Moto Guzzi-Umzug (Archivversion) See-Störung

Moto Guzzi und Mandello - das gehört zusammen wie Espresso und Grappa. Doch das Management will nicht länger an den idyllischen Gestaden des Comer Sees produzieren.

Natürlich ist es hier toll«, gesteht Oscar Cecchinato, 60, seit einem knappen Jahr der neue Chef bei Moto Guzzi. »Aber allein mit einer schönen Landschaft können wir nicht effizient produzieren.«Idyllisch liegt das älteste Motorradwerk Italiens in Mandello del Lario zwischen dem Ufer des Comer Sees und dem zackigen Anstieg rauf zum Grigna-Berg. »Wir produzieren praktisch mitten im Gebirge«, klagt Cecchinato. »Das Guzzi-Werk liegt auf drei Höhenebenen und ist total verwinkelt. Da können nicht mal die Lastwagen für den Motorradtransport vor die Auslieferungshalle fahren, weil die Kurven zu eng sind.” Schon seit einigen Monaten reift bei den Guzzi-Managern der Plan, die Fertigung zu verlagern – gen Süden, in topfebenes Gebiet: »Wir wollen im Jahr 2000 zwischen 15000 und 18000 Motorrädern produzieren, in den Jahren danach noch mehr. Das ist auf dem Gelände in Mandello gar nicht machbar.” Höhere Stückzahlen sind, so Cecchinato, für das Überleben von Guzzi lebensnotwendig: »Damit wir keine Verluste machen, müssen wir mindestens 8000 Motorräder pro Jahr bauen. Da wollen wir in diesem Jahr rankommen. Und dann haben wir immer noch keine Lira für Investitionen verdient.« Eine Entscheidung über den Umzug soll bis Ende Mai fallen. Und dann will Moto Guzzi, inzwischen komplett im Besitz US-amerikanischer Investorengruppen, endlich richtig loslegen. Die neuen Marktstrategien stehen bereits. »Wir werden in den nächsten drei Jahren rund 55 Millionen Mark investieren«, sagt Cecchinato stolz. Zu den wichtigsten Projekten gehören die Entwicklung eines neuen Rahmens und eines neuen Zweizylinders. Auch Qualitätskontrolle und -verbesserung verspricht Cecchinato; erster Schritt in diese Richtung ist die dreijährige Garantie, die Guzzi seit Anfang 1998 für alle Motorräder bietet. Ein neues Werk, so meint Cecchinato, sei wesentlich billiger, als Mandello zu sanieren: »Das würde uns rund 31 Millionen Mark kosten. Und die Aktionäre geben mir ihr Geld schließlich nicht für Gebäudesanierung, sondern für Entwicklung und Produktion von Motorrädern.« Cecchinatos Umzugspläne stoßen auf wenig Gegenliebe. »Wir wollen Guzzi in Mandello behalten”, bekräftigt Giorgio Siani, 31, Bürgermeister des Städtchens mit seinen knapp 11000 Einwohner. »Das würden wir uns auch etwas kosten lassen.” Die Sanierung des Werks könne die Gemeinde zwar nicht übernehmen. »Dazu sind wir viel zu klein, unser kompletter Jahreshaushalt umfaßt ungerechnet ja nur zehn Millionen Mark. Aber wir würden die Bebauungspläne ändern, eine neue Zufahrt bauen und Guzzi in jeder Hinsicht unterstützen.” Nicht zuletzt auch der vielen Motorradtouristen wegen, die meisten davon aus Deutschland, die Geld in die Gemeindekassen bringen. Doch die, behauptet Cecchinato, würden Mandello in Zukunft die Treue halten: »Das Herzstück von Guzzi soll ja in Mandello bleiben, von der Direktion über Verkauf und Marketing bis hin zum Museum. Nur die Produktion soll verlagert werden.« Das sieht Carlo Zucchi, 51, vom Guzzi-Betriebsrat anders: »Wenn die Produktion weg ist, fehlt doch das Herz von Moto Guzzi. Was bleibt dann schon noch?« Auch Gewerkschaftsfunktionär Massimo Sala schlägt in die gleiche Kerbe: »Natürlich sind 31 Millionen eine gewaltige Investition für die Sanierung. Aber wenn man es mittelfristig verteilt, etwa auf zehn bis 15 Jahre, sieht es gleich wieder anders aus.« Die große Mehrheit der 360 Beschäftigten bei Guzzi votiert gegen den Umzug, auch wenn Cecchinato versichert, es würde deswegen keine einzige Entlassung geben: »Schließlich wollen wir nicht nach Amerika, sondern in die nähere Umgebung.« Doch der altgediente Guzzi-Werker Zucchi fühlt sich fatal an die siebziger Jahre erinnert, als die Motorenproduktion schon einmal verlegt wurde, damals zu Benelli nach Pesaro. »Was war das Resultat? Kein Mensch wollte mehr unsere Produkte. Nein, nein, eine Guzzi muß aus Mandello kommen.« Zucchi rechnet vor, daß eine höhere Produktion in Mandello durchaus möglich sei. »Wir haben immerhin drei Bänder. Bei guter Arbeitsorganisation können wir durchaus 12 000 Motorräder pro Jahr bauen.” Und ein viertes Montageband lasse sich auch in Mandello noch unterbringen. Gewerkschaft und Betriebsrat wollen den Standort Mandello nicht kampflos aufgeben. »Im Zweifel”, sagt Massimo Sala, »holen wir die deutschen Guzzi-Fans zu Hilfe.“

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