Moto Cross-WM 125 und 250 ccm Swindon/GB (Archivversion)

Doppelt gehoppelt

Pferderennen, Hunderennen, Wetter oder Lady Dianas Abfindungssumme - alles, worüber sich spekulieren läßt, wird in merry old England meist dazu benutzt, die hartverdienten Pfunde und Pennies in Wettbüros in der Regel ein für allemal loszuwerden. Seltsam nur, daß Zocker und Hasardeure ausgerechnet Moto Cross noch nicht für ihren einfallsreichen Spielplan entdeckt haben. Denn erstens hätten sie beim einzigen kombinierten Moto Cross-GP in Europa in Foxhill die seltene Möglichkeit, ihre Scheine sowohl auf das Resultat des 125er WM-Laufs als auch auf das der Viertelliter-Kategorie zu setzen. Und zweitens wäre der Tip auf der etwa 100 KiIometer westlich von London gelegenen Berg- und-Talpiste noch sicherer als die Spekulation auf Nebel in London im November - zumindest in der Achtelliterklasse. Denn dort gewinnt seit Saisonbeginn nur einer: Sébastien Tortelli. Und auch in dem mit 25 000 Zuschauern zum Bersten gefüllten Talkessel dominierte der erst 17jährige Franzose mit seinem kraftvollen und schon fast langweilig exakten Fahrstil die Horde der wilden Achtelliter-Ritter im Stil eines der ganz, ganz Großen der Off Road-Zunft. Selbst der unter dem Jubel der nationalistisch-euphorischen Menge bis zur Selbstaufopferung kämpfende Lokalmatador Paul Malin mußte erkennen, daß dem gallischen Jungstar derzeit mit den Mitteln eines gewöhnlichen Sterblichen nicht beizukommen ist. Wobei sich momentan auch Collin Dugmore der menschlichen Fehlbarkeit bewußt ist. Der 28jährige gebürtige Südafrikaner mit Wohnsitz im schwäbischen Schorndorf durfte sich vor dem britischen GP mit dem besten WM-Zwischenresultat seiner Karriere schmücken. Verpatzte Starts und ein kräftig malträtierter Knöchel verbannten die Frohnatur in den Läufen zwar auf Rang neun und acht, in der Gesamtwertung rangiert der Honda-Pilot aber immer noch auf der achtbaren siebten Position. Etwas bessere Starts hätten Teamkollege Andy Kanstinger ebenfalls gut zu Gesicht gestanden. Zumal sich auch der 24jährige Schwarzwälder wie Kollege Dugmore über die beste WM-Saison seiner Laufbahn freut. Doch weder der punktelose Rang 16 im ersten Lauf noch der energisch erkämpfte elfte Platz in Heat zwei waren dazu angetan, den 15. WM-Gesamtrang etwas aufzupolieren.Und wenn wir schon von aufpolieren sprechen: Just auf der fahrtechnisch überaus diffizilen und mit vielen ausgefahrenen Steilhängen sehr riskanten Piste inmitten saftigen Weidelands hatte auch Viertelliter-Titelträger Stefan Everts kräftigen Nachholbedarf in Sachen Imagepolitur anzumelden. Schließlich hatte sich der hochgelobte Honda-Werkspilot bei seiner Ankündigung nach den Siegen in den ersten beiden GP der Saison, künftig deren alle gewinnen zu wollen, kräftig verhauen. Ohne einen einzigen weiteren Triumph mußte sich der 23jährige Flame seitdem von Landsmann Marnicq Bervoets regelrecht vorführen lassen. Doch Herrn Everts nützt auch die eindrucksvolle Rehablitation in Foxhill mit zwei völlig überlegenen Laufsiegen wahrscheinlich nur wenig. Denn Suzuki-Konkurrent Bervoets tat das einzig Richtige und hielt sich - sehr wohl um sein 55 Zähler starkes Punktepolster und damit des fast sicheren WM-Titels wissend - mit Rang drei und vier dezent, aber scharf kalkuliert zurück. In Zurückhaltung, allerdings eher unfreiwilliger Natur, übte sich unterdessen auch Deutschlands einziger Viertelliter-Streiter Pit Beirer. Ausgerechnet seit dem deutschen GP in Teutschenthal im April schwankt die Formkurve des 23jährigen stärker als der Tidenhub an der britischen Kanalküste. Kein Wunder, daß die stattliche Punktereserve auf dem vierten WM-Platz mittlerweile zur kärglichen Notration vor der Horde der lauernden Gegner zusammenschmolz. Und auf den kreideweißen Steilhängen in Foxhill sollte die hetzende Meute zubeißen. Bereits in Lauf eins kollidierte der liebenswürdige, aber genervte Modellathlet ausgerechnet an der steilsten aller Auffahrten mit dem Italiener Andrea Bartolini und mußte mit geprelltem Rücken vorab das Handtuch werfen. Kaum Trost im zweiten Lauf: Ein mäßiger Start, und der sonst so verwegen fahrende Profi rutschte, für seine Verhältnisse mehr schlecht als recht zirkelnd, mit Rang elf vorläufig auf den siebten Rang im Zwischenklassement ab. Doch es wäre nicht der brennend ehrgeizige Pit Beirer, wenn die akut nagenden Selbstzweifel nicht der beste Weg zurück nach oben wären. Oder wie heißt es doch? Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Wetten?
Anzeige

PARC FERMÈ (Archivversion)

Der Brite und sein FestMit dem Ablauf feuchtfröhlicher Parties haben die Briten bekanntlich ihre Probleme. Auch in Foxhill. Nach wüstesten Schlägereien im Festzelt auf dem Renngelände setzte am Samstag um zwei Uhr nachts eine kurzerhand eingeflogene Hundertschaft der Polizei per Schlagstock das Ende des Bierausschanks durch. Nicoll outKTM-Werkspilot Kurt Nicoll, mit 32 Jahren dienstältester Viertelliter-WM-Crosser, kugelte sich bei einem Sturz im ersten Lauf den Oberschenkel aus. Diese Verletzung könnte das Ende der Karriere Nicolls bedeuten, zumal der Brite eben diesen Oberschenkel bereits in den achtziger Jahren gebrochen hatte.Comeback?Nach einem Jahr Zwangspause durch rätselhafte Kopfschmerzen tut sich der 500er Weltmeister von 1994, Marcus Hansson, sichtlich schwer. Auf einer 125er Yamaha des italienischen Magic Bike-Teams holte der Schwede in dieser Saison bislang nur zwei WM-Punkte. In Foxhill scheiterte der 25jährige sogar an der Qualifikationshürde.Sprung über die KlingeDie steife Brise in der WM wehte einigen deutschen Teilnehmern zu scharf um die Nase. Markus Volz und Michael Milanovic scheiterten in der 125er Klasse genauso in der Qualifikation wie der im Saarland lebende Südafrikaner Mike Trusler bei den 250ern. Mehr Vorwärtsdrang zeigte dagegen der 21jährige Schwabe Markus Kaufmann. Nach gelungener Qualifikation preschte der Suzuki-Pilot auf Rang 26 und 20.TV-InvestmentAls Jahr der Investition bezeichnet TV-Vermarkter Giuseppe Luongo die aktuelle WM-Saison. Die Produktionskosten der Beiträge, die montags im Magazin Speedworld auf Eurosport ausgestrahlt werden, belaufen sich auf etwa 600 000 Mark. Von der geplanten Finanzierung über die Sponsoren der verschiedenen Teams haben sich aber bislang nur Beirer-Sponsor PAMO, Husqvarna und Bekleidungshersteller Oxbow zahlungswillig gezeigt.Masters of MotocrossEbenfalls vom selbsternannten, dubiosen Organisations-Tausendsassa Giuseppe Luongo inszeniert, soll das sogenannte Masters of Motocross nach fünfjähriger Pause einmal mehr das Licht der Welt erblicken. Allerdings wird sich das prestigeträchtige Aufeinandertreffen der besten europäischen und amerikanischen Piloten auf eine einzige Veranstaltung beschränken. Ort und Zeit: 6. Oktober im französischen Villars, kaum 50 Kilometer vom deutsch/gallischen Grenzort Mühlhausen entfernt.Evertsen radeltEdwin Eversten, kürzlich aus dem deutschen Yamaha-Team Kurz gefeuerter Niederländer und Ex-WM-Hoffnung, muß sein Budget als Honda-Privatfahrer nun selbst aufbringen - unter anderem mit einem Halbtagsjob als Fahrradmechaniker.Papa ante portasCollin Dugmore, momentan mit WM-Rang sieben in blendender Verfassung, darf sich nicht nur über seine feine sportliche Leistung freuen, sondern blickt auch privat einem freudigen Ereignis entgegen: im Dezember erwartet Gattin Conny den ersten Nachwuchs.Johnny O´Illustrer Gaststar am Rande der Piste: US-Crosslegende Johnny O´Mara. Der mittlerweile 34jährige hat vor kurzem seine zweite Sportskarriere als professioneller Mountainbiker beendet und arbeitet nun als Repräsentant des Brillenherstellers Oakley.

Porträt Sébastien Tortelli (Archivversion)

War er jemals ein Kind? Oder wenigstens ein Jugendlicher? Man hat seine Zweifel. Sébastien Tortelli scheint ein Experiment von Mutter Natur zu sein, die es irgendwie geschafft hat, den Geist eines Erwachsenen in den muskelbepackten Körper eines Teenagers zu implantieren. Nicht die Spur von jugendlicher Unbekümmertheit, keine Rede vom Übermut oder der Flapsigkeit eines 17jährigen. Statt dessen präzise, aber emotionslose Antworten und vor allem klare Ziele - den Achtelliter-WM-Titel 1996. Den wird Tortelli sich nach elf von bislang 16 möglichen Laufsiegen auch sicher holen. Warum auch nicht? Er hat bisher immer erreicht, was er wollte. Schon mit sechs Jahren nötigte Klein-Sébastien seine Eltern, Landwirte im südwestfranzösischen Landstrich Gascogne, ihn mit einem Mini-Crosser auf die Jugend-Rennen zu chauffieren. Im Alter von 14 Lenzen meldete sich der talentierte Dickkopf kurzerhand und zunächst ohne Wissen seiner Erzeuger auf das staatliche Sport-Internat INSEP im 300 Kilometer entfernten Paris an. Bereits ein Jahr später holte er sich unter Anleitung von Ex-Weltmeister Jacky Vimond den EM-Titel und im letzten Jahr WM-Bronze bei den 125ern. Alles quasi im Nebenjob. Denn im August steht das Abitur an. Leistungsfächer: Physik, Mathematik und Biologie. Gebüffelt wird den ganzen Dienstag sowie Mittwoch- und Donnerstag morgens. An den beiden Nachmittagen steht der Renntransporter des in Holland stationierten Kawasaki-Werksteams vor der Pforte des INSEP - Motorradtraining.Er fährt, wie er ist: effizient, schnörkellos, fehlerlos. Kühl, aber perfekt. So wie jemand, der es einmal ganz weit bringen kann. Und der fast krankhaft ehrgeizige Teenie will es weit bringen: 1997 und ´98 in der 250er WM, danach in den US-Meisterschaften. Und wie inzwischen jeder weiß: Er hat bisher immer erreicht, was er wollte.

Ergebnisse (Archivversion)

125 cm³1. Lauf: 1. Sébastien Tortelli (F) Kawasaki, 2. Paul Malin (GB) Yamaha, 3. Michele Fanton (I) Kawasaki, 4. Frédéric Vialle (F) Yamaha, 5. Luigi Seguy (F) Moto TM...9. Collin Dugmore (D) Honda, 16. Andy Kanstinger (D) Honda, 26. Markus Kaufmann (D) Suzuki;2. Lauf: 1. Tortelli, 2. Malin, 3. Fanton, 4. Stéphane Roncada (F) Honda, 5. Seguy...8. Dugmore, 11. Kanstinger, 20. KaufmannWM-Stand nach acht von zwölf Veranstaltungen: 1. Tortelli 275 Punkte, 2. Malin 208, 3. Vialle 205, 4. Seguy 115, 5. Fanton 111...7. Dugmore 103, 15. Kanstinger 44. 250 cm³1. Lauf: 1. Stefan Everts (B) Honda, 2. Yves Demaria (F) Yamaha, 3. Tallon Vohland (USA) Kawasaki, 4. Marnicq Bervoets (B) Suzuki, 5. Joakim Karlsson (S) Honda;2. Lauf: 1. Everts, 2. Andrea Bartolini (I) Yamaha, 3. Bervoets, 4. Vohland, 5. Karlsson...11. Pit Beirer (D) Honda;WM-Stand nach acht von 13 Veranstaltungen: 1. Bervoets 273 Punkte, 2. Vohland 218, 3. Everts 214, 4. Karlsson 142, 5. Werner Dewit (B) Suzuki 136...7. Beirer 130.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote