhalten sie zum allergünstigsten Preis. Umsonst.
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Interview (Archivversion) - «Kein Buch über Raben, eins über Motorräder“

Harald Tondern, 54, lebt in Hamburg und schreibt Romane und Geschichten für Jugendliche.
? Fahren Sie selbst Motorrad?Früher bin ich gelegentlich mal gefahren, aber eine eigene Maschine hatte ich nie.? Wie kamen Sie auf das Thema Moto Cross und Umweltschutz?Eigentlich dadurch, daß wir ein Buch über Raben schreiben wollten. Und da fehlte uns noch eine Störung für die Rabennester - so kamen wir aufs Motorrad. Diesen Part mußte ich dann übernehmen, denn Frederik Hetmann war schon auf Vögel spezialisiert.? Sie sagten, Sie hätten diesen Teil übernehmen müssen. Hat’s denn keinen Spaß gemacht, sich mit Motorrädern zu beschäftigen?Anfangs war es wirklich nur ein Job, aber je tiefer ich mich in die Materie hineingekniet habe, desto spannender wurde die Geschichte. Und am Ende ist ja statt eines Buches über Raben eins über Motorräder entstanden, weil wir versucht haben, alle Facetten des Motorradlebens aufzunehmen. Das geht von der vergoldeten Harley über Ratten-Harry und sein Rat Bike bis eben hin zum Sport, dem Moto Cross.? Was mir fehlt, ist der nette Motorradfahrer von nebenan, dem sein Bike nicht gar so fürchterlich wichtig ist.Wir hatten vor, die Motorradszene insgesamt aufzuarbeiten. Da sind solche Typen, wie die im Buch beschriebenen, natürlich interessanter. Die sind alle Mitglied im MC dieses Dorfes im Westerwald, das es übrigens wirklich gibt. ? Ihr Buch ist für den Schulunterricht aufgearbeitet worden. Besteht da nicht die Gefahr, daß viele Lehrer aufgrund ihrer Sozialisation - wenig Motorrad, viel Ökologie - da einiges mißverstehen?Glaube ich jetzt weniger. Frederik Hetmann und ich machen oft Lesungen in Schulklassen, und da stellen wir fest, daß gerade die Schüler sich beim Thema Motorrad sehr gut auskennen. Außerdem greifen vor allem die Lehrer zu dem Stoff, die eh eine Affinität zum Motorrad haben. Aber das Buch sollte nicht belehren, es sollte vor allen Dingen eins sein: spannend. Ein befreundeter Motorradfahrer sagte mir, daß sein Sohn noch nie ein Buch zu Ende gelesen habe. Ich gab seinem Filius das fertige Manuskript. Er hat es gelesen. Und das war eigentlich das größte Kompliment.

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