15 Bilder

Motoball - Zu Gast bei MSF Tornado Kierspe Tornado überm Sauerland

Beim MSF Tornado Kierspe dreht sich alles um Motoball. In dem Verein aus dem Sauerland betreiben neben dem Bundesliga-Team und der Jugend auch die Alten Herren den Kick mit dem Bike – eine graubunt zusammengewürfelte Truppe ohne jede motoballerische Vorerfahrung.

Die Rückennummer 96 hab ich mir ausgesucht, weil die immer gut zu lesen ist, egal wie ich hinfliege“, grinst Thomas Frambach. Es ist Tag der offenen Tür beim MSF Tornado Kierspe, der zur Saisoneröffnung 2014 allen Interessierten die Möglichkeit bietet, hautnah Bekanntschaft mit der Randsportart Motoball zu machen. Ein Sport, zu dem Thomas erst in fortgeschrittenem Alter gefunden hat. Zusammen mit 15 anderen Mittvierzigern bildet er das vor einem Jahr von Präsi Frank Schmiedel und Bodo „Nuppi“ Vogelsang ins Leben gerufene Altherren-Team der Tornados.

Gängige Straßenmotorräder fahren sie fast alle, aber eine Motoballmaschine war ihnen bis dato fremd und ist etwas ganz anderes als so eine fette FJR oder XJR. Wie Besucher bei einer Probefahrt auf dem fein geschotterten, fußballfeldgroßen Motoball-Platz im Kiersper Industriegebiet testen dürfen. Finden sich Kupplung und Handbremse bei den per Kickstarter anzutretenden 250er-Zweitaktern noch an den vertrauten Stellen, so bringt der Rest der Hebelei die untrainierten Synapsen schnell ins Straucheln. Links und rechts gibt es je einen Fußbremshebel, geschaltet wird per Hand, rechts am Lenker findet sich der Hebel für den ersten Gang, links der für den zweiten. Beruhigend für Novizen, dass es weitere Gänge nicht gibt; dafür wäre wohl weder am noch im Lenker Platz.

Anzeige

Spieler mögen den Zweitaktqualm und dreckige Hände

Ach ja, nicht zu vergessen natürlich auch der vergleichsweise monströse „Fußball“, den es beim Motoball mit dem Stiefel eng am Vorderrad zu führen und ins gegnerische Tor zu schießen gilt. Worauf bei so einer Probefahrt allerdings verzichtet werden kann. Für den Erstkontakt wie auch den lang anhaltenden Spaß danach reichen die längst pensionsreifen Motoball-Möhrchen der Altherren völlig aus, die pro Stück 500 Euro kosteten. „Wir mögen den Zweitaktqualm und dreckige Hände, wollen uns austoben und können hier das machen, was im öffentlichen Verkehr längst nicht mehr geht“, bringt der Präsi die Philosophie seiner Jungs auf den Punkt.

Und wer braucht für diesen Punk schon aktuelles Hightech-Material? Zumal als Anfänger, wenn man beim ersten Motoball-Testspiel gegen die vereinseigene Jugend mit 1:7 baden geht. Trainer Ralf Hermel ist trotzdem optimistisch: „Ich bin zufrieden mit dem, was die alten Herren auf dem Platz gelernt haben, und freue mich auf die neue Saison.“ Bleibt noch anzumerken, dass keiner der altersweisen Spieler die Rückennummer 46 von Rossi oder die 93 (Márquez) gewählt hat.

Anzeige

Video - MSF Tornado Kierspe gegen 1. MSC Seelze

Video: Motoball - Zu Gast bei MSF Tornado Kierspe

„Morgen siehst du dann den Unterschied zu unserem Bundesliga-Team: Fahrzeugbeherrschung, Ballführung, Technik, Speed – alles auf ganz anderem Level“, stimmt Ulf Hildebrandt, inzwischen auch bei den Altherren gelandet, aufs erste Saisonspiel ein. Wir sitzen im Clubheim, der Pizzeria Tornado. Der Laden ist voll wie ein üppig belegter Rundteig. Quasi ein Familientreffen der Motoballer – inklusive Sponsoren, stellvertretender Bürgermeisterin sowie der alten Recken Jonny Mallon und Detlef „Orti“ Treude, Deutscher Vizemeister 1990 und 1991 mit dem MSF. Neben den Knatterboys an einem eigenen Tisch sitzen „Leise Tipse“, „Quarkige Chefin“ und sieben weitere kreativ beshirtete Damen, die heute Junggesellinnenabschied feiern. Logisch, dass die zukünftige Ehefrau entführt wird. Ein Job für Ulf und seine GasGas, auf der die Sozia bei der zweiten Runde durch die Motoballarena trotz aller Behutsamkeit ihren Schleier verliert.

Am folgenden Nachmittag ab 15 Uhr wäre Behutsamkeit völlig fehl am Platz – Bundesligaspiel zwischen den Tornados und dem 1. MSC Seelze. Was heißt hier Randsportart? Und was bitte ist Fußball? Nirgendwo ist das Erlebnis – visuell, auditiv und auch olfaktorisch – so intensiv wie hier. Etwa 300 Zuschauer stehen direkt an den Banden. Dahinter toben wie beim Autoscooter auf der Kirmes im spektakulären Drift und Durcheinander die acht Maschinen der beiden Teams (siehe Kasten Seite 134). Wer Motoball zum ersten Mal verfolgt, den erinnern die Kurzpasskombinationen vielleicht ans Tiki-Taka von Barcelona und das lauernde Herumkurven vor der Torraumlinie an die Kreisläufer im Hallenhandball. Gewisse Parallelen gibt’s auch zu Rugby, wenn’s zur Karambolage der motorisierten Streithähne kommt und nur noch der Schiri wie ein Leuchtturm über dem Knäuel aus Menschen und Maschinen steht.

Umbau der Arena zum gepflasterten Hartplatz angestrebt

Sehr zur Freude des friedlich in die Kiersper Community integrierten Gästefanblocks geht Seelze bereits kurz nach dem Anpfiff 1:0 in Führung. Die Tornados finden zunächst kaum ins Spiel, was aber, wie Trainer Daniel Sachs analysiert, an der Saisonvorbereitung seiner Mannschaft liegt. Die war oft auf auswärtigen Plätzen unterwegs und muss sich an die heimischen Verhältnisse erst wieder gewöhnen. Das ist einer der Gründe, warum man in Kierspe von einem Umbau der Arena zum gepflasterten Hartplatz träumt, wie ihn viele der Mitbewerber in der Liga haben. Stadionsprecher Thomas Frambach hat vorbildlicherweise schon mal 20 Euro gestiftet und den Anteilsschein über immerhin einen der 5000 Quadratmeter des umzubauenden Motoball-Spielfeldes erworben.

Vom Aktionär zurück zur Action auf dem Platz, wo kurz vor der Pause zum letzten Viertel endlich der psychologisch enorm wichtige Ausgleich fällt. Torschütze ist die Nummer neun, Ex-Nationalspieler Pascal Loskand, sozusagen der Bomber der Kiersper Fraktion. Ob’s daran liegt, dass es beim Motoball drei Pausen gibt statt einer wie beim Fußball? Zeit genug jedenfalls für die Stärkung zwischendurch. Rund 200 Würstchen, 70 Steaks und 13 Kilo Pommes werden während eines gut besuchten Heimspiels ans hungrige Volk verfüttert. Wer’s lieber süß mag, ist an der Kuchentheke richtig.

Bundestrainer Andreas Misik vor Ort

Richtig ins Spiel findet das Motoball-Team aus Kierspe im letzten Viertel. Noch zweimal versenkt Torjäger Pascal Loskand den großen Ball im gegnerischen Netz, bevor Oliver Sinn es ihm gleichtut und das Spiel 5:1 für die Tornados endet. Der Kantersieg nach langem Rückstand ist ein Fest für die Fans. Auch der anwesende Bundestrainer Andreas Misik scheint zufrieden, beruft Moritz Cord und Kevin Friedrich zum Sichtungslehrgang für die Nationalmannschaft, in der die beiden Kiersper Keeper Heiko Laubner und Oliver Potthoff bereits gespielt haben.

Selbst wenn sie als Spätberufene keine Chance mehr haben dürften, echtes Topniveau zu erreichen, werden die Alten Herren am nächsten Freitag ab 17 Uhr wieder wacker trainieren und die Shirts mit den selbst gewählten Rückennummern überstreifen. So wie Bodo, der die 55 trägt, durchgestrichen in rotem Kreis. Eine Hommage an Sammy Hagar und den Song „I can’t drive 55“ von Van Halen. Motto und Ansporn zugleich, so mit 80 oder 90 km/h über den Motoballplatz zu hämmern. Ganz ohne jedes Tempolimit.

Foto: Daams
Deutschland wurde 2013 Motoball-Europameister. Im Finale bezwang man das Team aus Russland.
Deutschland wurde 2013 Motoball-Europameister. Im Finale bezwang man das Team aus Russland.

Motoball-Regeln

Motoball ist quasi Fußball auf Motorrädern. Ausmaße und Begrenzungslinien des Feldes ähneln denen beim Fußball, statt Rasen ist aber Asphalt, Beton oder Tartan (jeweils mit dünner Sandauflage) der bevorzugte Untergrund. Eine Mannschaft besteht aus maximal zehn Spielern, zwei Mechanikern, einem Trainer und einem Coach sowie einem Arzt oder Physiotherapeuten. Pro Team gleichzeitig auf dem Platz sind jeweils vier Feldspieler und ein Torwart ohne Motorrad; Spieler und Motorräder können während des Matches gewechselt werden. 

Der Ball hat einen Durchmesser von rund 40 Zentimetern und ein Höchstgewicht von 1200 Gramm, die anderen Spielgeräte 250 cm³, gut 50 PS und nur zwei Gänge. Die Maschinen werden 15 Minuten warm gefahren, das anschließende Spiel, geleitet von zwei Schieds- und zwei ­Linienrichtern, dauert viermal 20 Minuten. Zwischen den Vierteln gibt’s zehn Minuten Pause, in der Halbzeit ist Seitenwechsel und Gelegenheit zum Nachtanken im Fahrerlager.

Fouls werden mit Zeitstrafen oder Platzverweis geahndet

Richtig spektakulär ist’s „auff’m Platz“, wenn der Ball in voller Fahrt eng zwischen den Bügeln an Motor und Vorderrad geführt wird, um ihn schließlich mit Fuß, Körper oder Kopf einzunetzen. Handspiel ist beim Motoball verboten, Regelverstöße und Fouls werden mit Zeitstrafen von ein oder zwei Minuten (Grüne bzw. Gelbe Karte) oder Platzverweis (Rote Karte) geahndet. Daneben sieht der Sanktionskatalog auch Freistoß und Elfmeter vor.

Anders als in Frankreich oder Russland gibt es hierzulande nur noch wenige Motoballmannschaften; die meisten spielen in der Bundesliga. Diese teilt sich auf in die Gruppe Nord mit den Teams aus Halle, Jarmen, zweien aus Kierspe, Malchin, Pattensen und Seelze sowie die Gruppe Süd mit Budel (NL), Durmersheim, Kuppenheim, Malsch, zweimal Mörsch, Philippsburg und Ubstadt-Weiher. Die vier Erstplatzierten jeder Gruppe spielen in einer Playoff-Runde um die Meisterschaft, Rekordtitelträger ist der MSC Taifun Mörsch. Motoball-Europameister wurde 2013 Deutschland mit einem Sieg gegen die favorisierten Profis aus Russland. Nicht nur als potenzieller Nachwuchsspieler ist man bei vielen Vereinen gern gesehener Gast. Probetraining ohne Leistungsdruck bieten zum Beispiel auch die Alten Herren vom MSF Tornado Kierspe an.

Foto: Daams
Jonny Mallon in seiner Werkstatt mit zwei von ihm gebauten Motoballmotorrädern des Typs M4. Noch lieber mag der Meister aber die alten luftgekühlten Motoren.
Jonny Mallon in seiner Werkstatt mit zwei von ihm gebauten Motoballmotorrädern des Typs M4. Noch lieber mag der Meister aber die alten luftgekühlten Motoren.

Porträt Jonny Mallon

Jonny Mallon ist Jahrgang 1943. „Damals, als Kinder noch Adolf hießen, wusste meine Mutter nicht, dass man Jonny eigentlich mit h schreibt“, erzählt der 70-Jährige. Dafür wusste er lange Zeit nicht, dass es so etwas wie Motoball überhaupt gibt. Davon erfuhr er erst von einem gewissen Schnalle, Kieskutscher auf einer Baustelle. Als Jonny dann 1979 in Meinerzhagen sein erstes Motoballspiel sah, sprang der Ballzillus über – und der hat ihn bis heute fest im Griff. Jonny wurde Trainer des MSF Tornado Kierspe, führte die Mannschaft zweimal zur Deutschen Vizemeisterschaft.

Die Pleite von Maico 1986 bedeutete nicht nur das Aus einer traditionsreichen Marke, sondern bedrohte auch den Nachschub an tauglichem Gerät für Motoballer. Bei der Motorradschmiede Kramer machten sie Jonny den Vorschlag, die Maschinen doch einfach selbst zu bauen. Womit der Tausendsassa nach einwöchiger Bedenkzeit tatsächlich begann, ausgerüstet mit einer dreiseitigen Teileliste. Es folgten Reisen zu den Zulieferern in Italien – ohne Italienisch-Kenntnisse, aber mit viel Engagement. Der Start einer Karriere als Motorradbauer, dessen Produkte weit übers Sauerland hinaus gefragt sind. Paradoxerweise hat er selbst Angst davor, über den Motoballplatz zu knallen; lieber gondelt er im 15-PS-Tornax-Gespann mit Ehefrau Anneliese durch die Gegend.

Angetrieben wird die M4 von einem Rotax-Motor Typ 257

Ungefähr 300 Maschinen hat Jonny Mallon bisher gebaut, aktuell stehen zwei gestrippte Exemplare des Modells M4 auf den Bühnen seiner Werkstatt. „Die gehen in die Nähe von Donezk in der Ukraine; aber wer weiß, vielleicht müssen die Leute da jetzt erst mal Munition kaufen“, flachst Jonny. Angetrieben wird die 6000 Euro teure M4 von einem Rotax-Motor Typ 257: Einzylinder-Zweitakt, 250 cm³, 54 PS, Wasserkühlung – neben der spanischen GasGas der Standard im Motoball.

Viel lieber mag Meister Mallon aber den Typ 244 mit luftgekühltem 42-PS-Motor: „Die wassergekühlten Maschinen lassen auf dem Platz doch nur den Dreck ein bisschen höher fliegen, schneller voran kommen die aber auch nicht.“ Der Guru der Kiersper Motoballer unterstützt die Alten Herren und den Nachwuchs gleichermaßen. Speziell für die Kadetten gibt’s das Modell K2: 97 cm³, 9 PS, Sitzhöhe variabel. Übrigens sucht Jonny Mallon einen Nachfolger. Irgendwie muss es ja weitergehen mit diesem speziellen Modellprogramm.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel